Jan Drees' "Literatur der Krise":Rätselhafte Vorgänge

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Schriftsteller Hartmut Lange. (Foto: Berliner Akademie der Künste/imago images/gezett)

Jan Drees hat dem Novellenwerk von Hartmut Lange eine lesenswerte Studie gewidmet.

Von Gustav Seibt

Das Novellen-Werk des 1937 geborenen Hartmut Lange steht als Solitär in der Literatur der Gegenwart. Seit 1982 sind bis heute annähernd siebzig manchmal nur ein Dutzend Seiten zählende, gelegentlich auch zehnmal so umfangreiche Texte erschienen, deren Duktus sich in diesen vierzig Jahren kaum zu verändern schien. Ihre kühle, zeitlos anmutende Sprache zeigt oft erst bei genauem Hinhören ihren Rätselcharakter, so wenn eine Wegbeschreibung, die sich auf einem Stadtplan nachprüfen lässt, selbst zu einem syntaktischen Labyrinth gerät: "... und wenn man die Strecke von der Via Adda bis zur Via Salaria hinter sich gelassen, wenn man, indem man nach links abbiegt, den Torbogen, der in den Park führt, erreicht hat, dann sieht man ..." Hier macht schon die Sperrigkeit, fast Unschönheit der Wiederholungen (wenn man/wenn man/indem man) die Eckigkeit der Route fühlbar.

Es geht um den Weg zur Villa Albani in Rom. Die Novelle "In der Villa Albani" folgt einem offensichtlich gebildeten Besucher namens Herbert Guttendorfer bei einem Besuch in der nur mit individueller Erlaubnis betretbaren Villa. Dabei spielen sich zunehmend rätselhafte Vorgänge ab, bei denen am Ende sogar die Möglichkeit aufscheint, sie würde gerade ausgeräumt. Oder handelt es sich um eine imaginierte Wiederholung einer früheren Räumung der von Johann Joachim Winckelmann im 18. Jahrhundert eingerichteten Sammlung? Diese wurde nämlich angeblich 1870, nach der dort abgeschlossenen Kapitulation der päpstlichen Truppen mit den italienischen Eroberern Roms, von den Franzosen geplündert. Oder ist auch das nur eine Fehlinformation jenes Guttendorfer? Je genauer man nachsieht, desto ungreifbarer wird das durchaus deutlich beschriebene Geschehen.

Genaues Nachsehen: Das leistet ein Handbuch, das Jan Drees, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, zu Langes Novellen vorgelegt hat. Kern der auch bibliographisch umfassenden Studie sind Einzelkommentare zu allen bisher erschienenen Erzähltexten Langes (mit Ausnahme des jüngsten Bandes "Am Osloer Fjord oder der Fremde"). Die Kommentare resümieren knapp die Handlungen und stellen das Hintergrundwissen bereit, auf das dabei angespielt wird.

Jan Drees: Literatur der Krise. Das Novellen-Werk von Hartmut Lange. Arco Wissenschaft, Wuppertal 2022. 393 Seiten, 38,00 Euro. (Foto: Arco Wissenschaft)

Der Kommentar zur "Villa Albani" berichtet also von ihrer Entstehung im 18. Jahrhundert, von den ersten Kunstwerkentnahmen durch Napoleon, von ihrer Rolle als Schauplatz der Kriegsgeschichte von 1870, ihrer Verschlossenheit für die Öffentlichkeit. Er stellt das bereit, was Walter Benjamin in berühmten Formulierungen als "Sachgehalt" definierte, im Gegensatz zum "Wahrheitsgehalt", wobei er zwischen "Kommentar" und "Kritik" unterschied: "Die Kritik sucht den Wahrheitsgehalt eines Kunstwerks, der Kommentar seinen Sachgehalt. Das Verhältnis der beiden bestimmt jenes Grundgesetz des Schrifttums, demzufolge der Wahrheitsgehalt eines Werkes, je bedeutender es ist, desto unscheinbarer und inniger an seinen Sachgehalt gebunden ist."

Diese Unterscheidung bewährt sich in der bewundernswert selbstlosen Arbeit von Drees. Denn nachdem jede Anspielung entziffert ist, beginnt das Nachdenken über das Geheimnis von Langes Novellen von Neuem und erst richtig.

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