Süddeutsche Zeitung

Jaroslav Hašeks 100. Todestag:Schlitzohr als Volksheld

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Vor 100 Jahren starb Jaroslav Hašek, der Erfinder des "braven Soldaten Schwejk". Nie hat eine literarische Figur eine Nation so geprägt wie dieser Antiheld die tschechische.

Von Viktoria Großmann

Sind wir ein Volk von Schwejks? Wann immer Tschechen über ihre Nation, ihre Identität oder schlicht die tagesaktuelle Politik nachdenken, wird diese Frage gestellt. Wir sind eben ein Volk von Schwejks, seufzt man, wenn selbst in gefährlichen Phasen der Pandemie alle Corona-Regeln umgangen werden. "Wir sind entschieden kein Volk von Schwejks", erklärte Anfang Dezember Tschechiens Vizepremier Ivan Bartoš und lobte den tapferen Einsatz der Tschechen für die Interessen der Ukrainer und die Hilfe für die Kriegsflüchtlinge.

Dass eine Nation über ihre Befindlichkeit regelmäßig in Bezug auf die literarische Figur eines meist als beleibt und rundschädelig dargestellten Fußsoldaten nachdenkt, ist ein literarischer Erfolg, der seinesgleichen sucht. Und man fragt sich, wie die Tschechen das vorher gemacht haben, der Schwejk ist ja erst gut 100 Jahre alt.

An diesem 3. Januar ist es 100 Jahre her, dass sein Erfinder Jaroslav Hašek in Lipnice nad Sázavou starb, den Schwejk unvollendet auf dem Tisch. Nicht einmal zwei Jahre zuvor hatte er begonnen, die Abenteuer des Prager Hundehändlers aufzuschreiben - Švejk im Original -, der den Ersten Weltkrieg voraussagt, dafür in die Irrenanstalt kommt und schließlich doch eingezogen wird. Schon wenig später stellten Zeitgenossen seinen Schwejk in eine Reihe mit Don Quijote, Hamlet, Faust und Oblomow - doch wann hätten sich die Spanier je alle als Don Quijotes bezeichnet, geschweige denn die Briten mit dem Dänen Hamlet identifiziert?

Hašek bekam vom weltweiten, bis heute anhaltenden Erfolg nichts mehr mit, er wurde nur 39 Jahre alt. Geboren wurde er nur wenige Wochen früher als der andere berühmte Prager, Franz Kafka. Beider Elternhäuser befanden sich in Laufweite zueinander. Später teilten sie einen gemeinsamen Freund, Max Brod, der sich um beider Nachruhm verdient machte.

Hašeks Schwejk entstand im kleinen Ort Lipnice, auf halbem Wege zwischen Prag und Brünn, zu großen Teilen im Gasthaus "Zur böhmischen Krone". Dort kocht heute ein Urenkel Hašeks, es gibt ein Hašek-Spezial-Bier. An Gedenktagen trägt man gern die blauen Uniformen des Kaiserreichs. Ein romantisches Schwelgen in alten Zeiten, das wohl auch nur eine Art ist, den Schwejk in allen Ehren misszuverstehen.

Ob der treuherzige Schwejk nun ein hoffnungsloser Einfaltspinsel oder ein genialer Filou ist, darüber werden sich seine Antagonisten im Buch nie einig, und bis heute wird an ihm heruminterpretiert. Wenn Tschechen und auch Tschechinnen das Verb "švejkovat" benutzen, dann meinen sie jedenfalls: sich schlitzohrig durchschummeln.

Simpel ist er nur zum Schein und überführt den Gehorsamsapparat der Albernheit

Harmlos ist der Schwejk nicht, weder ein bloßer Schalk noch feige, wie ihn offensichtlich der Politiker Bartoš versteht: Hellsichtig ist er in seiner Ehrlichkeit - wehe dem, der sie selbstentlarvend blöde findet -, mit der er den ganzen Gehorsamkeitsapparat des Kaiserreichs und der Armee, selbst der Kirchen, in seiner Verlogenheit der Albernheit überführt. Kein Wunder, dass der Lipnicer Pfarrer Hašek zunächst in der Friedhofsecke für Selbstmörder begraben wollte.

Feige war auch Hašek selbst im Krieg nicht, für das Kaiserreich ausgezogen, schlug er sich später auf die Seite der tschechisch-slowakischen Legionäre und lief letztendlich zu den Bolschewiken über. Auch im Ausland schrieb er, gab Zeitschriften heraus, widmete sich der Sprache der Burjaten und gilt dort laut der tschechischen Wikipedia gar als Begründer des Schrifttums. So starb Hašek denn auch nicht nur an Trunksucht und Fettleibigkeit, der Krieg hatte ihm zugesetzt, zudem hatte er von Geburt an ein schwaches Herz.

Kürzlich blamierte sich der Ex-Premier und Kandidat für die Präsidentschaftswahlen im Januar, Andrej Babiš, vor Mittelstufenschülern, als er die Frage nach dem Hauptwerk Hašeks nicht beantworten konnte. Babiš ist gebürtiger Slowake. Kann sein, dass Babiš damit alle seine Aussichten, in Tschechien noch mal was zu werden, begraben kann. Was seine Finanzaffären und von Brüssel bescheinigten Interessenkonflikte als Premier und millionenschwerer Großunternehmer nicht vermochten, das mag diese Missachtung höchsten nationalen Kulturguts bewirkt haben. Und damit auch der Schwejk.

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