Jazz Lieber leise

Der Pianist Chris Gall stellt sein zweites Soloalbum "Room of Silence" in der Unterfahrt vor und feiert Reduktion und Minimalismus

Von Oliver Hochkeppel

Chris Gall ist nicht nur einer der besten, sondern auch einer der vielseitigsten Jazzpianisten Deutschlands. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen stammt der 43-jährige Bad Aiblinger aus einer sehr musikalischen Familie. Sein Vater war Sänger und Gitarrist, der "das zwar immer nur als Hobby betrieben hat, zeitweise aber mehr Auftritte hatte als heute manche Berufsmusiker", wie Gall erzählt. Auch sein jüngerer Bruder Peter folgte dem väterlichen Vorbild und wurde einer der besten Jazz-Schlagzeuger des Landes. Zum anderen begann Gall als klassischer Pianist, der den Jazz erst relativ spät entdeckte: Mit 16 gründete er eine Schülerband unter anderem mit dem heute ebenfalls sehr erfolgreichen Klarinettisten Alexander von Hagke (Passo Avanti, Panzerballett) und dem Multiinstrumentalisten Nick McCarthy, der es später bei Franz Ferdinand zu Weltruhm brachte. "Wir kamen alle von der Klassik und haben gemeinsam den Jazz entdeckt, was natürlich aufregend war."

Angefangen hat er als klassischer Pianist. Den Jazz hat Chris Gall erst recht spät für sich entdeckt.

(Foto: Mike Meyer)

Schließlich kam Gall eher zufällig und von Freunden überredet an ein Stipendium für das Berklee College of Music in Boston. Die Kaderschmiede des Jazz wurde für den Unstudierten zur prägenden Erfahrung: "Die Studenten kamen von überall her, und so habe ich wahnsinnig viele Weltmusik-Einflüsse aufgesogen."

So wurde Gall ein Experte für brasilianische Musik - sechs Jahre lang spielte er zum Beispiel als einziger Europäer bei den Tourneen der Giana Viscardi Group - und knüpfte daran als "assoziiertes Mitglied" von Quadro Nuevo bei ihrem Tango-Projekt wieder an. Aber er holte sich auch Big-Band-Erfahrung bei Harald Rüschenbaum, begleitete und begleitet Vokalisten wie Ecco Meineke, Anna Leman oder die New York Voices, ging bei Nils Landgren und dem Hi-Fly Orchestra in die Funk- und Soul-Ecke, machte mit dem Indie-Sänger und Hip-Hopper Enik zwei Alben fürs Münchner Act-Label, pflegt eine intime Zusammenarbeit mit dem Gitarristen Andreas Dombert und nicht zuletzt sein eigenes Trio.

So war der Jazz für Gall eigentlich immer Bandklang. Dementsprechend dauerte es bis 2015, bis er sich an die Königsdisziplin wagte, an ein Solo-Album. "Man ist zwar flexibler, aber kann sich auch von keiner Begleitung inspirieren lassen, muss sich ganz auf sich selbst verlassen und ist sich in gewisser Weise selbst ausgeliefert. Die schlicht "Solo Piano" betitelte CD präsentierte einen lyrischeren, wieder klassischeren Chris Gall. Was sich nun auf dem zweiten Solo-Werk noch einmal verstärkt: "Room of Silence" versteht sich als Gegenentwurf zur allgegenwärtigen Geräuschflut. 17 Stücke, eigene Miniaturen und auf die Essenz zusammengeschnurrte Interpretationen von Peterson bis Jobim, schwelgen da in Reduktion, Konzentration und Minimalismus, ohne je "eintönig" zu werden. Denn im Kleinen spannt Gall den Bogen ganz weit auf. Vertont auf "The Puppeteer" die Verzweiflung des Puppenspielers aus dem Film "Being John Malkovich", konfrontiert die Miles Davis-Version von "It Never Entered My Mind" in der Rechten mit Radioheads "Daydreaming" in der Linken oder spielt mit dem schepsen und scheppernden Klang eines uralten Klaviers. Der wird zwar bei Solokonzert in der Unterfahrt fehlen, faszinierend genug wird es trotzdem klingen.

Chris Gall, Mittwoch, 23. Januar, 21 Uhr, Unterfahrt, Einsteinstraße 42