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Jazz:Beat unter Brüdern

Peter und Chris Gall wurden im Elternhaus musikalisch geprägt und erarbeiteten sich ganz eigenständige Karrieren

Ein exzentrischer Sänger und ein Schlagzeuger, der dem emotionalen Überdruck des Sängers lauten Nachdruck verleiht. Der Bassist groovt dazu, und der Pianist traut sich an tonal ziemlich glatte Melodieführungen heran. Zum Teil gibt es sogar so etwas wie wiederkehrende Refrains. Es spielt: Das Chris Gall Trio, benannt nach dem Pianisten. Am Schlagzeug sitzt Peter Gall, dessen kleiner Bruder, und die Münchner Unterfahrt wirkt wie ein Indie-Club.

Heute, gut zehn Jahre später, gehen die beiden Brüder musikalisch meist getrennte Wege: Chris veröffentlichte sehr viel ruhigere Solo-Klavier-Sachen. Peter hat sich in der progressiveren und stilistisch wilderen Berliner Jazz-Szene eingefunden. Beide sind in ihrer Szene erfolgreich.

Der Pianist Chris Gall ist gerne unterwegs mit Musikern aus dem Weltmusikbereich. Sein jüngerer Bruder Peter trommelt für Popmusiker, Hip-Hopper und bekannte Jazz-Künstler.

(Foto: Stefanie Marcus, Mike Meyer)

Aufgewachsen sind die beiden, die jetzt Anfang 40 und Mitte 30 sind, in Bad Aibling, südöstlich von München; natürlich in einem musikalischen Elternhaus, auch wenn die Eltern keine Berufsmusiker sind. "Wir haben den Zugang zur Musik über die Eltern bekommen, die haben selbst Musik gemacht", sagt Chris. Der Vater, ein Realschullehrer, singt und leitet die Schulband, die Mutter spielt Klavier. So auch die Söhne. Drei Kinder sind es, die beiden jüngeren wählen die Musik später zum Beruf.

Ein bisschen stellt man sich das wie eine klassische Kammermusikfamilie vor. Nur, dass hier eben nicht Schubert, sondern Brubeck gespielt wird. Und auch erst einmal gar nicht so oft zusammen. Chris ist acht Jahre älter als Peter. Das macht zu Teenagerzeiten schon einen gewaltigen Unterschied. Chris spielt in der Schulband und später dann mit Freunden zusammen im Quartett Jazzklassiker.

Peter ist beeindruckt, vor allem vom Schlagzeuger, mehr als vom Pianisten. So äußert er den Wunsch, doch bitte Schlagzeugunterricht zu bekommen. Die Eltern geben dem nach. Auch Peter gründet daraufhin bald seine erste Band, zusammen mit zwei Nachbarsjungs an Akkordeon und Trompete - sie spielen bayerische Volksmusik, später Popcovers. Doch auch für ihn wird in der Pubertät der Jazz immer wichtiger. "Das kam durch Christian", gibt er freimütig zu. Denn der ältere Bruder studierte zu der Zeit schon in Boston, am Berklee College, was natürlich einen nicht zu unterschätzenden Reiz auf den jüngeren Bruder ausübte.

In den üblichen Rock-, Punk- oder Indiebands haben die beiden Brüder nie gespielt. Und das fällt doch auf. Sowohl, weil sie im Trio zu Beginn so sehr nach einer eklatanten Indie-Vorliebe klangen. Als auch, weil zwei pubertäre Jungs, die Jazz zu ihrem Lieblingsstil erklären, einfach seltener sind als Metaller, Punker oder Hip-Hopper. "Ich kam von der Klassik", sagt Chris Gall. Deren spielerischer Anspruch und die Klangvielfalt habe ihn auch interessiert, als er selbst Musik schrieb. "Ich hatte Freunde in Indie-Bands", erzählt er weiter, Doch: "Meine Welt war das nie."

Vielleicht macht das gerade den seltsam zeitgenössischen Zauber der mittlerweile drei Trio-Platten aus, die die Brüder gemeinsam veröffentlicht haben; die ersten beiden zusammen mit dem Münchner Indie- und Elektrosänger Enik. Denn die meisten Fusion-Projekte, die Indie-Slacker-Süße und jazzige Coolness vereinen wollen, klingen meist gewollt. Anders bei Chris und Peter Gall im Trio mit Marcel Krömker, beziehungsweise später Henning Sieverts am Bass: Die Fusion wirkt hier authentisch, denn sie ist aus sich selbst heraus entstanden.

"Es gab keine Initialzündung", sagt Chris. Peter habe damals schon in Berlin studiert. 2003 ist er in die Hauptstadt gezogen. Chris lebte in München. Immer mal wieder haben sie zusammengespielt. "Das waren immer gezielte und sehr intensive Proben", erzählt Chris. Er sei dann auch gar nicht auf die Idee gekommen, einen Münchner Schlagzeuger für die Umsetzung seiner Trio-Kompositionen zu fragen.

Dass es eine besondere Verbindung zwischen musizierenden Brüdern gebe, hält Chris für ein Klischee. Zumindest psychologisch gesehen. Denn dass es natürlich ein Einverständnis gibt, eines, das aus einer ähnlichen musikalischen Prägung genauso wie aus einem langjährigen Austausch von Musikvorlieben herrühre, das sei wiederum nicht zu leugnen: "Wir haben einfach viel gleiche Musik gespielt und ähnliche Klangvorstellungen", sagt Chris. Und: Sie haben halt einfach schon auch oft zusammen Musik gemacht. Ein gemeinsames Tempo und einen gemeinsamen Groove zu finden, das sei in ihren Proben immer sehr schnell gegangen.

"Ich habe das als der kleine, jüngere Bruder auch immer alles aufgesaugt, was mir der ältere so an Platten und Bands zum Hören gegeben hat", erzählt Peter. Der hat sich mittlerweile aber emanzipiert. Nach den Aufnahmen zum zweiten Trio-Album ist Peter Gall nach New York gezogen. Um dort zu studieren. Auch in die USA wie einst der große Bruder und doch ganz anders.

Peter hat, neben seinem Diplom, dass er in Berlin machte, auch an der Manhattan School of Music graduiert und stand mittlerweile mit Pop-Acts, Hip-Hoppern und Jazz-Größen auf der Bühne, während Chris sich eher mit Musikern aus dem Weltmusikbereich zusammen getan und Solo-Klavier-Alben aufgenommen hat. 2018 erst hat Peter Gall, der in diversen Studio-Produktionen gespielt hat, sein erstes Album unter eigenem Namen veröffentlichte. "Paradox Dreambox" heißt es, damit tritt er nun auch beim BMW-Welt-Jazz-Award in München an.

Im selben Jahr ist mit "Cosmic Playground" das dritte Album der beiden Brüder in Trio-Besetzung erschienen. Mit Henning Sieverts am Bass. Das Ungestüme und Rockistische ist hier einem etwas modular groovenderem Zugang gewichen. Erfrischend anders klingt diese altbekannte Besetzung darauf immer noch.

Chris Gall solo, Mittwoch, 22. Januar, 19.45 Uhr, Klavier Salon im Tonstudio, Leopoldstr. 206 (Stream unter www.klavier.salon); Peter Gall Quintet, Dienstag, 18. Februar, BMW-Welt, Chris Gall Trio, Freitag, 3. April, Musikschulsaal Wolfratshausen

© SZ vom 22.01.2020
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