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Serie Welt im Fieber - Japan:Auf Japans Straßen drängen sich die Menschen anders

Für viele Japaner war es bislang völlig normal, in einem Business Hotel zu übernachten, falls sie die letzte Bahn nach Hause verpasst hatten.

(Foto: AP)

Die Schriftstellerin Sayaka Murata wundert sich über eine volle Bahnstation am Nachmittag - bis ihr klar wird, dass die Japaner bloß keine Überstunden mehr machen.

Von Sayaka Murata

Eine im Ausland lebende Japanerin äußert sich in einer Mail in ihre Heimat überrascht und besorgt über die große Anzahl von Menschen, die dort weiter die Straßen bevölkerten. Augenblicklich sind es zwei Arten von Menschen, die sich in der Öffentlichkeit bewegen. Zum einen sind es die, die eigentlich lieber zu Hause bleiben würden, aber da ihre Firma sie nicht beurlaubt, trotz ihrer Ängste eben doch zur Arbeit fahren. Bei der zweiten Gruppe handelt es sich um Menschen, die sich in einer anderen Informationsblase befinden als etwa ich.

Wir alle leben in verschiedenen Informationskapseln, je nachdem, welche Links wir im Internet anklicken, welche Bilder wir in den Nachrichten sehen, welchen Virologen wir zuhören und welche Botschaften wir von unseren Freunden empfangen. Wir sehen verschiedene Szenen derselben Welt. Und jeden Tag ändert sich der Inhalt unserer Kapsel.

Katherine Funke aus Brasilien, Felwine Sarr aus dem Senegal, Khaled al-Khamissi aus Ägypten, Kristen Roupenian aus den USA, V. Ramaswamy aus Indien, Zukiswa Wanner aus Kenia und Sayara Murata aus Japan. Literaten aus verschiedenen Ländern führen eine globale Chronik.

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Im Internet wird ständig auf Personen eingedroschen, die sich nicht an die "freiwillige Selbstbeschränkung" halten, auch wenn dieses Bashing nichts ändern wird. Leute, die sich anders "beschränken" als ich, erhalten ihre Informationen über andere Links als ich.

Wer heutzutage mit Fieber zur Arbeit kommt, wird zur Untersuchung geschickt

Außerdem gibt es Menschen, die nicht freinehmen können, ganz gleich wie bedroht sie sich fühlen. Zu ihnen gehören auch die, die zwar nicht in medizinischen oder anderen lebenswichtigen Bereichen arbeiten, aber dennoch nicht freihaben, weil sie schlicht ihren Lebensunterhalt verdienen müssen (laut den Informationen, die in meine Infokapsel dringen).

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an ein Erlebnis in einem Konbini, in dem ich während meines Studiums gejobbt habe. Ein Mitarbeiter schleppte sich mit 40 Grad Fieber zur Arbeit und wurde von unserem Chef sehr für seinen Einsatz gelobt. Ein anderer, der wegen seiner Bauchschmerzen telefonisch um einen freien Tag bat, wurde als "unprofessionell" gerügt. Wer heutzutage mit Fieber zur Arbeit kommt, wird zur Untersuchung geschickt.

Obwohl ich schon seit zwei Jahren nicht mehr im Konbini arbeite, habe ich mitunter das Gefühl, meine Kollegen zu verraten. Sobald einer fehlt, leidet ein anderer. So war es sogar in normalen Zeiten. Für einige von meinen Freunden, die in Firmen angestellt sind, war es bislang völlig normal, mit der letzten Bahn nach Hause zu fahren, oder, falls sie die verpassten, in einem Business Hotel zu übernachten.

Neulich fiel mir auf, wie voll es gegen fünf Uhr nachmittags an meiner Bahnstation war, doch noch während ich mich über das Gedränge trotz Corona wunderte, wurde mir klar, dass all diese Menschen unterwegs waren, weil sie keine Überstunden machten. Für Japan ist das sehr ungewöhnlich. Mir wird bewusst, dass unser "friedlicher Alltag" seine Normalität verloren hat. Doppeltes Entsetzen befällt mich.

Sayaka Murata, geboren 1979, ist Schriftstellerin. Ihr Buch "Konbini Ningen" (dt. Titel: "Die Ladenhüterin") verkaufte sich in Japan über 600 000 Mal. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe.

© SZ vom 24.04.2020

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