bedeckt München

"Verhängnis" von Janet Lewis:Das Pamphlet in der Serviette

DTV Verlag Autorenfoto, honorarfrei (siehe unten): Janet Lewis

Die amerikanische Schriftstellerin Janet Lewis, 1899 in Chicago geboren.

(Foto: privat)

Ob Palast oder Werkstube: Es stimmen die Details. Janet Lewis' Absolutismus-Roman "Verhängnis" bietet spannende Unterhaltung zur Welt um 1700.

Von Gustav Seibt

Wie erreicht Kritik einen absoluten Monarchen, der als erster Darsteller des Staates - "Der Staat bin ich" - in ein minutiös ritualisiertes Zeremoniell gezwängt ist? Sie liegt als anonymes Schreiben in der Serviette, die dem König beim Frühstück von seinem Bruder in einem silbernen Korb gereicht wird. Wer hat es da hineingetan? Der hoheitliche Diener übernahm nur das von niedrigerem Personal allmorgendlich bereitgelegte Mundtuch. Die Kette, die von ihm aus zurück in die Tiefen des Palasts führt, ist kaum überschaubar.

Auch der König selbst, der das Schriftstück mit ungerührter Miene einsteckt, ohne dass die aufs royale Frühstücken konzentrierte Umgebung es wahrnimmt, kann über den Verfasser nur rätseln. Ist es der junge, brillante Geistliche, der den Thronfolger erzieht? Sein Name glänzt bis heute, es ist Fénelon, der Verfasser eines klassischen Romans über Telemach, den Sohn des Odysseus. Auf den naheliegenden Gedanken, es könne sein Bruder selbst sein, kommt der König nicht, obwohl dessen Ehefrau eine bärbeißige und spöttische deutsche Prinzessin ist, die haufenweise Briefe in ihre Heimat schickt, in denen sie sarkastisch die Zustände am Hof glossiert. Hat Ludwig XIV. je eines dieser Schreiben seiner Schwägerin Liselotte von der Pfalz zu Gesicht bekommen? Das ist zu bezweifeln.

Die Majestät ist in ihrem Kern betroffen

Janet Lewis' Roman mit dem auf deutsch etwas unspezifischen Titel "Verhängnis" spielt im Jahr 1694, dem 51. Regierungsjahr des Sonnenkönigs. Sein Originaltitel lautet "The Ghost of Monsieur Scarron", und er ist für Kenner der Epoche viel knackiger. Denn Scarron, einst ein bekannter Schriftsteller, aber schon 1660 verstorben, war der erste Ehemann der berühmten Madame de Maintenon, der letzten Mätresse des Königs. Ludwig ehelichte sie insgeheim, um der überfrommen Frau Gewissensbisse zu ersparen.

Wenn nun nicht nur Schriftstücke in der Serviette, sondern auch gedruckte Pamphlete auftauchen, die den Namen Scarrons im Titel führen und den königlichen Liebeswandel aufspießen, dann ist die Majestät im Kern betroffen. Der König verlässt sich nicht mehr auf den regulären Geschäftsgang der Justiz - Publikationsfreiheit besteht im absolutistischen Staat ohnehin nicht - er verlangt vom Pariser Polizeichef persönlich hartes Durchgreifen, vor allem das Aufspüren der beteiligten Missetäter: Verfasser und Drucker. Die Maschinerie des frühmodernen Polizeistaats kommt in Gang. Jedes Exemplar der verbotenen Schrift kann für die Besitzer todbringend werden.

Das ist der präzise ausgemalte Hintergrund der Geschichte, die Lewis erzählt. Die 1998 im Alter von 99 Jahren verstorbene Autorin wird gerade in deutscher Sprache entdeckt, mit "Verhängnis" liegt nun ihr dritter und letzter an einem realen Kriminalfall aufgehängter historischer Roman vor. Das kundige Nachwort von Julia Encke gilt vor allem der Autorin. "The Ghost of Monsieur Scarron" erschien schon 1959. Eine gewisse Patina sieht man ihm vor allem bei der Darstellung weiblicher Seelenzustände durchaus an.

Ein Hauch von Cold War Liberalism

Um sie geht es ganz wesentlich. Die hierarchisch kleinere, menschlich größere Geschichte des Roman dreht sich um die Frau eines Buchbinders und Druckers, sie spielt also in dem Milieu, das durch die Pamphletaffäre unter Druck gerät. Marianne und Jean Larchers Ehe ist durch die Volljährigkeit ihres einzigen überlebenden Sohns an den Punkt gelangt, an dem familiäre Notwendigkeiten ihre Bindekraft verlieren - jedenfalls in der Lebenszeit der Verfasserin Lewis. Der Sohn will in die Welt, bevor er das gut laufende Geschäft des Vaters übernimmt. Der Vater, redlich, fleißig, sparsam, engstirnig, fast als wolle er, obwohl katholisch, Max Webers puritanischen "Geist des Kapitalismus" verkörpern, lässt den Sohn ungern ziehen - der geht aber doch, und zwar ins von emigrierten französischen Hugenotten wimmelnde London.

