James-Simon-Galerie Hinter tausend Stäben

Firmen, die für Betriebsfeiern nach Räumen mit repräsentativer Aussicht suchen, notieren bitte schon mal die Adresse: Die James-Simon-Galerie auf der Berliner Museumsinsel.

(Foto: Simon Menges)
  • Das Gebäude der James-Simon-Galerie auf der Berliner Museumsinsel ist fertiggestellt.
  • Die Galerie soll ab dem Sommer nächsten Jahres der zentrale Eingang zu den verschiedenen Museen auf der Insel sein.
  • Der Bau scheint an einen Tempel zu erinnern, die wahre Bezugsgröße ist aber nicht so sehr Athen, sondern Venedig.
Von Peter Richter, Berlin

Die James-Simon-Galerie, deren Gebäude heute von den Architekten des Büros David Chipperfield offiziell dem Bauherrn, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, übergeben wird, hat eine ganze Menge von Funktionen. Sie soll an den Mäzen erinnern, der die Berliner Museumsinsel einst so reicht beschenkt hatte. Sie soll zentraler Eingang sein zu den verschiedenen Häusern auf der Insel, die, abgesehen von der Alten Nationalgalerie, von hier aus unterirdisch über eine "archäologische Promenade" erschlossen werden. Anders als bei I.M. Peis Pyramide im Louvre soll dieser neue Eingang aber wiederum auch nichts Zwingendes und Zentralistisches haben; die anderen Türen bleiben geöffnet. Aber hier wird die zentrale Garderobenabgabestelle der Museumsinsel zu finden sein, ihr größter Audio-Guide-Verleih und ihr umfangreichster Museumsshop. Außerdem sollen hier Wechselausstellungen gezeigt werden und im Auditorium sollen Aufführungen stattfinden.

Viel gesessen und gegessen werden soll ebenfalls: Eine große Cafeteria mit Terrasse und Blick auf die Spree wird nach den Strapazen der kulturellen Bildung zwischen den gesammelten Altertümern dazu einladen, ganz Mensch und Bauch der Gegenwart zu sein, was wiederum das viele tote Gestein in der mittelsten Mitte Berlins auch nach Sonnenuntergang ein wenig zu beleben helfen soll: Firmen, die für Betriebsfeiern und Stehempfänge nach Räumen mit repräsentativer Aussicht suchen, notieren bitte schon mal die Adresse.

Ein derart reduzierter Klassizismus florierte auch in den dreißiger Jahren schon mal

Daneben hat die James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel aber auch noch die Funktion, ein Bau zu sein, der diese vielen Funktionen nicht zeigt, sondern geradezu verbirgt. In einem ersten Entwurf folgte der Bau noch mehr dem Prinzip des "form follows function", jetzt sei er gezielt als das Gegenteil davon konzipiert, hört man von den beteiligten Architekten, nämlich als Freiraumarchitektur und programmatische Verschwendung von Raum an die Öffentlichkeit: eine säulengekrönte Freitreppe, auf der einst gesessen werden möge wie in einem Amphitheater. Was von dort aus zu sehen ist, ist übrigens der Schlossplatz mit dem sogenannten Humboldt-Forum, also immerhin ein echtes Drama. Öffentlicher Raum werde fast nur noch vom Handel dominiert; öffentlicher Raum, der nicht kommerziell geprägt ist, müsse heute von Museen gestellt werden. Das wäre dann gewissermaßen die vornehmste Funktion von allen.

Und hinter tausend Stäben

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Der inoffizielle Auftrag der damaligen Museumsleitung lautete daher auch etwas pathetischer als die nüchternen Raumanforderungen des offiziellen; der inoffizielle Auftrag bestand, nachdem frühere Entwürfe als zu sachlich und kistenhaft empfunden wurden, darin, der Museumsinsel noch einen echten Tempel hinzuzufügen. Ein echter Tempel aber ist im Zweifel ein griechischer, und griechische Tempel zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf Sockeln stehen und dass ihr körperlicher Kern von einer diaphanen Membran aus Säulen umgeben ist. Wie aber baut man einen griechischen Tempel für das Berlin des 21. Jahrhunderts?

David Chipperfield, so wird aus seinem Büro verlautbart, kam die Eingebung für die Lösung bei einer Zugfahrt. Es wird nicht angegeben, wohin die inspirierende Fahrt ging. Aber vom Ergebnis aus zu schließen, könnte sie durch die sandigen Kiefernwälder südlich von Berlin geführt haben. Die Säulen der Jetztzeit sind also so dünn und karg, wie es nur irgend geht, in diesem Fall: 26 cm breit und neun Meter hoch. Wären sie noch schmaler, müsste man von Stäben sprechen, was dem Bau allerdings endgültig den Charakter eines Gatters gäbe. Wären sie breiter, würden sie vermutlich an die traditionalistische Architektursprache trotziger Neubau-Villen im Grunewald denken lassen. Man kann sich vorstellen, dass sie lange an den Dimensionen herumprobiert haben. Von Säulen kann man, genau genommen, aber ohnehin nicht sprechen, weil sie bei Chipperfield nicht rund sind, sondern vielmehr strenge vierkantige Pfeiler ohne Basen und Kapitelle aus einem Beton, dem man Marmor beigemischt hat. Damit ergibt sich automatisch das Problem, dass ein derart reduzierter Klassizismus auch in den Dreißigerjahren schon einmal international florierte, nicht zuletzt an den Bauten des NS-Regimes in Berlin: Auch vor dem Olympiastadion und den meisten Verwaltungsbauten aus jener Zeit in Berlin hat man immer Pfeiler, an deren scharfen Kanten man sich schneiden zu können glaubt, allerdings in viel wuchtigeren Dimensionen natürlich.

