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Schauspieler Jason Statham:Last Action Hero

Premiere Of Lionsgate Films' 'The Expendables 3' - Red Carpet

Stets geneigt, am Tresen aufzumucken: Jason Statham

(Foto: AFP)

Er ist wohl der einzige Schauspieler, der mit überholten Kino-Mitteln erfolgreich ist: alte Sprüche, junge Frauen und dazwischen immer schön auf die Fresse. Warum funktioniert das noch bei Jason Statham?

Von Martin Wittmann

Der Mann will vom letzten Dreh erzählen, eine Geschichte über das Leben und den Tod und das ganz üble Dazwischen: "In dem Film sollte ich also einen Truck fahren, an einem bestimmten Punkt aus dem Führerhaus springen und auf einen Helikopter schießen. Bambambam. Zur Orientierung will ich vor dem eigentlichen Dreh noch kurz zu der Markierung fahren, an der ich aussteigen soll, bevor der Wagen ins Meer stürzt. Ich steuere also auf das Wasser zu, zwei Kameramänner sitzen am Dock, sie wollen mich später von vorne filmen. Es ist ein kleiner Lastwagen, ich bin schon mit doppelt so großen gefahren. Kein Problem für mich. Aber dann geht plötzlich der ganze Scheiß los."

Vor dem Interview haben die Hotel-Angestellten laut quietschend einen Flügel in die Mitte des Saals geschoben, damit der nicht gar so leer wirkt. Die Sessel haben sie zum Fenster hin gedreht, damit Jason Statham beim Gespräch auf den Kölner Dom blicken kann.

Statham kommt also in den Saal, natürlich kleiner als vermutet, die Haare weniger geschnitten denn gerodet, die Fußstellung offen, das Kinn oben, wie bei seinem krawallgebürsteten Landsmann, dem Oasis-Sänger Liam Gallagher: stets geneigt, am Tresen aufzumucken. Stets bereit, anderen Aufmuckern eine zu betonieren.

Die Stunt-Geschichte geht weiter: "Ich fahre los, es ist alles hydraulisch, Tssschhh. Ich löse die Handbremse, pffff, lege den Gang ein. Tatatatat. Brummbrumm".

"Ich denke: Oh mein Gott, ich habe gerade zwei Menschen umgebracht"

Statham sitzt auf dem Sessel wie in einem Führerhaus, er ahmt beim Erzählen die Gesten eines Fahrers und die Geräusche eines Trucks nach. "Ich fahre auf das Meer zu und bremse, aber die Bremse ist leer, kein Druck. Und ich so: Hää? Versuche es nochmal. Ich bin schon über die Markierung drüber und dann: Bam!"

Er schlägt die Hände aneinander. "Ich treffe auf den Kamerawagen. Ich denke: Oh mein Gott, ich habe gerade zwei Menschen umgebracht. Fuck! Und eine halbe Sekunde später lande ich im Wasser." Die Kameramänner hatten sich zuvor übrigens in Sicherheit gebracht.

Wer will einem wie ihm widersprechen?

Den Flügel im Hotelsaal beachtet Statham nicht, außerdem hat er sich auf den einzigen Sessel gesetzt, der das Fenster und damit den Dom im Rücken hat. Der Schauspieler, 47 Jahre alt, ist nun kaum zu unterscheiden von den Helden seiner Werke, die handkantenzackige Titel wie "Transporter", "Parker" oder "Crank" tragen, und in denen Klavier und Kirche nur interessant sind, wenn man das Erste von der Spitze des Zweiten schmeißen kann. Wobei der letzte Satz nicht richtig ist. Weil Statham ja gar kein echter Schauspieler ist. Behauptet er. Und wer will einem wie ihm widersprechen?

Statham erzählt weiter: "Das Wasser drückt in die Fahrerkabine, während ich versuche, mich aus dem Sitz zu stemmen. Aber das Wasser drückt mich zurück. Ich hatte keine Chance, vorher noch einen tiefen Luftzug zu nehmen, weißte, sonst wären ein paar Minuten unter Wasser ja kein Problem. Der Truck sinkt also in das Schwarze Meer, und das heißt nicht umsonst so, ich habe nichts gesehen. Ich denke, ich sterbe. Ich bekomme Panik, fuck."

Statham macht seine Stunts selber. Der Brite hat mit 15 die Schule verlassen und war danach Turmspringer (immerhin Zwölfter bei der WM 1992) und Straßenverkäufer. Die dabei erworbene Physis und das Straßenköterhafte haben ihn zu dem werden lassen, was er heute in einem eigentlich wegindustrialisierten Handwerk ist: der letzte Action-Held.

Die Stunt-Fortsetzung: "Es ist der komplette Albtraum. Ich versuche mich aus dem Fahrerhaus zu befreien, aber mein Waffengurt bleibt am Steuer hängen, und ich hau mir oben den Kopf an. Zu diesem Zeitpunkt habe ich überhaupt keine Luft mehr. Ich öffne reflexhaft den Mund, und ich schlucke Wasser, immer mehr Wasser. Fuck, das ist das Schlimmste überhaupt."

