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Jazz:Die Queen heißt jetzt Angela Davis

Vier Schlagzeuger? Wer das Londoner Jazzwunder verstehen will, muss die "Sons of Kemet" hören - die Band um Shabaka Hutchings macht Musik für eine Generation, die sich nicht um Genres schert.

Von ANDRIAN KREYE

Ende März traten die Sons of Kemet bei einem Jazzfestival in Belgien statt mit den üblichen zwei mit vier Schlagzeugern auf. "Vielleicht hätten wir das Publikum darauf vorbereiten sollen", sagt Shabaka Hutchings, der bei den Sons of Kemet Saxofon spielt, die meisten Stücke schreibt und sonst eine, wenn nicht die Schlüsselfigur der jungen Londoner Jazz-Szene ist. "Die wussten nicht, wie ihnen geschah. Das kam so...", Shabaka Hutchings macht mit beiden Armen eine Bewegung, die man als Surfwelle interpretieren könnte. Er meint allerdings einen Tsunami. Dazu imitiert er das Gesicht eines Testpiloten, der in wenigen Sekunden von Null auf Mach 1 beschleunigt, gefolgt von einem raumfüllenden Lachen. Und wenn der gut zwei Meter große Shabaka Hutchings über einem ragt, wirkt das sehr überzeugend. Nicht dass er sonst besonders groß aussieht. Wenn er einen Raum oder eine Bühne betritt, wirkt eher alles um ihn herum plötzlich kleiner, sogar seine Tuba und sein Tenorsaxofon.

Die Stücke funktionieren wie ein DJ-Set in Wellen von bis zu einer Viertelstunde

Als die Sons of Kemet dann am späten Abend anfangen, haben die Besucher der "Brit Night" des Stuttgarter Theaterhaus Jazzfestivals gerade eineinhalb Stunden berührend stille Kammermusik vom Sopransaxofonisten John Surman im Duo mit dem Pianisten Alexander Hawkins hinter sich. Das Testpilotengesicht wäre deswegen durchaus eine angemessene Reaktion auf die Sons of Kemet. Eddie Hick, einer der beiden Schlagzeuger, setzt gleich im ersten Stück einen brutalen "four to the floor"- Technobeat auf der Basstrommel, während sein Gegenpart, der zweite Schlagzeuger Tom Skinner, den Rhythmus über Becken und Toms hinweg filetiert. Das ist in seiner Wucht und Komplexität genau so gewollt. Shabaka Hutchingson fasst die beiden Schlagzeuger als Einheit auf. Jeder Drummer bekommt zu jedem Stück einen Schwerpunkt zugeteilt, in diesem Fall Hick die Basstrommel, Skinner die Becken, um den Rhythmus gemeinsam zu entwickeln, ein Stück auch mal zu tragen. Wobei die Stücke sowieso nicht in Strophen und Refrains funktionieren, sondern ähnlich wie ein DJ-Set in Wellen von bis zu einer Viertelstunde.

Theon Cross entlockt unterdessen seiner Tuba Sägezahnbasslinien und Niederfrequenzstöße, wie man sie aus dem Hip-Hop kennt, aus Grime oder Dancehall, aus all den DJ-zentrierten Musiken eben, mit denen die vier von der Band aufgewachsen sind. Theon Cross beherrscht aber auch Bop-Kadenzen und sogar diese Akkord-Technik, die man zuletzt von Albert Mangelsdorff auf der Posaune hörte. Das sind aber nur Virtuositäten, denn in der Band zementiert er vor allem das Klangverständnis der Clubkultur - fette Bässe unter kristallklaren Höhen. Deswegen spielen die Sons of Kemet auch so gerne in großen Clubs. Auf einem richtigen Sound System drückt so eine Tuba noch mal ganz anders.

Laut ist es auch an diesem Abend. Nicht nur in Dezibel gemessen, sondern vor allem in emotionalen Atü. Dieses Tsunami-Gefühl stammt weniger aus dem Heavy Metal als aus dem Rave und dem Voodoo. Das Stuttgarter Publikum versteht das auf Anhieb. Und da kommt jetzt Shabaka Hutchings ins Spiel.

Für sein Tenorsaxofonspiel gibt es eigentlich keinen Bezugsrahmen. Da hat einer eine ganz eigene, neue Stimme gefunden. Was Hutchings spielt, ist das Saxofon als brachiales Rhythmusinstrument. Manchmal improvisiert er über weite Strecken mit einem einzigen Ton, den er mit den Fingersätzen klanglich modulieren und mit dem Zungenschlag mit einer solchen Kraft gegen die Beats setzen kann, dass seine Noten wie Querschläger durchs rhythmische Sperrfeuer der anderen fegen. Dann wieder setzt er Akzente mit gutturalen "shouts".

Sons of Kemet

Seit zehn Jahren ist Shabaka Hutchings ununterbrochen auf Tour. Zuletzt vor allem mit eigenen Bands.

(Foto: Pierrick Guidou)

Das kommt nicht von ungefähr, sagt er. Sicher habe er zunächst gelernt, "salonfähig" zu spielen, den Jazz-Kanon durchgehört, Soli der Legenden transkribiert. Nur habe er einerseits früh seine Schwächen analysiert. "Chord Changes" seien für ihn ein Problem, diese rasanten Tonartwechsel, die aus dem trügerisch schlichten Coltrane-Standard "Giant Steps" so etwas wie den Mount Everest des Modern Jazz machen. Je komplizierter die gewesen seien, desto weniger Noten habe er gespielt.