Entsprechende Diskussionen hatte Chipperfield schon bei seinem Bau für das Literaturarchiv in Marbach 2006 ausgelöst. Sie werden vermutlich auch jetzt nicht ausbleiben. Aber in seinem Büro ist man der Überzeugung, dass sich das Thema der vertikalen Reihung für die Architektur deswegen nicht erledigt haben dürfe. Sie setzen hier sozusagen auf die entnazifizierende Kraft einer Dimensionierung, die den Menschen nicht klein macht und einschüchtert, sondern erhebt, ihn geradezu antikisch gestimmt über die Freitreppe in sein kulturelles Gemeinwesen eintreten lässt und tatsächlich in ihren schlanken Größenverhältnissen eine ionische Ordnung evozieren, was schon einmal weniger martialisch ist als die dorische des Kolonnadenhofs, an den Chipperfields Kolonnade im Rücken des Neuen Museums andockt, wo der Blick, um den Dreiklang vollständig zu machen, wiederum auf die Kompositordnung an Stülers Nationalgalerie fällt. Dass in manche dieser superschlanken Stützen auch noch kupferne Regenrohre gepresst wurden, wirkt in dem Zusammenhang ebenfalls wie eine in die Pathosformel eingebaute Effektbremse; man könnte auch sagen, dass es ein bisschen kurios aussieht.

Die wahre Bezugsgröße dieses Baus heißt nicht so sehr Athen, sondern eher Venedig

Natürlich soll hier, wo die Idee eines Athen an der Spree geboren wurde, an die Propyläen gedacht werden. Dass die James- Simon-Galerie mit ihrer Kolonnade von vorn betrachtet etwas unvermittelt neben dem Neuen Museum steht, ließe sich so gesehen sogar als Referenz an die Akropolis verkaufen. Der Grund dafür liegt darin, dass sie organisch vielmehr ein Erweiterungsbau des dahinterliegenden Pergamonmuseums von Alfred Messel ist. Wenn man die Treppe emporgekommen ist, eine große, lichte Halle durchquert hat, auf eine schöne Wand aus dünn geschnittenem, transluzent schimmernden Thassosmarmor zugeschritten ist, findet der Besucher von hier aus durch einen Durchgang direkt zu den Anfängen von allem - nach Babylon.

Oder man nimmt die Treppe in den Bauch des Gebäudes. Dort finden sich 600 Quadratmeter Ausstellungsfläche, die durch Einbauten auch noch einmal geteilt werden können. Dort befindet sich das Auditorium unter einem gewaltigen Segel aus dunklem Holz und wie alles im Inneren von erlesener Qualität und handschmeichlerischer Güte. Von dort aus geht es künftig über eine unterirdische Passage in die anderen Museen. Das erste Ausstellungsstück ist dort bereits jetzt installiert. Es repräsentiert buchstäblich die Gründung des Ganzen. Es ist einer der Holzpfähle, mit denen hier im nassen Grund Berlin überhaupt bebauungsfähig gemacht wurde. Hieran wird sich dann in Zukunft immer auch erklären lassen, warum der Bau mit 134 Mio Euro doppelt so teuer wurde und soviel länger gedauert hat, als geplant: Weil die neuen Betonpfeiler, die nun als Fundament bis tief unter den Berliner Schlamm reichen, während der Bauarbeiten noch einmal ausgetauscht werden mussten. Die Betonpfeiler oben haben hier unten ein konstruktives Echo: Sie verhalten sich zueinander wie Äste zu Wurzeln.

Dass die wahre Bezugsgröße dieses Schlusssteins der Museumsinsel am Ende gar nicht so sehr Athen heißt, sondern eher Venedig: Das ist eine der schönen Pointen dieses Baus. Sie zeigt sich auch außen, am vielleicht liebenswürdigsten Detail - einer schmalen Wassertreppe am Gebäuderand zur Spree hinunter. Mit dieser Nut wird nebenbei ein wenig verschleiert, dass Chipperfields Terrasse nicht ganz ebenmäßig auf Messels tiefer gezogene Fassade des Pergamonmuseums trifft. Vor allem aber rührt der kleine Bootsanleger zu Füßen der mächtigen Mauer. All die sehnsüchtigen Iphigenien da drinnen in dieser Welt ewiger Anmut und stiller Ewigkeit haben jetzt zumindest symbolisch einen Fluchtweg.

Die Eröffnung soll dann im Sommer stattfinden.

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