Fünf Favoriten der Woche:Irritierende Synchronität

Fünf Favoriten der Woche: Daniel Craig in seinem letzten Bond-Film "Keine Zeit zu sterben".

Daniel Craig in seinem letzten Bond-Film "Keine Zeit zu sterben".

(Foto: Nicola Dove/AP)

James Bond spielt wieder, Mozart wird immer noch gespielt, Ernst Barlach kommt zurück nach Dresden und Karl Marx erobert die Welt.

Von Helmut Mauró, Cornelius Pollmer, Peter Richter, David Steinitz und Dorion Weickmann

Süßes Teilchen

Als Daniel Craig nach dem letzten James-Bond-Film "Spectre" in einem Interview gefragt wurde, ob er noch für eine weitere Fortsetzung zur Verfügung stünde, sagte er, dass er sich lieber die Pulsadern aufschlitzen würde. Das Interview ging um die Welt und ist natürlich auch Thema im Dokumentarfilm "In der Haut von James Bond". "Stellen Sie sich vor", erklärt Craig darin, "man würde Sie in der Sekunde, in der Sie einen Marathon beendet haben, fragen, ob Sie noch einen laufen wollen - was würden Sie antworten?" Die kurze, 45-minütige Doku, die auf Apple TV+ zu sehen ist, rekapituliert Craigs Geheimagentenkarriere anlässlich seines fünften und letzten Auftritts als James Bond in "Keine Zeit zu sterben". Der Film kommt, nach diversen Corona-Verschiebungen, am 30. September in die deutschen Kinos. Craig, 53, war über fünfzehn Jahre James Bond und berichtet, wie sehr die Rolle zeitweise an ihm gezehrt hat. Bei den Dreharbeiten zu "Spectre" zum Beispiel habe er sich eine schwere Beinverletzung zugezogen, schob die Operation aber auf, weil er sonst monatelang ausgefallen wäre, weshalb er den Film nur unter großen Schmerzen drehen konnte. Und nach seinem zweiten 007-Job in "Ein Quantum Trost" habe er sich mehr wie ein Stuntman als wie ein Schauspieler gefühlt, weil das ganze Rumgeturne doch sehr von allem anderen ablenke - einer der Gründe, warum er den Film auch eher misslungen finde. Bond und Craig, das wirkt für viele Zuschauer heute wie ein perfektes Match, was es anfangs aber nicht war. Die Bond-Produzenten Barbara Broccoli und Michael G. Wilson, die in der Doku ebenfalls ausführlich zu Wort kommen, wollten Craig im Jahr 2005 unbedingt als Nachfolger von Pierce Brosnan. Damit waren sie allerdings ziemlich allein, denn die Öffentlichkeit war zunächst eher entsetzt - und nicht mal Craig selbst wollte die Rolle. "Ich hatte ein paar komische Kunstfilme gedreht, und verstand überhaupt nicht, warum sie ausgerechnet mich wollten." Erst das Drehbuch zu "Casino Royale" habe ihn überzeugt anzunehmen. "Der Personal Trainer, der mir daraufhin zugeteilt wurde, erzählt bis heute gern, dass ich bei unserem ersten Treffen eine Zigarette rauchte und ein süßes Teilchen und ein Bacon-Sandwich dabei hatte..." David Steinitz

Benoit Swan Pouffer's Note To Self 1 photo by Camilla Greenwell

Demenz ist kein smartes Thema, auch nicht für den Tanz. Doch Choreograf Benoit Swan Pouffer geht in "Note to Self" klug und ergreifend damit um.

(Foto: Camilla Greenwell)

Gehetztes Tier

An der Wohnküchenwand kleben Unmengen Haftis mit Alltagshinweisen wie "Taschen sind hier drin". In der Mikrowelle dampft eine Tasse Tee, aber die Frau, die hier lebt, erinnert sich nicht mehr daran und schiebt kurzerhand eine zweite hinein. Sie wirkt wie ein gehetztes Tier, hält es nicht mal im Sessel aus - bis die Vergangenheit sie einholt: Häkelkleider aus den Siebzigern, verflossene Liebhaber, eine Reise nach Spanien. Daran erinnert sie sich. Nicht jedoch an die letzten drei Minuten. Demenz ist kein smartes Thema, auch nicht für den Tanz. Doch was der Choreograf Benoit Swan Pouffer und die Junioren der britischen Company Rambert mit "Note to Self" zustande bringen, ist klug, ergreifend und extrem gut beobachtet. Als Livestream noch mal zu sehen am 18. September über rambert.org.uk. Dorion Weickmann

Fünf Favoriten der Woche: Geschlossene Augen, jenseits ihrer Lider liegt die Welt. Diesseits: Schwere, aber nicht nur. Ernst Barlach, Schwangeres Mädchen, 1924.

Geschlossene Augen, jenseits ihrer Lider liegt die Welt. Diesseits: Schwere, aber nicht nur. Ernst Barlach, Schwangeres Mädchen, 1924.