Andererseits habe er schon im Be Bop rhythmische Bezüge herausgehört. Wenn Sonny Rollins zum Beispiel auf dem Album "What's New?" auf Einzeltönen improvisiere. Oder wie Charlie Parker sich immer wieder auf Max Roachs Basstrommel beziehe.

Dazu kommt, dass Shabaka Hutchings' Familie aus Barbados stammt, wo er zwischen sechs und sechzehn auch zehn Jahre lang aufwuchs und dort Calypso, Soca und Dancehall Reggae verinnerlichte. Und dass er am College klassische Musik studierte. Da kommt einiges zusammen. Aber das sei ja derzeit sowieso die große Stärke dieser so genannten neuen Welle des Jazz, sagt er. Dass das ein Amalgam aus so vielem sei, was nicht unbedingt zum Jazz gehöre. Wobei sich das Publikum in London, das die neuen Bands hört und fördert und das sich eher aus der Altersgruppe 18 bis 25 rekrutiert, schon lange nicht mehr um Genres schert. Was zählt, ist das Hyperenergetische, bisher noch nie Gehörte, das ja auch das Stuttgarter Publikum mit frenetischem Jubel quittiert.

Man versteht nach dem Konzert die drei Alben der Sons of Kent noch besser. Auch das steht in der Tradition der Club-Musik, die sich zu Hause oder auf dem Kopfhörer nur noch als Echo einer Nacht im euphorischen Musikrausch wahrnehmen lässt. Wobei gerade das neue Album "Your Queen is a Reptile" (Impulse) durchaus als musikalisches Manifest verstanden werden kann. Auf Platte fächert Shabaka Hutchings seinen enormen Ton noch weiter auf, man hört bis ins Detail, mit welcher Präzision er sein Instrument in den Rhythmusattacken einsetzt, wie raffiniert die Schlagzeuger aufeinander eingehen, wie verblüffend Theon Cross mit Obertönen und Basslinien umgeht. Das ist so überraschend wie zugänglich. Das Album ist aber auch ein politisches Statement. Jedes der zehn Stücke ist einer historischen Figur gewidmet, allesamt Frauen aus dem afrikanischen Mutterland oder der Diaspora.

Jeder Titel beginnt mit "My Queen is", gefolgt von einem Namen. Harriett Tubman gehört dazu, die im amerikanischen Bürgerkrieg die "Underground Railroad" mit aufbaute, das Netzwerk für die Flucht der Sklaven aus dem Süden. Die Bürgerrechtskämpferin Angela Davis, die Anführerin einer Rebellion gegen die Kolonialherren in Ghana Yaa Asantewaa, die Sozialpsychologin Mamie Phipps Clark. Das ist durchaus als feministisches Statement einer Band junger Männer zu verstehen. Weil sich, so Hutchings, auch Männer Gedanken über die Grenzen des Patriarchats machen sollten. Gerade wenn sie einer Minderheit angehören.

Auch Männer sollten sich Gedanken über die Grenzen des Patriarchats machen

Die Sons of Kemet haben sich offensichtlich schon bei der Bandgründung politische Gedanken gemacht haben. Kemet ist die westliche Schreibweise für das altägyptische Wort für Ägypten. Das im Afrofuturismus wiederum für die glorreiche Vergangenheit steht, als das ägyptische eines von vielen afrikanischen Königreichen war, die den europäischen Barbaren und römischen Imperialisten so einiges an Zivilisation voraus hatten. Als das Konzert zu Ende geht, fordern die Stuttgarter noch Zugaben. Die meisten wissen nicht, dass sie gerade die komprimierte Kurzfassung einer Ravenacht erlebt haben, aber sie ahnen, dass hier eine neue Kraft in den Jazz kommt, und sie so etwas Neues schon lange nicht mehr gehört haben.

Dafür wissen die meisten, dass sie nur einen Ausschnitt aus einem großen Werk gehört. Shabaka Hutchings hält derzeit drei Bands am Laufen. Neben den Sons of Kemet spielt er noch im Trio The Comet Is Coming, das mit elektronischer Reizüberflutung sehr viel direkter an Club anschließt. Und mit der Band Shabaka and the Ancestors, die neben Hutchings aus lauter Südafrikanern bestehen. Mit denen hat er gerade in Südafrika ein zweites Album aufgenommen und wird wohl 2019 wieder mit ihnen auf Tour sein.

Auf Tour ist er schon seit zehn Jahren, was ja zum Beruf gehört, aber seit drei Jahren tourt er fast ununterbrochen mit seinen eigenen Bands. So wie ihm geht es gerade vielen. Diese junge wilde Londoner Jazzwelle hätte man noch bis vor zwei Jahren gut in lokalen Clubs erleben können, sagt er. Jetzt seien sie alle andauernd weltweit auf Tour. Gruppen wie das Ezra Collective und Yussef Kamaal, Musiker wie Moses Boyd, Yazz Ahmed und Kaidi Tatham. Neulich hat Shabaka Hutchings für das Brownswood-Label des Vorreiter-DJs Gilles Peterson einen Sampler mit einem Querschnitt zusammengestellt, der unter dem Titel "We Out Here" erschienen ist. Der soll diesen Moment der Londoner Musikgeschichte festhalten, der stilistisch nicht zu greifen ist, weil schon die neun Nummern auf dem Sampler vom Spiritual Jazz über Post Bop bis zum Acid Jazz reicht. Vielleicht ist es ja ein historischer Moment, den er da festhält. Aber so etwas weiß man immer erst sehr viel später.

© SZ vom 03.04.2018

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