Süddeutsche Zeitung

Jane Austen und die Sklaverei:Es ist kompliziert

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Die Familie von Jane Austen galt lange als Befürworter der Sklaverei und als ihr unmittelbarer Profiteur. Nun gibt es neue Erkenntnisse.

Von Felix Stephan

Um die Haltung der Austen-Familie zur Sklaverei ist eine neue Auseinandersetzung entbrannt. Jane Austens Vater George unterhielt enge persönliche und geschäftliche Beziehungen zu James Langford Nibbs, einem Kommilitonen aus Oxford, der auf Antigua eine Plantage betrieb, auf der auch Sklaven arbeiteten. Diese Verbindung war lange bekannt und sie begründete den Ruf der Austen-Familie als Befürworter der Sklaverei - ein Ruf, der nicht zuletzt von Edward Said befeuert wurde.

In der englischsprachigen Mediasphäre kam die Verbindung zuletzt wieder häufiger zur Sprache, nachdem die Direktorin des Jane-Austen-Museums in Chawton, Lizzie Dunford, in einem Interview angekündigt hatte, die Sklaverei in ihrem Haus zu thematisieren. Wobei dies nur der Beginn eines "kontinuierlichen und bedachten Prozesses einer historischen Befragung" sei. Viele konservative Medien witterten daraufhin einen Denkmalsturz.

1840 nahm Jane Austens Bruder Henry Thomas an der "Anti-Slavery Convention" teil

Im Times Literary Supplement hat die Literaturwissenschaftlerin Devoney Looser nun versucht, die Verhältnisse einigermaßen zu sortieren. Die kurze Antwort lautet: Es ist kompliziert. Neueren Forschungen zufolge waren die Verbindungen zwischen George Austen und Nibbs zwar enger als lange angenommen. Andererseits sind von Jane Austen insgesamt 161 Briefe überliefert, in denen sie zwar auf die Sklaverei nie direkt Bezug nimmt, an einer Stelle aber bemerkt, sie sei "sehr verliebt" ("much in love") in die Schriften des weißen Abolitionisten Thomas Clarkson.

Zwei Brüder der Autorin äußerten sich noch unmissverständlicher: Es sei sehr bedauerlich, wenn sich auch nur eine Spur von Sklaverei im englischen Kolonialreich fände, notierte Francis Austen in seinen noch unveröffentlichten Tagebüchern. Und Henry Thomas Austen setzte sich sogar öffentlich für die Abschaffung der Sklaverei ein. Als Repräsentant von Colchester nahm er an der internationalen "Anti-Slavery Convention" teil, die im Juni 1840 in London stattfand, mehr als zwei Jahrzehnte nach Janes Austens Tod.

Viele würden nun zu Recht anmerken, schreibt Devoney Looser im TLS, dass es zu lange gedauert habe, bis sich ein Mitglied der Austen-Familie öffentlich gegen die Sklaverei aussprach. Wahr sei aber auch, dass es zu lange gedauert habe, bis der Austen-Philologie aufgefallen sei, dass es jemand getan habe. Die Frage, ob die Familie Austen für oder gegen die Sklaverei gewesen sei, lasse sich nur so beantworten: Sie war beides.

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