(Foto: Hans-Peter Klut/Elke Estel/SKD)

Kurz geblinzelt

Wenn die Welt zu laut wird, zu düster oder schrill, hilft manchmal eine Flucht. Wohin lieber fliehen als zu Ernst Barlach? Das Werk Barlachs erschließt sich in stiller Andacht, in unmittelbarer Gegenwart besonders seiner Holzskulpturen. Ein leiser, ein sehr guter Ort dafür ist die Gertrudenkapelle in Güstrow. Dort stehen sie, "Der Zweifler", "Die Sinnende II", der "Wanderer im Wind". Ein wenig weiter, im Dom, hängt der Bronze-Nachguss "Der Schwebende", mit den Gesichtszügen von Käthe Kollwitz.

Die Arbeit im Dom ist stellvertretend, nein, stellverschwebend für das Werk Barlachs. Geschlossene Augen, jenseits ihrer Lider liegt die Welt. Diesseits: Schwere, aber nicht nur. Barlachs Arbeiten zeigen den Menschen. Den Menschen, der die Welt im Grunde nicht aushält, jedoch festhält im Versuch, an ihr teilzunehmen. Wie könnte man das nennen? "Erschreckend aktuell" vielleicht, bekäme man es da nicht mit der Angst zu tun, dass eine der Skulpturen vielleicht doch mal kurz blinzelt, nur um zu gucken, wer da schon wieder sprechen muss, statt einfach mal einzukehren.

Tatsächlich aktuell: die Anschaffung der Holzskulptur "Schwangeres Mädchen" (1924) durch die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Von 99 Skulpturen, die Barlach schuf, sind 85 erhalten. Mit ihnen verhält es sich im Grunde wie mit größeren Wohnungen in der Dresdner Neustadt. Sie kommen nur noch selten auf den Markt und wenn doch einmal, dann sollte man zuschlagen. Den Kunstsammlungen waren einmal drei ihrer sieben Barlach-Werke von den Nationalsozialisten genommen worden. Mit dem Neuerwerb erhöht sich der Bestand der Skulpturensammlung auf neun Werke Barlachs, zudem gibt es zahlreiche Lithographien, Holzschnitte und Zeichnungen im Kupferstich-Kabinett sowie Porzellan im Kunstgewerbemuseum. Barlach schuf im Eindruck der Verheerungen des Ersten Weltkrieges. Wohin er dabei fand, das war und ist universell. Müdigkeit, Sinnsuche, Introspektion - Barlachs "Schwangeres Mädchen" bringt all dies mit ins Dresdner Albertinum, einem der schönsten Orte, den man als Meldeadresse überhaupt haben kann. Cornelius Pollmer

Favorit: Vikingur Olafsson

Vikingur Olafsson spielt auf seinem neuen Album Klaviermusik von Wolfgang A. Mozart und dessen Zeitgenossen..

(Foto: DG)

Papiertiger

Mozarts Klaviersonaten bleiben geheimnisvoll. Es gilt der von Vikingur Olafsson zu seinem neuen Album "Mozart & Contemporaries" (DG) zitierte Satz des Pianistenkollegen Artur Schnabel: für Kinder zu leicht, für Erwachsene zu schwierig. Was für Olafsson spricht: Ihm war schon als Kind Mozarts Sonata facile zu schwer. Offenbar hat er gespürt, dass Mozart mehr ist als mal heiter, mal traurig, immer unterhaltsam. Dass gute Unterhaltung eigentlich die schlechteste Option ist. Dass man sehen muss, was unterhalb dieser Haltung schlummert, welche Geister hier ihr Unwesen treiben oder welche Ungeheuer sich als Papiertiger entpuppen. Darin liegen Mozarts tiefgründige Trauer und Freude, auch sein handfester Humor. Olafsson entdeckt hie und da ähnliche Qualitäten auch in Mozarts Vorbildern und Zeitgenossen. Helmut Mauró

Pressebilder:

Lichtspiel auf historischem Materialisten: Olaf Nicolais "MARX (24h film, color, sound)" 2021.

(Foto: Courtesy the artist and Galerie Eigen+Art)

Gesichtslandschaft

Hohe Zeit für Karl Marx: Fünf Tage vor der Wahl, bei der ja für viele wieder das Gespenst des Kommunismus umgeht, wird der Künstler Olaf Nicolai in 16 Museen verschiedenster Zeitzonen von Guanghzou über das Haus der Kunst in München bis zur Villa Aurora in Los Angeles jeweils von 12 Uhr an einen 24-Stunden-Film laufen lassen, der nur eine Einstellung hat. Was bei Warhol der Wechsel von Tag und Nacht hinterm Empire State Building war, ist ihm nun der Sonnenlauf auf der Gesichtslandschaft von Lew Kerbels Karl-Marx-Monument in Chemnitz. Den Film hat Nicolai vorigen September zur Tag- und Nachtgleiche aufgenommen. Wenn es am 21. September wieder so weit ist, ergibt das eine etwas irritierende Synchronität, denn gleichzeitig grüßt dieser Marx bei all seiner Jetzigkeit dann wie durch einen time tunnel ins Heute. Peter Richter

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