Jazzkolumne:Welcome to the Thunderdome

Lesezeit: 4 min

Jazzkolumne: Art Blakey in Japan.

Art Blakey in Japan.

(Foto: Shunji Ohkhura/Blue Note)

Art Blakey produzierte Modern Jazz für die Jukebox. Umso grandioser, dass nun ein Konzert aus einem klassischen Konzertsaal in Tokio erscheint.

Von Andrian Kreye

Um zu verstehen, warum die Japantournee für Art Blakey im Januar 1961 ein so wichtiger Schritt in seinem Leben war, muss man kurz in seine Kindheit und Jugend zurück. Er war ursprünglich gar kein Schlagzeuger, sondern Pianist. Und das Klavierspielen war auch keine Berufung, sondern zunächst mal der Ausweg aus der Qual der Kinderarbeit in den Kohlebergwerken der Appalachian Mountains im Südwesten von Pennsylvania. Blakey war als Waisenkind bei einer Pflegemutter in Pittsburgh aufgewachsen. Kurz nach seinem zehnten Geburtstag begann im Oktober 1929 die große Depression mit dem "Schwarzen Donnerstag". Da fragte man nicht lange, ob man schon alt genug fürs Arbeiten war.

Blakeys Biografie wurde nie eindeutig dokumentiert, aber es gilt als relativ sicher, dass er schon in der siebten Klasse gut genug am Klavier war, um in den Kaschemmen der Stahl- und Kohlestadt so viel Geld zu verdienen, dass er nicht mehr in den Stollen musste. Eines Abends Anfang der Dreißigerjahre aber im Democratic Club, einem After-Hours-Laden im Vergnügungsviertel Shadyside, war der Gangster, dem der Laden gehört so begeistert von dem jungen Pianisten Erroll Garner, dass er Blakey mit gezogener Pistole vom Klavier ans Schlagzeug beorderte. Der Legende nach fand sich Blakey erstaunlich rasch zurecht und bald auch schon Arbeit als Drummer für die Pianistin Mary Lou Williams und in den Orchestern von Fletcher Henderson und Billy Eckstein.

Jazzkolumne: First Flight to Tokyo

First Flight to Tokyo

(Foto: Blue Note)

Gleich zu Beginn der Aufnahme aus der Hibiya Public Hall in Tokio (die gerade als prächtig aufgemachte Doppel-LP und auch sonst in allen Formaten unter dem Titel "First Flight to Tokyo" neu aufgelegt wurde) hört man schon im Drama des ersten Doppelschlags auf das mächtige Crashbecken, dass sich Blakey der Größe des Augenblicks wohl bewusst war. Die fünf afroamerikanischen Musiker traten in einem klassischen Konzertsaal auf. Nicht in irgendeinem. Im ersten klassischen Konzertsaal, der nach dem Kriegsende im Land jener Nation gebaut wurde, die gut fünfzehn Jahre zuvor noch Kriegsgegner und Ziel der beiden amerikanischen Atomschläge gewesen war.

Respekt!

Gleich bei der Ankunft, so erinnerte sich Wayne Shorter neulich in einem Gespräch mit Labelchef Don Was, seien sie ganz überwältigt gewesen von der Begeisterung und dem Respekt, mit dem sie von einer Menschenmenge am Flughafen empfangen wurden. Zwei Hollywoodstars waren an Bord gewesen, Shirley MacLaine und Edward G. Robinson. Aber die meisten der Tausenden Fans waren für Art Blakey und seine Jazz Messengers gekommen. "Wir wussten, dass wir da auf eine Art und Weise geschätzt wurden, wie wir es in Amerika nie erfahren hatten."

Shorter war der Tenorsaxofonist zu dieser Zeit. Trompeter Lee Morgan hatte ihn knapp zwei Jahre zuvor in die Band geholt. Morgan war 22, Shorter nur fünf Jahre älter. Beide hatten ihre Big Band-Lehrzeit hinter sich und waren bereit, in Art Blakeys Talentschmiede zu Stars zu werden. Das Feuer, mit dem Morgan bei diesem Konzert spielt und die lodernde Kraft, mit der Shorter ihm zu Seite steht, zeigt sehr deutlich, warum beide zu Titanen wurden. Aber auch der Pianist Bobby Timmons und der Bassist Jymie Merritt geben alles.

