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Jan van Eyck in Gent:Marias Badetuch

Wie kein zweiter Maler vereinte Jan van Eyck Sinnlichkeit und Besinnlichkeit. Eine Ausstellung in Gent versammelt etliche seiner raren Werke und zeigt den Mann des 15. Jahrhunderts als Humanisten. Eine beglückende Erfahrung.

Die heilige Barbara ist eine Baumeisterin. Eigentlich müsste sie in ihrem Turm gefangen sein, ihr eifersüchtiger Vater hatte sie einsperren lassen. Das aber sieht nicht gut aus, es erzählt nicht von der Macht Gottes und auch nicht von der Kraft des menschlichen Willens, über die eine Person verfügen muss, die sich unter diesen Umständen heimlich taufen lässt. Jan van Eyck schwebt Größeres vor. Er platziert Barbara mit ihren leichten, wehenden Locken in offener Landschaft. Worauf sie sitzt, nein: thront, ist nicht zu sehen, zu ausladend ist ihr weiter Rock, dessen noch mittelalterlich anmutende Falten die ganze vordere Bildfläche füllen. Versunken liest die junge Frau in einem dicken Buch, vermutlich der Bibel, und reckt dabei ihren Palmwedel, als wäre dieser eine überdimensionale Schreibfeder. Hinter ihr rackern Arbeiter, um den Turm zu errichten. Mit seinen Spitzfenstern und filigranen Streben erinnert er an eine gotische Kathedrale; ein Tempel Gottes, kein Verlies ist das, was Barbara sich da errichten lässt.

Das Ganze ist mehr eine Zeichnung als ein Gemälde, zumindest bleibt der Status des kleinen Bildes unklar. Der Himmel im Hintergrund leuchtet bläulich und sonnengelb, doch Frau, Turm, die Arbeiter, auch die Landschaft sind gezeichnet, versetzt mit weißen Akzenten. Ob es sich um eine Unterzeichnung handelt, oder um ein fertiges Gemälde ist nicht mehr auszumachen. Das Werk von 1437 zeigt, mit welcher Akribie der Maler vorging, wie präzise er von der Fingerbewegung der Frau beim Umblättern bis zu den Baumkronen im Hintergrund alles beobachtet, alles festhält.

Ein Realist im modernen Sinn aber ist Jan van Eyck nicht. Das, was bis heute so frappiert an seiner Malerei, sind eben nicht nur Details wie die beiläufig gezeigte Waschschüssel der Jungfrau, die kostbaren bunten Bodenfliesen eines Palastes, die so steinhart funkelnden Juwelen im Kopfschmuck eines Engels. Es ist die selbstverständliche Spiritualität, mit der seine Figuren ohne Pathos ihr Leben bestreiten, als wären das Göttliche und das Menschliche nicht zweierlei.

Insofern ist der Titel irreführend, mit dem die aktuelle Ausstellung in Gent das Werk ihres Helden auf den Punkt bringen will: "Van Eyck. Eine optische Revolution". Wenig ist so altbacken in der Kunstgeschichte wie der Begriff der Revolution, lebt doch die Geschichte der Malerei von einer Neuerfindung nach der anderen, zumeist handelt es sich nicht um radikale Brüche, sondern um Fortentwicklungen älterer Bildformen und Techniken. Will man im 15. Jahrhundert unbedingt einen Umsturz der Optik ausmachen, so ist der Ort doch eher Florenz als Brügge, hier schließlich wurden die rigiden Gesetze der Zentralperspektive westeuropäischen Zuschnitts entwickelt und durchgesetzt. Van Eycks Kunst dagegen bezog den damaligen Wissenstand der Mathematik und Optik ein, aber sie ging nicht darüber hinaus, auch seine Perspektive blieb eher intuitiv.

Nicht als Naturwissenschaftler also sollte man ihn feiern, sondern für seinen Alltagsverstand, sein Gespür für Farben, Licht, Atmosphärisches, seine Gabe, an der Schwelle zur Neuzeit Sinnliches und Übersinnliches selbstverständlich zu verschränken. Mehr als die Hälfte seiner erhaltenen Stücke sind in Gent zu sehen, das ist einmalig. Gerade deshalb ist es ärgerlich, wie wenig die Ausstellungsmacher diesem Künstler vertrauen, wie sehr sie sein Werk mit anderem aufladen zu müssen meinen, um es dem Publikum vermitteln zu können.

Die Kuratoren loben sich selbst - wer das überhört, macht wunderbare Entdeckungen

Das beginnt bei den Audioguides, ohne die man diese Ausstellung nicht verstehen kann. Anstatt in historische Hintergründe einzuführen und knapp etwas zur Maltechnik zu berichten, werden mal sentimental die Bilder beschrieben, mal Allgemeinplätze verbreitet. Ein Video führt ein in den Anlass der Schau, die Restaurierung des Genter Altars. Dort projizieren sie allen Ernstes die Museumsleute auf die einzelnen Tafeln des Altars, auf dass diese, nun sakralisiert, ihre eigene Arbeit in höchsten Tönen loben. Haupterkenntnis: Der westliche Durchschnittsmensch, und sei er Kunsthistoriker, ist dann doch nicht von so blendender, himmlischer Schönheit wie van Eycks Johannes oder seine Maria; der Maler hatte offenbar Glück mit seinen Modellen.

