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Aufregung um Mezzosopranistin Jamie Barton:Queer ist okay

Eine Musikzeitung nannte sie einmal "den Rockstar mit dem Nasenpiercing unter den Opernsängerinnen": Die Mezzosopranistin Jamie Barton.

(Foto: OH)

Jamie Barton ist Mezzosopranistin und offen bisexuell. Für die legendäre "Last Night of the Proms" in London hat sie sich ein Kostüm ausgesucht, das schon vor ihrem Auftritt Aufsehen erregt.

Die Stars, die auf der legendären "Last Night of the Proms" gesungen haben, sind schon häufiger in extravaganten Kostümen aufgetreten. Ein peruanischer Tenor kam als Inka-Krieger auf die Bühne der Londoner Royal Albert Hall, wo traditionell die Abschlussgala der sechswöchigen Sommerkonzertreihe, der Proms, stattfindet. Eine Engländerin sang das bei den Zuschauern rasend beliebte "Rule Britannia!" als Admiral Nelson, und ein Waliser schmetterte seine Arien in einem walisischen Rugby-Trikot.

Jamie Barton ist US-Amerikanerin. Sie ist bisexuell und hatte ihr Coming-out 2014. Als die BBC bei ihr anfragte, ob sie an diesem Samstag die letzte Nacht der diesjährigen Proms bereichern wolle, da wollte sie natürlich sehr. Aber sie wollte auch eine Botschaft übermitteln. Keine, die direkt etwas mit Politik zu tun hatte; die Briten haben ja mit dem Brexit sowieso schon genug am Hals. Sondern eine gesellschaftspolitische und private zugleich: "Queer is okay." Man könne auf viele Arten lieben. Also wird sie die Farben tragen, die Bisexuelle in ihrer Flagge haben, Rosa, Lila und Blau.

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Barton ist eine engagierte Kämpferin für die Rechte der LGBT-Community, und sie ist Anfeindungen gewöhnt. Deshalb hat sie schon mal vorab klargemacht, dass sie eben nicht anders könne, als neben der Musik auch ihre Persönlichkeit mit auf die Bühne zu bringen. Fast alle britischen Medien hatten in Vorberichten zur beliebten Prom-Nacht Porträts der international erfolgreichen und vielfach preisgekrönten Mezzosopranistin gebracht, und natürlich war ihre sexuelle Orientierung ein Thema. Barton findet das gut. Es gebe leider immer noch zu viele Kollegen und Kolleginnen, die Angst hätten, ein Coming-out könne ihre Karriere ruinieren. Sie selbst, sagte sie der Times, singe mit Vorliebe Lieder, die "von Männern geschrieben wurden, damit Männer über Frauen singen. Wer könnte das besser als ich?"

Klassische Musik wurde in ihrem Elternhaus, einer linken Arbeiterfamilie im konservativen Georgia, kaum gehört, Barton bezeichnet das Musikstudium daher auch als eine Art "Teenage-Rebellion". Mittlerweile ist sie 37, eine Frohnatur, sehr selbstbewusst, sehr erfolgreich. Eine Musikzeitung nennt sie "den Rockstar mit dem Nasenpiercing unter den Opernsängerinnen". Sie singt Werke von Mozart bis Wagner hoch und runter auf den Bühnen der Welt. Und hat doch ein Problem: ihre Figur.

Das ist das zweite Thema, mit dem die Feministin und Aktivistin Jamie Barton höchst offensiv umgeht. Immer wieder werde ihr gesagt, sie müsse abnehmen, berichtet sie, sonst werde sie nicht mehr engagiert - und schon gar nicht in der Rolle der romantischen Heldin. Sie führt das unter anderem auf den Siegeszug der Fernseh- und Filmübertragungen von Opern zurück, für welche die Darsteller einem Schönheitsideal, ja einem Körperfetischismus unterworfen würden. "Bodyshaming", die Scham über den eigenen Körper, sei die Folge. "Dabei wollen Musikfans doch keine Models auf der Bühne sehen, sondern einen Spiegel ihrer selbst."

In London wird Jamie Barton, von der BBC ins ganze Königreich übertragen, Bizet, Verdi und Saint-Saëns singen. Und dann die Schunkelarien, bei denen die Menschen im Publikum sich in den Armen liegen und mitbrüllen. Schön wird es werden, laut wird es werden, britische Flaggen werden geschwenkt werden und vielleicht ein paar Regenbogenfahnen. Jamie Barton hat sich auf Twitter und Facebook, wo sie mit ihren Kampagnen sehr präsent ist, in Stellung gebracht: "Danke, dass ich Bewusstsein schaffen kann für die Dinge, die mir wichtig sind. Ich bin für die Sichtbarkeit von Bisexuellen, für ein Ende des Diätwahns, die Ausweitung der #Metoo-Kampagne auf den Opernbetrieb und dagegen, Frauen auf ihr Aussehen zu reduzieren. Das zerstört die Superpower in unserem Kämpferkollektiv!"

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