Nachruf auf James Lovelock:Mutter Erdes Sohn

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James Lovelocks Thesen wurden in den Siebzigerjahren auch durch die ersten Erd-Bilder aus dem All illustriert. (Foto: mauritius images/dpa)

Der britische Wissenschaftler James Lovelock, Begründer der "Gaia-Hypothese", ist gestorben - an seinem 103. Geburtstag.

Von Andreas Bernard

James Lovelocks Interesse an den Bedingungen des Lebens auf der Erde entstand Mitte der Sechzigerjahre aus einer Ernüchterung heraus. Die Mars-Mission der Nasa, deren Mitarbeiter er war, lieferte keinerlei Erkenntnisse über die erhoffte Anwesenheit von Leben auf dem fremden Planeten, und dieser Rückschlag, so erzählt es Lovelock in seinem berühmten Buch "Das Gaia-Prinzip" von 1979, erzeugte in ihm die Ambition, zumindest die ökologischen Voraussetzungen auf dem eigenen Planeten genauer zu verstehen.

Die Hypothese, die Erde als genuines Lebewesen aufzufassen, das es über Hunderte Millionen Jahre hinweg verstanden hat, seine Biosphäre im Gleichgewicht zu halten und Leben dauerhaft zu ermöglichen, wird von Lovelock als komplexe biologisch-kybernetische Theorie beschrieben, zunehmend aber mit einem metaphysisch-schwärmerischen Überschuss aufgeladen, der sich durch den Bezug auf Gaia - in der griechischen Mythologie die Personifizierung der Erde und die Urmutter der Götter - noch verstärkt. Laut James Lovelock soll sein Nachbar, der Schriftsteller und spätere Literaturnobelpreisträger William Golding, diesen Namen Anfang der Siebzigerjahre für seine Theorie vorgeschlagen und dadurch die schlagworthafte Popularisierung vorangetrieben haben.

Die Gaia-Hypothese, die Verlebendigung des Planeten, arbeitet an jenem neuen Bewusstsein für die Erde als verletzlicher Entität, das etwa auch von den zeitgleich entstandenen ersten Fotografien des ganzen Erdballs vom Weltraum aus befördert wird. Lovelock, Jahrgang 1919, der genialische, schon früh aus den akademischen Institutionen ausgetretene freie Naturwissenschaftler, steht dabei wie Stewart Brand und sein "Whole Earth"-Katalog in Kalifornien für eine Verquickung von avanciertem biochemischen und informationstechnischen Wissen mit Hippie- und New-Age-Anleihen, die für die amerikanische Gegenkultur nach 1968 kennzeichnend gewesen ist. Zuvor hatte der in London aufgewachsene Lovelock Chemie, Medizin und Biophysik studiert.

Im Lauf der Siebzigerjahre wendet sich die Gemeinschaft der Natur- und Biowissenschaftler von den zunehmend aktivistisch geprägten Gaia-Veröffentlichungen Lovelocks ab; für die im Entstehen begriffene ökologische Bewegung aber wird seine Vorstellung von der Erde als mütterlichem Geschöpf zu einer der wichtigsten Inspirationsquellen.

Wenn die Erde leidet, leidet ein Lebewesen

Eine bedeutende akademische Renaissance hat James Lovelocks Gaia-Hypothese in den letzten zehn Jahren durch den einflussreichen Wissenschaftsphilosophen Bruno Latour erfahren. In seinen Gifford Lectures von 2013, auf Deutsch unter dem Titel "Kampf um Gaia" erschienen, verbindet Latour die ökologisch-ganzheitliche Theorie Lovelocks mit seiner eigenen Kritik an der dualistisch geprägten, von Oppositionen wie Natur und Kultur, Subjekt und Objekt, handelnder Mensch und nicht-handelndes Ding geprägten rationalistischen Moderne. Gaia, die Mutter Erde, wird in Latours zunehmend esoterischem Spätwerk zur Leitfigur einer neuen politischen Theologie, einer Gegenkraft zu den unaufhaltsamen Zerstörungen des Planeten im Zeitalter des Anthropozäns.

Dass Lovelocks fast fünfzig Jahre alte komplizierte Analysen in jüngster Vergangenheit zum Impulsgeber der Sozial- und Geisteswissenschaften geworden sind (eine Neuauflage des "Gaia-Prinzips" ist vor Kurzem erschienen), hat zweifellos damit zu tun, dass sein Konzept der Erde als so lebendigem wie labilem Organismus ein eindringliches und leicht zu begreifendes Bild für die Gefahren der menschengemachten, womöglich nicht mehr zu korrigierenden Krisen auf unserem Planeten liefert. Über einen unvorstellbaren großen Zeitraum hinweg hat es die Erde, wie Lovelock schreibt, bewerkstelligt, durch ihre Regulationsmechanismen, durch ihre Verschränkung aller Vorgänge in der Biosphäre, Leben zu ermöglichen. Der Mensch und die von ihm entwickelten Ausbeutungsverfahren der Natur haben dagegen nur ein paar Hundert Jahre gebraucht, um dieses Gleichgewicht so empfindlich zu stören, dass die klimatischen Bedingungen des Lebens auf womöglich irreversible Weise beschädigt sind.

James Lovelock, der am Dienstag in biblischem Alter im südenglischen Dorset gestorben ist, am Tag seines 103. Geburtstags, hat den zeitgenössischen Kämpfen und Analysen im Angesicht dieser Beschädigung eine wirkungsvolle Metapher hinterlassen. Wenn die Erde wirklich ein Lebewesen ist, wenn die brennenden Wälder und über die Ufer tretenden Gewässer nicht einfach als abstrakte Naturkrisen aufgefasst werden, sondern als leidvolle Äußerungen eines lebendigen Organismus, lösen diese Katastrophen wesentlich stärkere Affekte aus. Die Gaia-Hypothese Lovelocks scheint erst heute ihre ganze Macht zu entfalten.

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