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Nachruf auf Curtis Fuller:Mann in der Mitte

CURTIS FULLER 1964 Überschrift CURTIS FULLER Copyright KPA AUFNAHMEDATUM GESCHÄTZT UnitedArchi

Volumen und Geschwindigkeit: der Posaunist Curtis Fuller.

(Foto: imago images/United Archives)

Der Jazz-Posaunist Curtis Fuller ist tot. Er wurde als ewiger Begleiter wahrgenommen - obwohl er die Geschichte des Modern Jazz prägte.

Von Andrian Kreye

Der Posaunist Curtis Fuller ist tot. Am bekanntesten hat ihn die Platte eines anderen gemacht. Auf John Coltranes "Blue Train" bildete er zusammen mit dem Trompeter Lee Morgan die rechte und die linke Flanke zu dem Mann, der als amtierender Genius bald schon den Modern Jazz überschatten sollte. Man hört es den drei an, mit welcher Lust am eigenen Stil sie da einander ergänzten. Coltrane drehte auf dem Tenorsaxofon seine rasenden Gedankenflüsse schon weit auf. Morgan setzte seine Akzente, die ihm ein paar Jahre später den überraschenden Weg in die Pop Charts öffnen würden. Und Fuller erdete die beiden mit bluesgeschultem Groove-Gewicht.

Obwohl Curtis Fuller rund vierzig Alben unter eigenem Namen veröffentlicht hat, wurde er als der ewige Begleiter wahrgenommen. In den Gruppen von Art Blakey, Dizzy Gillespie, John Coltrane, Yusef Lateef und überhaupt mit so ziemlich allen, die im Modern Jazz was bewegt haben. Was auch daran lag, dass er eine Schlagfertigkeit hatte, die den Wortwitz der Be-Bop-Hipster auf ein Maximum beschleunigt. Hilft der Auftragslage ja in der Regel, wenn man gute Stimmung verbreitet. Wobei er das mit der Geschwindigkeit auch auf seinem Instrument, der Zugposaune, hinbekam, die von Natur aus etwas schwerfälliger ist als die Saxofone und Trompeten, die sich gerade in den frühen Jahren des Modern Jazz rechtschaffen sportliche Wettkämpfe lieferten.

Geboren wurde Curtis Fuller in Detroit. Seine Eltern waren Einwanderer aus Jamaika, die starben, als er noch ein Kind war. So wuchs er in einem Waisenhaus auf, ein Umfeld. Eine der Nonnen nahm ihn zu einem Jazzkonzert mit, bei dem auch der Posaunist J.J. Johnson mitspielte. Auf der Cass Technical High School lernte er dann selbst zu spielen. Dort lernte er auch einige der Musiker kennen, mit denen er später immer wieder spielen sollte, Donald Byrd, Milt Jackson und Tommy Flanagan. 1953 ging er zur Armee, wo er in einer Band mit dem späteren Miles-Davis-Bassisten Paul Chambers und den Adderley-Brüdern Nat und Julian "Cannonball" spielte.

Curtis Fuller kam mit der "Detroit Wave" nach New York

Detroit war damals noch die blühende Metropole des Wirtschaftswunders. Ende der Fünfzigerjahre aber gab es einen ganzen Schub von Jazzmusikern, die aus der "Motor City" der Autofabriken in die Jazzhauptstadt New York abwanderten. Die "Detroit Wave" nannte man das. Fuller kam mit dem Quintett des Saxofonisten Yusef Lateef, wurde aber schon bald abgeworben. Miles Davis holte ihn zu sich. Mit dem hörte ihn der Chef des Blue-Note-Labels Alfred Lion, der den jungen Posaunisten dann gleich vier Alben unter eigenem Namen aufnehmen und als Sideman in Dutzenden Sessions mitspielen ließ.

Der Ausbruch an Kreativität, der tagtäglich im Studio von Rudy Van Gelder aufgenommen wurde, ist heute schwer vorstellbar. Der Kreis der jungen Musiker, die dem Modern Jazz da unter der Ägide des Berliner Exilanten dem Modern Jazz den nervösen Stachel zogen und das Fundament eines Cool legten, das bis heute Gültigkeit hat, war gar nicht so groß. Aber groß genug, um die Musiker in relativ kurzer Zeit unter wechselnden Namen Hunderte Alben aufnehmen zu lassen. Und viele, die das Klangbild des üblichen Quintetts im unteren Mittelbereich anfüttern wollten, holten sich Curtis Fuller. Weil er ein Volumen erzeugte, das die anderen Bläser nicht schafften, und trotzdem mithalten konnte in den Staffelläufen der perlenden Soli. Auch wenn er sich nicht auf die musikalischen Hahnenkämpfe einließ. "Ich will keine Posaunen-Olympiade gewinnen", sagte er immer wieder. Viel wichtiger war ihm der Soul, der in seiner Heimatstadt den Siegeszug angetreten hatte.

Wie so viele Jazzmusiker fand Curtis Fuller dann im Lehrbetrieb ein bürgerliches Auskommen. Er unterrichtete an der University of Hartford in Connecticut und am Kennedy Center in Washington, D. C. Wie seine Tochter nun bestätigte, starb er am vergangenen Samstag. Er wurde 86 Jahre alt.

© SZ/ebri
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