Man bekommt in der Schau einige reale Gegenstände zu sehen, die van Eyck darstellte, ein Apothekergefäß, einen Leuchter, eine Fliese. Das könnte interessant sein, wäre es denn mit Sozial- und Konsumgeschichte verbunden, immerhin handelt es sich beim burgundischen Hof Philipp des Guten, dem der Künstler diente, zwischenzeitlich um den wohlhabendsten Westeuropas. Auch über die Kunstentwicklung in Brügge und Gent wüsste man gerne Genaueres, so schwer kann es ja nicht sein, ein paar mehr Vorgängerstücke zum Vergleich aufzutreiben. Stattdessen werden Werke von Italienern gezeigt - nicht aber von denjenigen Florentinern und Venezianern, die van Eyck bewunderten und ihm nacheifern, sondern Stücke etwa von Fra Angelico, die dieselben Motive zeigen wie van Eycks Arbeiten, aber weniger naturnah ausgeführt sind. Das soll wohl seine Überlegenheit beweisen. Was für ein engstirniges Unterfangen.

Wer sich aber von den schlichten Narrativen der Kuratoren nicht beirren lässt, macht beglückende Entdeckungen. Da sind zuvorderst die frisch gereinigten Tafeln von der Außenseite des Genter Altars. Jan van Eyck übernahm den Auftrag eines reichen Stifterpaars wohl von seinem Bruder Hubert, 1432 wurde der Altar in der heutigen St.-Bavo-Kathedrale in Gent geweiht. Die Tafeln, die nicht im Museum zu sehen sind, bleiben in der Kirche ausgestellt (leider nicht am originalen Standort, sondern in einem Verschlag für Touristen). In der Museumsausstellung sind die restaurierten Tafeln quer über die Räume verteilt, was nicht logisch ist, aber ihrer Wirkung keinen Abbruch tut.

Dem Engel und Maria, beide weiß gekleidet, kommen die Besucher nah wie nie zuvor. Wie ein klösterliches Freundespaar treten die zwei auf die Bühne. Der Engel spreizt seine Wassermelonen-Flügel, Maria zeigt sich vom göttlichen Licht beseelt. Zwischen ihnen öffnet sich ein Fenster und lädt die Welt ein, diesen Moment zu bezeugen. Dass Maria ihr Badehandtuch nicht weggeräumt hat, tut der Heiligkeit keinen Abbruch. Im Gegenteil wirkt ihre Überraschung, auch die Intimität des Geschehens, nun umso glaubwürdiger.

Auf dem geschlossenen Altar schauen von oben die Propheten und Sibyllen zu, als wüsste van Eyck schon, wie wichtig diese Verkünder einmal Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle werden würden. Unten kniet das Stifterpaar Joos Vijd und Elisabeth Borluut, so lebensgroß wie lebensnah. Dazwischen zeigen die grau in grau gehaltenen Figuren von Johannes dem Täufer und Johannes dem Evangelisten, dass die Malerei es sehr wohl mit Marmorskulpturen aufnehmen kann. Van Eyck hatte eben auch kunsttheoretische Ambitionen, deshalb konkurriert er mit den Bildhauern und deshalb versieht er manche seiner kleineren Porträts mit Inschriften, auf denen er sich als Macher, als Schöpfer also bezeichnet und so noch einmal betont, seine Figuren mit seiner Kunst zum Leben erweckt zu haben.

Der Künstler sieht sich als Schöpfer. Selbstgewiss reckt sein Adam die Zehen aus dem Bild

Das ist ihm betörend gelungen mit Adam und Eva, den beiden Vordertafeln des Genter Altars, die auch im Museum zu sehen sind. Übernächtigt und etwas trotzig wirkt Eva; sie scheint lange nachgedacht zu haben, ob sie nun nach der etwas schrumpeligen Zitrusfrucht greifen soll oder nicht. Die dünnen Haare, die schmale Hand neben dem Schamhaar, ihr vorgereckter, üppiger Bauch: Sie ist eine bestimmte Frau, keine ideale Urmutter. Noch mehr Gefallen fand der Maler offenkundig am nackten Adam. Die Sehnen am Hals zeichnen sich ab, eine Muskeldelle im Oberschenkel zeugt von Anstrengung. Trotz seiner dünnen Arme scheint dieser Mann schon einmal zugepackt zu haben im Leben. Mit den vorgereckten Fußspitzen wagt er sich beinahe aus dem Bilderrahmen heraus. Adam liebäugelt mit der Selbständigkeit; hinterher wird er kaum behaupten können, er sei ja nur verführt worden, die Frucht der Erkenntnis zu probieren.

So viel Menschenkenntnis ist neu im Kirchenraum. Sie wird nur übertroffen von van Eycks sensibler Bildniskunst. Seine aufgeputzte Frau Margarethe beobachtet ihn und uns. Und seine porträtierten Männer legen mit jedem Barthaar, jeder Falte am Augenwinkel Zeugnis von ihrem gesamten Wesen ab, ob sie wollen oder nicht. Auch so lässt sich das Göttliche feiern: als Dokumentation menschlicher Vielfalt.

Van Eyck. Eine optische Revolution. Museum für schöne Künste, Gent, bis 30. April. Katalog: 64,50 Euro. Info: www.vaneyck2020.be

© SZ vom 18.02.2020
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