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Japanische Architektur:Rückwärtsblickend vorwärts schreitend

Auf der Raketenstation Hombroich ist das "Ein Stein Teehaus" des japanischen Architekten Terunobu Fujimori zu sehen, dazu eine Foto-Schau.

Von Laura Weißmüller

Es könnte sich um ein Wesen handeln, was sich da zwischen die Herbstbäume gen Himmel schiebt. Nur was für eines? Mit seinen sechs krumm gewachsenen Beinen steht es zwar fest auf dem hügeligen Grasboden, doch von seinem kantigen Körper spreizen sich abflugbereit zwei Flügel nach links und rechts. Das Schwarz seines Torsos schillert in der Sonne wie mit kurzen Federn oder Fell bewachsen. Und wer Glück hat, der kann beobachten, wie das Stelzentier seine geschwungenen Augen öffnet - jedoch mit einem leisen Rattern und von der Mitte zur Seite statt mit einem kräftigen Augenaufschlag.

"Bei der Gestaltung von Teehaus-Architekturen ist es notwendig, eine unabhängige Welt zu schaffen, die vom täglichen Leben getrennt ist. Der Schlüssel dazu ist, das Teehaus über den Boden schweben zu lassen", schreibt Terunobu Fujimori. Der japanische Architekt hat das Wesen geschaffen, das seit Kurzem auf der Raketenstation Hombroich so charmant um Aufmerksamkeit wirbt. Die Beine sind aus unbehandelten Robinienstämmen, das "Fell" aus einer karbonisierten Holzverschalung. Die Yakisugi-Methode aus Japan, nach der das Holz kurz angeflammt und dadurch resistent gegen Wasser und Insekten wird, wird auch hierzulande immer populärer, beim "Ein Stein Teehaus" war sie zentraler Bestandteil des Bauprozesses. Der Architekt hat die Hölzer selbst vor Publikum auf der Raketenstation gebrannt.

Das passt zu Terunobu Fujimori. Der 73-Jährige ist zwar durchaus bekannt, er hat schon im Victoria and Albert Museum in London, in der Münchner Villa Stuck oder auf der Architekturbiennale in Venedig sein Werk gezeigt, doch ein eigenes Büro oder feste Mitarbeiter hat der Architekt nicht. Stattdessen reiste er - bevor Corona das unmöglich gemacht hat - lieber persönlich an, arbeitete auf der Baustelle mit, um die Schauen mit begehbaren 1:1-Modellen zu bestücken. Ansonsten überlässt er es findigen Handwerkern, Studenten und Künstlerkollegen, seine Architekturskizzen, die eher an drollige Kinderzeichnungen erinnern, in echte Bauten zu übersetzen.

Teehaus Fujimori

Der japanische Architekt Terunobu Fujimori stellt seine Teehäuser auf Stelzen oder hängt sie an Seile, um eine vom alltäglichen Leben getrennte Welt zu schaffen: hier das "Ein Stein Teehaus".

(Foto: Hertha Hurnaus)

Als "Außenseiter der Außenseiter" bezeichnet denn auch Frank Boehm Fujimori. Der geschäftsführende Vorstand der Stiftung Insel Hombroich ist selbst Architekt und hat mit Leonhard Panzenböck die zum Teehaus gehörige Ausstellung über den japanischen Architekten im Siza-Pavillon kuratiert. Auf großen Schwarz-Weiß-Fotografien konzentriert diese sich auf Fujimoris Teehäuser, die mal auf schwindelerregend hohen Stelzen thronen oder an Seilen schweben und damit den Besuchern der winzigen Gebäude einen ganz besonderen Blickwinkel nach draußen gewähren: "Über dem der Menschen, aber unter dem der Götter" hat ihn Fujimori einmal beschrieben und diese Perspektive mit dem Blickwinkel auf Gemälden von dem von ihm so verehrten Pieter Bruegel verglichen.

Warum Teehäuser? Auf den wenigen Quadratmetern Raum sucht Fujimori nach der Essenz der Architektur

Das klingt, zumindest in einer Bauwelt, die am liebsten im Akkord Gebäude aus Glas, Stahl und Beton hochzieht, nach einem zwar liebenswürdigen, aber doch verschrobenen Außenseiter, der mehr Kunstwerk - oder wie in Hombroich "begehbare Skulptur" - als Architektur schafft. "Für einen mit der Moderne vertrauten Architekten sieht Fujimoris Bau wie das Werk eines Verrückten mit einem sehr ausgefallenen Geschmack aus", so formulierte es vor einigen Jahren Toyo Ito, einer der bekanntesten Architekten Japans. Und erklärt dann postwendend, warum dieser erste Eindruck nicht falscher sein könnte: Weil Fujimori als studierter Architekturhistoriker ziemlich genau wisse, was er mache und vor allem, was er nicht wolle - andere Architekten oder Stile kopieren. Und zweitens, weil es Fujimori in seiner Arbeit gelänge, endlich wieder eine Verbindung zur Natur herzustellen - im Gegensatz zu modernen Baumeistern wie ihm, die es bis heute wagen, "Artefakte zu bauen, die scheinbar jeden Kontakt zur Natur verloren haben".

Toyo Ito schrieb den Text über Fujimori unter dem Eindruck der Katastrophe von Fukushima 2011 und dem Schock darüber, was die japanische Technikgläubigkeit dem Land eingebracht hatte. Seitdem sind knapp zehn Jahre vergangen, in denen die Klimakatastrophe an Dramatik immer weiter zulegte, während die Menschheit überwiegend so tat, als ginge sie das nichts an. Gerade die Vertreter der Bauwelt frönten dem weltweiten Bauboom, obwohl längst klar ist, dass es die Branche zum Klimasünder und Umweltzerstörer Nummer eins gebracht hat. "Unsere heutigen Bauweisen", so Fujimori, "folgen dem Weg des exzessiven Wachstums und der Industrialisierung. (...) Ihre Größe und die Kühnheit ihrer Formen sind beeindruckend, aber sie berühren einen nicht im Innersten."

Fujimori selbst hält tatsächlich gar nicht so viel von grüner Architektur, lieber verwendet der Architekt traditionelle Baumaterialien und wickelt dann das, was er an moderner Wissenschaft und Technik für seine Entwürfe braucht, "mit Natur ein". In Hombroich sind die Baumstämme in den Boden einbetoniert.

Aber gerade mit seiner eigentümlichen Haltung, dem Versuch "rückwärtsblickend vorwärts zu schreiten", hat Fujimori die interessantesten Baumeister seines Landes beeinflusst. Nicht nur den fast gleich alten Toyo Ito, sondern allen voran auch junge Architekten wie Sou Fujimoto, dessen Häuser sich gerne wie Bäume geben, egal ob es sich dabei um ein bewohnbares Holzmodell handelt oder um einen ganzen Wohnturm in Frankreich.

Teehaus Fujimori

Das "Ein Stein Teehaus" gewährt einen ganz besonderen Blickwinkel nach draußen: „Über dem der Menschen, aber unter dem der Götter“, so hat ihn Fujimori einmal beschrieben.

(Foto: Hertha Hurnaus)

Und vielleicht ist es von Fujimori auch gar nicht so abgehoben, sich auf Teehäuser zu fokussieren, gleichwohl er auch einige Wohnhäuser - darunter das Storchenhaus im österreichischen Raiding -, Museen und sogar das Besucherzentrum des größten Süßigkeitenherstellers in Japan entworfen hat. Denn statt sich an die strengen Regeln der japanischen Teezeremonie zu halten, mit ihren exakt vorgeschriebenen Ingredienzien für ein Teehaus, geht es ihm viel mehr darum, auf diesen wenigen Quadratmetern Raum "nach der Essenz der Architektur, ihrem Ursprung" zu suchen.

Steigt man nun also die Treppe zum "Ein Stein Teehaus" hoch, zwängt sich durch die schlanke Tür, nicht ohne die angekohlten schwarzen Holzbretter zu bewundern (und heimlich zu berühren, sodass sich die Finger schwarz färben), und nimmt Platz an dem runden Tisch darin, dann kann man Terunobu Fujimori nur recht geben: Dieses putzige Wesen auf seinen sechs Beinen birgt im Inneren eine echte Wahrnehmungsmaschine, die den Kopf gleichsam freiräumt und konzentriert. Auf die Stelle, wo Tee gekocht werden kann, und das Stück Moos, das daneben liegt. Auf die schlanken Holzlamellen, aus denen die Innenwand besteht, und vor allem auf den Blick nach draußen, über das Gelände der verwunschenen Raketenstation. Das ist ein Blickwinkel wahrlich nur knapp "unter dem der Götter".

Terunobu Fujimori. Ein Stein Teehaus und andere Architekturen. Raketenstation Hombroich, Siza-Pavillon. Bis 29. November und dann wieder ab 4. Februar bis 11. April. Infos unter: www.inselhombroich.de

© SZ vom 12.10.2020
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