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Serie "Welt im Fieber": Japan:Manga und Anime geben dem Herzen Zuflucht

Tokyo 2020 Olympics and Paralympics
Welt im Fieber

Ein Mann läuft an Bildern von Miraitowa and Someity vorbei, den Maskottchen der Olympischen Spiele in Tokio, die auf das kommende Jahr verschoben worden sind.

(Foto: Eugene Hoshiko/AP)

Unsere Autorin ist deprimiert von den schlechten Nachrichten während der Coronakrise in Japan. Deswegen taucht sie tief in die Welt von Computerspielen ein.

Bis vor kurzem war mein Lebensrhythmus ziemlich durcheinander. Ich wachte um ein Uhr nachts auf und daddelte auf der Suche nach Neuigkeiten auf meinem Smartphone. Ich dachte, ich müsse genau wissen, was auf der Welt passiert, und das ginge nicht, ohne dabei richtig zu leiden. Die Nachrichten waren jedoch so furchtbar, dass ich auf einmal nicht mehr aufhören konnte zu weinen. Weinend lag ich da, und auch das vom Arzt verschriebene Beruhigungsmittel half nicht. Ich lag so lange, bis ich jedes Zeitgefühl verloren hatte. Als es mir irgendwie gelang, mich aufzurichten, griff ich abermals zu meinem Smartphone, doch diesmal öffnete ich eine Spiele-App. Fröhliche Musik erfüllte den Raum, und ich tauchte in die Welt eines Spiels ein.

Wenn ich nicht aufpasse und doch wieder an die unzähligen grauenhaften Ereignisse denke, wirft mich das psychisch erneut aus der Bahn. Aber das Spiel stellt mich pausenlos vor Herausforderungen. Vehement stürze ich mich darauf, bis sich nach und nach meine gesamte Konzentration auf diese Aufgabe richtet. Mein Bewusstsein löst sich von meinem Körper, und ich spüre, wie ich vollständig in das Spiel hineingleite. Es hat Ähnlichkeit mit einer Betäubung beim Zahnarzt. Der Schmerz ist nur weg, solange sie andauert. Mitunter lächle ich oder rufe "Jippie!". Bei geschlossenen Vorhängen im abgedunkelten Zimmer mache ich weiter, bis ich überwältigt von den Reizen des Spiels vor Erschöpfung in ohnmächtigen Schlaf sinke.

Katherine Funke aus Brasilien, Felwine Sarr aus dem Senegal, Khaled al-Khamissi aus Ägypten, Kristen Roupenian aus den USA, V. Ramaswamy aus Indien, Zukiswa Wanner aus Kenia und Sayara Murata aus Japan. Literaten aus verschiedenen Ländern führen eine globale Chronik.

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Lange bevor Corona über die Welt hereinbrach, hat eine Person, die ich sehr schätze, mir beigebracht, dass Anime und Manga dem Herzen eine Zuflucht bieten. Und es ist wahr, in Zeiten großer Not habe ich stets dort Zuflucht gefunden. Als ich Freunden erzählte, wie ungewöhnlich tief ich in die Spiele eintauche, sagten mehrere, es gehe ihnen genauso.

Eine Ärztin für Psychosomatik gab mir den Rat, mir keine allzu schlimmen Nachrichten anzusehen. Einige meiner Freunde ermahnten mich besorgt, wenigstens die Vorhänge aufzuziehen und hin und wieder ein Sonnenbad zu nehmen.

Inzwischen kann ich schlafen, und meine seelische Verfassung hat sich gebessert. Ich spiele noch immer jeden Tag. Die Game-App sagt mir "Guten Morgen" oder "Guten Abend" und gibt mir so ein Zeitgefühl.

Eine Zuflucht, um meine Seele zu schützen. Ich glaube, das ist es, was ich jetzt brauche. Während ich bei geöffnetem Fenster ein Sonnenbad nehme, tauche ich in eine fiktionale Welt ein. Und spüre, dass jenseits dieser Welt zahlreiche Menschen in Isolation leben.

Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe

© SZ.de/khil
Eva Weber Guskar, Pressebild

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