Er spielt nicht in Oscar-würdigen Dramen

Statham, 1998 von Guy Ritchie vom Fleck weg in dem tollen Film "Bube, Dame, König, grAS" besetzt, spielt weder in Comic-Blockbustern noch in 3-D-Epen. "Habe ich nie angeboten bekommen." Er spielt auch nicht in Oscar-würdigen Dramen. "Ich habe nie davon geträumt, einmal wie Daniel Day-Lewis zu werden und dafür Preise zu gewinnen", sagt er. "Ich werde nie die Sachen machen können, die er macht. Aber, auch wenn ich mir sicher bin, dass ihm das egal ist: Er wird auch nie die Sachen machen können, die ich mache."

Seine Sachen, das sind Raufen und Stänkern, Gasgeben und Anlaufnehmen. Filme, in denen Männer noch auf Zahnstochern kauen, einfach so; in denen Statham sich einer unter dem Auto befestigten Bombe entledigt, indem er eine Rampe hochbrettert und den Sprengsatz im Flug an einem Kran abstreift.

Parodienahe Streifen, in denen er als Priester verkleidet zu einem überraschten Gegner "Hiermit erkläre ich Euch zu Mann und Messer" sagt, um ihn anschließend abzustechen. Richtige Action-Filme - die heute als falsch gelten.

Echte Action-Filme sind heute fast nur noch B-Movies

Zurück zur Truck-Story: "Ich schaffe es schließlich aus dem Fahrerhaus, aber ich trage schwere Stiefel und eine schwere Weste. Ich mache ein paar Züge", Statham macht nun Schwimmbewegungen, "aber ich scheine überhaupt nicht voranzukommen. Drei, vier Mal schlucke ich wieder Wasser. Ich denke wirklich, ich ertrinke."

Früher machten Action-Filme auch an der Kinokasse Rabatz. Von den drei erfolgreichsten Filmen des Jahres 1985 etwa waren zwei von Sylvester Stallone (Rambo 2 und Rocky 4). Er kämpfte in beiden Fällen für das eindeutig Gute, also für US-Kriegsgefangene und gegen den Russen, auch das Männerbild war denkbar simpel. Überhaupt war damals alles einfach zu verstehen, bis auf, nun ja, Stallone.

Heute ist die Welt leider komplizierter. "Ich habe kürzlich mit Stallone darüber geredet. Er meint, um das junge Publikum zu erreichen, braucht man heutzutage Monster im Weltall. Früher ging es noch um die Leute", klagt Statham. Echte Action-Filme sind heute fast nur noch B-Movies.

Stallone macht sich einen nostalgischen Spaß aus dem Paradigmenwechsel. Dazu versammelt er seit einigen Jahren alle einst erfolgreich verbeulten und nun erfolglos gebügelten Watschengesichter vor der Kamera: "The Expendables". Der dritte Teil der Reihe läuft seit Donnerstag in den deutschen Kinos.

Auch Statham ist wieder mit dabei, obwohl er 1985 erst 17 war und mit seinem Vater und seinem Bruder auf den Straßen Londons falsche Designer-Ware verkaufte. In der "Expendables"-Reihe ist er vertreten als Hoffnungsträger einer vom Aussterben bedrohten Art. Seine Bilanz an der Kinokasse macht da Mut.

Die Produzenten können sich nämlich genauso auf ihn verlassen wie seine Anhänger, er wird geschätzt als harter, ehrlicher Arbeiter. Seine Fans, sagt er, "die wollen einen Helden, mit dem sie sich identifizieren können, mit dem sie ein Bier trinken möchten, einen Normalo".

Auch privat lebt er den Traum biertrinkender Normalos

Es geht um Glaubwürdigkeit und Begeisterung für die Sache. Wer sich Stathams Erfolg von Statham selbst erklären lassen möchte, sollte folglich den Block mit den Fragen nach dem heutigen Männerbild, nach kathartischer Gewalt und nach Hollywood-Strategien beiseite legen und dem Mann einfach zuhören, wie er seine Nahtod-Geschichte erzählt: wie ein elektrifizierter Junge, der von einem krassen Film berichtet.

Statham, der alte Gossenhauer, wohnt heute in Los Angeles. Dort lebt er, konsequent wie er ist, auch privat den Traum biertrinkender Normalos. Anders gesagt: Was ist die Zuneigung der Feuilletonisten gegen die der schönsten Frauen? Einst war die vollbusige Kelly Brook seine Freundin, heute ist er mit der vollmundigen Rosie Huntington-Whitely zusammen. "Ich habe immer von so einem Leben ohne Geldsorgen geträumt", sagt er noch und breitet die Arme aus: Was will man mehr?

"Am Ende, nur Gott weiß wie, schaffe ich es an die Oberfläche. Wenn ein Mann neun Leben hat, habe ich nur noch acht. Erst hatte ich einen Schock. Aber danach hat sich ein irres Hochgefühl eingestellt. Ich habe den Tod überlebt. Natürlich habe ich mich gefragt, ob das ein Zeichen war, dass ich mit dem Zeug lieber aufhören sollte. Aber das ist nun mal, was ich mache."

© SZ vom 22.08.2014

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