Star unter Stars

Jazzkolumne: undefined

Die erstaunlichste Höchstform aber hatte Blakey an diesem Abend. Sonst spielte er nur selten Soli. Er führte seine Messengers als Kollektiv, sagte Stücke oft mit dem Zusatz "featuring nobody" an, um klarzustellen, dass alle auf der Bühne Stars waren, nicht nur er. Sein Schlagzeugstil, der den vielleicht höchsten Wiedererkennungswert in der Jazzgeschichte hat, untermauerte das. Breaks und Bridges füllte er nicht mit den üblichen Arabesken auf Toms und Becken, sondern mit Presswirbeln, die streng genommen die Snaredrum-Crescendi vorwegnahmen, mit denen die House Music viele Jahre später Ekstase erzeugen würde. Becken waren für ihn keine Akzentpunkte. Er soll der erste gewesen sein, der einen Schlüsselkette ans Ridebecken hängte, um so eine Klangwand zu erzeugen, die den Swing in eine Sturmdünung verwandelte, die den Rest der Band in gar nicht so sanften Wellen vor sich hertrieb. In Tokio aber spielte er andauernd Soli. Mächtige Trommelsymphonien. Eine seltene Gelegenheit in Reinform zu hören, was für Polyrhythmen er aus seinen Jahren in Afrika mitgebracht hatte.

"Last Flight to Tokyo" ist nur eines der vielen Art-Blakey-Alben, die Blue Note derzeit neu auflegt. Es gibt nur wenige Labelchefs, die auf die Pflege ihres Kataloges so viel Leidenschaft und Präzision aufwenden, wie Don Was, seit er vor knapp zehn Jahren Blue Note übernahm. So sind nun die wichtigsten Phasen der Jazz Messengers wieder abrufbar. Die Hitalben, die sie mit Lee Morgan aufnahmen wie "Moanin'" und "The Big Beat". Eine Rarität aus der Frühzeit, als Clifford Brown und Lou Donaldson den Bläsersatz für "A Night at Birdland" stellten und Horace Silver Klavier spielte. Oder die spätere Phase, als Freddie Hubbard als Trompeter dazugestoßen war und Curtis Fuller das Klangbild mit seiner Posaune noch vergrößerte - wie auf "Free for All" und "Mosaic". Selbst eine verschollene Studiosession, die Saxofonist Hank Mobley vergeigte, weil er an dem Tag seinen Ansatz nicht im Griff hatte und immer wieder wegquietschte, ist als "Just Coolin'" erstmals erschienen. Und trotz der Patzer großartig.

Jazzkolumne: Just coolin'

Just coolin'

(Foto: Blue Note)

Bei Blakeys Blue-Note-Platten ist vor allem erstaunlich, wie niedrig er die Zugangsschwelle zum Modern Jazz anlegte. Er engagierte ja nicht nur Virtuosen mit Teamgeist, sondern auch Leute, die schreiben konnten. Die Hits seiner Protegés wie "Dat Dere", "Along Came Betty" oder "Blues March" liefen damals in den späten Fünfzigern und frühen Sechzigern als Singles in Jukeboxes. Man muss nur einmal querhören und versteht das sofort. So einen Druck auf die Tanzfläche, wie ihn Blakey damals am Schlagzeug produzierte, hatte es seit den Tagen des Swing nicht mehr gegeben. Und das mit der Wucht der Moderne. Man sollte der Reihe der Neuauflagen eigentlich den Titel "Welcome to the Thunderdome" geben. Mit dem Hinweis, dass es hier jedoch keine Verlierer gibt.

Eine Playlist mit Ausschnitten aus den besprochenen Alben und noch einigem mehr von Art Blakey findet sich auf Spotify hier.

Zur SZ-Startseite
John Coltrane

Jazzkolumne
:Weg in die Freiheit

Auf dem Album "A Love Supreme - Live in Seattle" hört man, wie sich John Coltrane von allen musikalischen Fesseln befreite.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB