Jazzkolumne:Herrlicher Herbst

Esperanza Spalding

Auf den Spuren der Heilkraft der Musik: Esperanza Spalding.

(Foto: Samuel Prather; Shorefire Media)

Eine Vorschau auf Neuerscheinungen, darunter Alben von Melanie Charles, Theo Croker, Esperanza Spalding, Pat Metheny und dem guten alten John Coltrane.

Von Andrian Kreye

Es wird ein herrlicher Herbst werden im Jazz. Die ersten Festivals planen ein Weltklasseprogramm auf richtigen Bühnen. Das Enjoy Jazz Festival im Großraum zwischen Heidelberg und Ludwigshafen zum Beispiel (unter anderen mit Angel Bat Dawid, Theo Croker, Lakecia Benjamin), die Leverkusener Jazztage (Joey Alexander, Kenny Garrett, Lisa Simone) und das Jazzfest Berlin (die ihr Programm bald verkünden). Und auch wenn viele Touren auf 2022 verschoben sind, macht der Blick in die Liste der Neuerscheinungen extrem gute Laune. Hier schon mal eine kleine Auswahl, in vier willkürliche Genres unterteilt.

Jazzkolumne: Melanie Charles "Y'all don't (rellay) care about black women"

Melanie Charles "Y'all don't (rellay) care about black women"

(Foto: Verve)

Jazz neu gehört

Makaya McCraven "Deciphering the Message" (Blue Note am 19.11.): Selten wird so deutlich, wie anders die Generation des Post-Hip-Hop-Jazz Musik hört, wie auf dem Blue-Note-Debüt des Schlagzeugers aus Chicago. McCraven hat Aufnahmen von Legenden wie Dexter Gordon, Donald Byrd oder Lee Morgan in Loops gesampelt und spielt darüber mit Zeitgenossen wie Joel Ross und Jeff Parker. Klingt verblüffend neu.

Melanie Charles "Y'all Don't (really) Care About Black Women" (Verve am 22.10.): Ähnlich radikal geht die Sängerin Melanie Charles mit dem Erbe der großen Diven um. In Collagen aus Archivaufnahmen, Overdubs und Elektronik mit scharfen Breaks und Brüchen ist das nicht nur eine neue Ästhetik, sondern eine vollkommen andere Art, dieses Erbe zu hören.

BadBadNotGood "Talk Memory" (XL am 8.10.): Das kanadische Klaviertrio hat in seinen frühen Studentenzeiten Hip-Hop-Klassiker als akustischen Jazz interpretiert. Und weil das so gut funktionierte, arbeiteten sie schon bald mit Leuten wie Ghostface Killah, Tyler the Creator und MF Doom. Jetzt wagen sie sich an neue Elektronik und die komplexe Rhythmusgeschichte Brasiliens und haben dafür Floating Points, Terrace Martin und Arthur Verocai gewonnen.

Jazzkolumne: Theo Croker "BLK2LIFE"

Theo Croker "BLK2LIFE"

(Foto: Sony)

Jazz neu gedacht

Theo Croker "BLK2LIFE" (Masterworks am 24.9.): Oft genug sind ambitionierte Großwerke schiefgegangen. Der Trompeter Theo Croker will mit seinem neuen Album nicht weniger als die gesamte Geschichte der afroamerikanischen Kultur von ihren afrikanischen Wurzeln bis zur Gegenwart erzählen. Das bleibt trotz der musikalischen und inhaltlichen Spannweite ein in sich geschlossenes Meisterwerk mit sehr viel Respekt vor Soul und Funk.

Esperanza Spalding "Songwrights Apothecary Lab" (Concord am 24.9.): Die Bassistin hat ihr Studio zum Labor erklärt und nicht nur mit Musikern, sondern auch Wissenschaftlern frei nach Albert Aylers Maxime "Music is the Healing Force of the Universe" an einer Art Heilmusik gearbeitet, die aber sehr souverän in sich ruht.

Irreversible Entanglements "Open the Gates" (International Anthem am 12.11.): Jazz als Agitation ist nicht neu, war aber lange vergessen. Niemand packt Wut so überzeugend in Musik wie das Punk-Free-Jazz-Quintett um die Lyrikerin Moor Mother.

Jazzkolumne: Andrew Cyrille "The News"

Andrew Cyrille "The News"

(Foto: ECM)

Jazz wie gehabt

Andrew Cyrille "The News" (gerade bei ECM erschienen): Es muss nicht immer gleich der Aufbruch zu neuen Formen sein. Ausgerechnet der radikale Weggefährte und Schlagzeuger des Bilderstürmers Cecil Taylor findet gemeinsam mit dem Gitarristen Bill Frisell und dem Pianisten David Virelles zu einem geradezu klassischen Schönheitsideal in der Musik, dass man fast schon erleichtert ist, wenn er das im Verlauf des Album behutsam aufbricht.

Pat Metheny "Side Eye NYC" (Modern Recordings am 10.9.): Warum sollte der Gitarrenvirtuose seine Musik erneuern? Tut er aber doch, denn im Trio mit dem Keyboarder James Francies findet er zwar keine neue Formen, aber eine neue Energie. Da klingen selbst seine alten Hits wie gerade eben ausgedacht.

The Cookers "Look Out!" (Gearbox am 24.9.): Sollte sich jemand gefragt haben, was die wackeren Handwerker eigentlich so tun, die in den Achtzigerjahren so fleißig tourten, Donald Harris zum Beispiel, George Cables und Billy Hart, der findet sie hier in einer Supergroup mit virtuosem Hard Bop.

Jazzkolumne: John Coltrane "A Love Supreme Live in Seattle"

John Coltrane "A Love Supreme Live in Seattle"

(Foto: Impulse)

Jazz wiederentdeckt

Art Blakey & the Jazz Messengers "First Flight to Tokyo" (Blue Note am 5.11.): Verschollene Konzertmitschnitte aus Japan mit einem hyperaktiven Lee Morgan an der Trompete und einem extrem entspannten Wayne Shorter am Saxofon. Absolute Höchstform.

Mankunku Quartet "Yakhal Inkomo" (Mr. Bongo am 22.10.): Der Tenorsaxofonist Winston "Mankunku" Ngozi galt als Afrikas Antwort auf Coltrane. Sein Album von 1968 beweist das und erscheint immer mal wieder in kleinen Auflagen.

John Coltrane "A Love Supreme: Live in Seattle" (impulse am 8.10.): Das Schlüsselwerk war Inspiration für Rockstars wie Santana und für Bono ein Erweckungserlebnis. Live spielte Coltrane den Meilenstein des Spiritual Jazz nur selten. Bisher gab es nur eine Aufnahme aus Antibes. Deswegen wird der verschollene Mitschnitt aus Seattle schon mit Höchstspannung erwartet. Spoiler: Hält, was es verspricht.

© SZ/C.D.
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