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Zum Tod von Jan Myrdal:Steter Strom

Der Schriftsteller Jan Myrdal (1927-2020)

(Foto: imago stock&people)

Ein notorischer Maoist, der unermüdlich publizierte: Zum Tod des schwedischen Journalisten, Schriftstellers und Verlegers Jan Myrdal.

Von Thomas Steinfeld

Sollte es je eine Geschichte des europäischen Linksradikalismus geben, so wie er sich in den Sechzigern formierte und in den Achtzigern verhallte, bräuchte man für die schwedische Fraktion ein eigenes Kapitel. Unter anderem, weil einige ihrer Protagonisten später so erfolgreich wurden: der Filmregisseur Roy Andersson zum Beispiel, der Schriftsteller Henning Mankell, oder auch der Reporter und Autobiograf Jan Myrdal. Zu diesem Kader, in dem man sich und einander auf erstaunliche Weise treu blieb, gehörte auch der Hotelier Lasse Diding, der Jan Myrdal bis zuletzt ein auskömmliches intellektuelles Leben ermöglichte.

Einem deutschen Publikum bekannt wurde Jan Myrdal in den Sechzigern durch eine lange Serie von Reportagen, die aus Aufenthalten vor allem in China, aber auch in Afghanistan, Turkmenistan, Albanien und Indien hervorgegangen waren, mit offenbarer Sympathie für Mao Zedong und einen radikalen Antiimperialismus. Der "Bericht aus einem chinesischen Dorf" (1963) war der erste große Erfolg Jan Myrdals, ein Buch, das von Claude Lévi-Strauss zum ersten anthropologischen Werk erklärt wurde, das es mit der Zeitgeschichte aufnehmen könne. Weithin wahrgenommen wurden auch die späteren Reportagen aus Asien, deren Parteilichkeit, den Qualitäten der Berichterstattung zum Trotz, heute bisweilen bizarr wirkt, die damals aber zu einer linken Bewegung gehörten, deren Wirkung bis weit in die Mitte der Gesellschaft reichte: Über Jahrzehnte war Jan Myrdal, als Verleger, Initiator und Vermittler, eine Zentralfigur der schwedischen Linken, zu deren Bedeutung ein steter Strom von Artikeln beitrug, die vor allem im Aftonbladet, aber auch in anderen Zeitungen erschienen.

Jan Myrdal war das Kind berühmter Eltern: Die Pädagogin Alva Myrdal und der Volkswirt Gunnar Myrdal, beide Nobelpreisträger, hatten das theoretische Gerüst der schwedischen Sozialdemokratie geschaffen. Als Jan Myrdal im Jahr 1982 das Buch "Kindheit" veröffentlichte, eine über lange Strecken nur schwer erträgliche Abrechnung mit den Eltern und deren Erziehungsmethoden, veränderte er nicht nur das öffentliche Bild dieser Stifterfiguren, sondern erschütterte auch die ideologischen Grundlagen eines Staats, der sich selbst für eine moralische Instanz hielt. Eine ganze Serie von autobiografischen Büchern folgte. Fast hundert Bücher hat er geschrieben.

Der Ehrgeiz verließ ihn nie: Er hat tatsächlich in einem chinesischen Dorf gelebt, fast ein Jahr lang. Er besaß die beste Privatbibliothek des Nordens, einschließlich einer Erstausgabe der "Encyclopédie" Diderots. Er war der fleißigste, sprachkundigste und welterfahrenste aller schwedischen Schriftsteller, auch wenn er in seiner Kindheit kaum hatte lesen lernen wollte. Am Freitag dieser Woche starb Jan Myrdal in Varberg. Er wurde 93 Jahre alt.

© SZ vom 31.10.2020
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