Damit ist ein zweites historisches Motiv angeschlagen, der Gegensatz des despotisch regierten Frankreich, das soeben die Sonderrechte seiner protestantischen Minderheit abgeschafft hat (angeblich auf Drängen der Madame des Maintenon), zum freisinnigen England. Ein Hauch von Cold War Liberalism weht durchs Buch von Lewis.

Marianne also ist nicht mehr recht zufrieden mit ihrem Leben an der Seite des sicherheitsversessenen Mannes. Sie wird leichte Beute eines aus der Provinz nach Paris geflohenen jungen Buchbinders - er hat soeben seinem Meister die Frau ausgespannt. Monsieur Larcher stellt ihn als Ersatz für den weggehenden Sohn in seiner Werkstatt ein. Mit großer Ausmalungsfreude kontrastiert Lewis die Riesenwelt des Versailler Hofes mit dem säuberlichen kleinen Wohlstand eines Pariser Handwerkerhaushalts: holländische Malerei versus Hofbarock.

An beiden Polen stimmen die Details, vom Stadtplan übers Polizeipersonal bis zu den Verhältnissen um den König. Lewis zeichnet ein exemplarisch breites Bild der Gesellschaft um 1700, sie zeigt ihre Ausgesetztheit gegenüber Mangel und Krankheiten - eine Zahnbehandlung gehört zu den aufschlussreichsten Szenen -, die Freiheit in einer Welt ohne Meldedaten, den Verkehr, die Schifffahrt, das Wirtshausleben, die Mietverhältnisse bis zu den einlässlich beschriebenen Speisen. Für ihre Recherchen verbrachte Lewis viele Monate in Paris.

Die Alterung des Romans ist unübersehbar

Die schiere Anschaulichkeit, eine nie dickflüssige Informationsfülle ist beträchtlich. Präzise wird auch der durch Kriege, Verschuldung und Klimaschwankungen erzeugte Krisenzustand der Monarchie im Großen umrissen. Da ist es leicht zu verschmerzen, dass die Verklammerung der beiden Handlungsebenen - des staatspolitischen und des kleinbürgerlichen - nur äußerlich, am Ende durch einen dummen Zufall gelingt. Da hier die kriminalistische Spannung der Geschichte liegt, verbietet sich eine Detailerörterung.

Allerdings zeigt sich hier auch die unübersehbare Alterung des Romans. Lewis exerziert Formen psychologischer Einfühlung, die dem historischen Roman nicht guttun, weil sie kulturelle Distanz zum Verschwinden bringen. Dialoge bekommen etwas Drehbuchhaftes, wirken also selbst historisch, denn sie zeugen für die Zeit der Entstehung des Romans, nicht aber für die von ihm dargestellte Epoche.

Janet Lewis war eine gute Kennerin der französischen Geschichtswissenschaft. Daher ist die psychologische Direktheit ihres Erzählens ein Einwand. Die Historiographie der letzten Jahrhundertmitte, die längst Mentalitäten und Lebensformen thematisierte, hatte die Literatur vorübergehend überholt. "Verhängnis" ist in diesen Grenzen spannende, über die Oberflächen des Daseins gut belehrende Lektüre. Wer mitgoogelt, wird immer belohnt. Die aufschließende Verfremdungskraft einer Hilary Mantel, die derzeit den State of the Art des historischen Romans vertritt, hat sie nicht. Womöglich kann der Geist Scarrons aber dazu anregen, die große Versailles-Bloggerin Liselotte von der Pfalz hervorzukramen.

Janet Lewis: Verhängnis. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel. Mit einem Nachwort von Julia Encke. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2020. 448 Seiten, 24,00 Euro.

© SZ/fxs
Zur SZ-Startseite
6 Bilder

Bücher des Monats
:Erlebnispark Europa

Ilja Leonard Pfeijffers "Grand Hotel Europa" lädt zum Verreisen im Kopf ein. Und der Politikberater Gerald Knaus schafft Abhilfe bei einem Thema, das verlässlich jedes gemütliche Abendessen sprengt. Das sind die Bücher des Monats.

Aus der SZ-Literaturredaktion

Lesen Sie mehr zum Thema