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Jazz:Die große Wärme

Klingt immer noch jung - der 84-jährige Abdullah Ibrahim.

(Foto: Label)

Je öfter, desto besser: Das neue Album des südafrikanischen Pianisten Abdullah Ibrahim wirkt jedes mal noch tiefer.

Man kann Abdullah Ibrahims "The Balance" (Gearbox/Edel) über ein paar Tage hinweg immer wieder aufs neue anhören, dann begreift man immer wieder neu, immer wieder anders, wie unfassbar gut das Album des südafrikanischen Pianisten ist. War ja eh mal eine schöne Plattenhörerpraxis. Je nach Geschmack konnte man zum Beispiel auf Joni Mitchells "Mingus", Pink Floyds "Ummagumma" oder John Coltranes "Live at the Village Vanguard" über Tage und Jahre hinweg stets neue Ebenen entdecken. Sicher gab es auch gefeierte Alben, die sich nie erschlossen (Lou Reeds "Metal Machine Music", Captain Beefhearts "Trout Mask Replica", alles mit Yoko Ono). Wobei einem Abdullah Ibrahim den Einstieg in "The Balance" sehr viel leichter macht.

Ibrahim will, ähnlich wie Al Jarreau oder Elton John, sein Publikum glücklich machen

Man findet da sofort rein, egal ob man sonst Jazz hört oder nicht. Was sicher auch mit dem emotionalen Kammerton zu tun hat, der das gesamte Album durchzieht. Ibrahim gehört zu den Musikern, die ihr Publikum nicht nur begeistern, sondern glücklich machen wollen. Al Jarreau war so einer, Elton John und Erroll Garner. Das hat nicht Anbiederndes, eher etwas Großzügiges.

Ibrahim setzt sehr direkt an dem Punkt im Jahr 1973 an, als er unter der Ägide des Münchner Produzenten Horst Weber auf dem Album "African Space Program" erstmals mit einem großen Ensemble arbeitete; er hieß damals noch Dollar Brand. Man hört bis heute, was für ein befreiender Moment es für den eigentlich für seine Solo- und Duo-Aufnahmen berühmten Pianisten ist, seine Ideen aus dem Korsett der 88 Tasten zu befreien und von einem Bläsersatz (um bei seiner selbst gewählten Analogie zu bleiben) in die Stratosphäre schießen zu lassen. Was damals allerdings noch an Igor Strawinski anschloss, weil zu jener Zeit jeder Jazzer, der was auf sich hielt, "Le sacre du printemps" rauf-, runter- und wieder raufhörte, dockt jetzt, auf "The Balance", sehr viel deutlicher an die warmen Harmonien des Township Jazz seiner Heimat an. Wobei er es schafft - und das ist so eine Ebene, die sich Stück für Stück erschließt -, das hymnische Harmonieverständnis einer Musik, die ihre Spannung eher im Rhythmus findet, in dem Stück "Jabula" mit amerikanischen Backbeats zu brechen, die den Taktschlag so weit hinauszögern, dass das fast zu harmonische Thema danach den kathartischen Effekt erzielt, den der Jazz sonst im Blues findet.

Um dann im nächsten Stück "Tuang Guru" gleich mit einem frenetischen Walking Bass anzusetzen, über dem Cleave Guyton Jr. mit der Piccoloflöte die Führung des vierstimmigen Bläsersatzes übernimmt, der in langen Linien auf dem explosiven Rhythmus aufsetzt. Überhaupt schafft Ibrahim mit dem Bläsersatz seiner bewährten Gruppe Ekaya aus Flöten, Posaune, Tenor- und Baritonsaxofon ein warmes Klangbild, das die symphonische Breite seine Vorbildes Duke Ellington auf seine eher minimalistische Ästhetik übertragen kann.

Hin und wieder nimmt sich Ibrahim ganz zurück, man glaubt aber trotzdem zu hören, wie seine reine Präsenz im Studio die Musik formt. Im furiosen zweiten Stück "Nisa" übernimmt Marshall McDonald nach dem massiven Bläserthema zum Beispiel mit dem Baritonsaxofon den ersten Solopart, aus dem sich Ibrahim schon früh zurückzieht. Wenn Andrae Murchison den Faden dann mit der Posaune aufnimmt, schlägt Ibrahim nur zwei Töne auf dem Flügel an, die aber so dominant im Raum stehen, als habe er dem Solisten nicht nur ein Treppchen, sondern gleich einen ganzen Sprungturm hingestellt. Das tut er oft. Und die Solisten wissen es zu nutzen und schrauben sich in virtuose Höhen.

So richtig zu Herzen geht er dann im sechsten Stück "Song for Sathima", einer bluesigen Hymne für seine vor sechs Jahren verstorbene Frau, die Sängerin Sathima Bea Benjamin, mit der er 1962 aus Südafrika emigrierte. So leidenschaftlich hat seit John Coltrane "Naima" keiner die Minne in den Jazz gebracht.

Doch was soll man mit Texten schwärmen. "The Balance" kann man sich nur beim Hören erschließen. Das sei hier ausnahmsweise mal nicht unverbindlich empfohlen, sondern dringend angeraten.