Jakob Augstein und der "Freitag" "Sonderstellung im Land"

Jakob Augstein, Sohn des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein, spricht über die Pläne mit seiner neuen Wochenzeitung Freitag. Als Chefredakteur holt er Philip Grassmann.

Interview: Christopher Keil

Am Montag wurde bekannt, dass Jakob Augstein, 40, Sohn des "Spiegel"-Gründers Rudolf Augstein, die linke Wochenzeitung "Freitag" (Auflage: circa 13.000) gekauft hat. Das Blatt entstand 1990 aus der DDR-Kulturzeitung "Sonntag" und der westdeutschen, DKP-nahen "Deutschen Volkszeitung". Die Eigentümer waren bisher Ärzte, Sozialwissenschaftler und Journalisten; außerdem gab es vier Herausgeber, darunter der Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer. Was Augstein, der das Redaktionsteam vergrößern wird und aufs Internet setzt, bezahlt hat, ist nicht bekannt.

Jakob Augstein, der neue Eigentümer der Wochenzeitung "Freitag"

(Foto: Foto: laif)

SZ: Herr Augstein, was haben Sie Ihrer neuen Redaktion über die künftige Ausrichtung des Blattes erzählt?

Jakob Augstein: Ich habe gesagt, dass unsere gemeinsame Arbeit jetzt erst anfängt. Was wir da umzusetzen wollen, wird noch Monate brauchen. Aber die publizistische Linie soll sich nicht verändern. Wir werden sie verbreitern. Das, was man bisher im Freitag lesen konnte, wird man auch künftig lesen können - und noch mehr. Und wir werden dem Internet eine viel größere Bedeutung beimessen.

SZ: Mit der bisherigen Mannschaft - den 12, 13 Redakteuren und Mitarbeitern - wird das kaum zu leisten sein.

Augstein: Wir stellen neue Leute ein, es soll ein Team von 20 festen Mitarbeitern entstehen, und wir werden viel mit syndizierten Beiträgen arbeiten.

SZ: Wer wird neuer Chefredakteur?

Augstein: Philip Grassmann, der bisher im Berliner Büro der Süddeutschen Zeitung tätig war.

SZ: Warum hat Sie besonders dieses Projekt interessiert?

Augstein: Weil der Freitag in der Tat eine Sonderstellung unter den Zeitungen in Deutschland einnimmt. Er hat eine ganz eigene, immer wieder überraschende und kluge Sicht auf die Dinge.

SZ: In der aktuellen Ausgabe wird gefragt: "Wie geht's der Mitte?" - ein Thema, das überall diskutiert wird.

Augstein: Es geht nicht um einzelne Themen. Es geht um den Ansatz, mit denen sich der Freitag den Themen nähert. Bei vielen Zeitungen sehe ich die Tendenz zur Normierung, zur Mehrheitsmeinung. Sehr viele Medien berichten über die gleichen Dinge auf ähnliche Weise. Es gibt zwar sicher immer gute Gründe, warum bestimmte Themen überall auftauchen, doch die Unterschiede zwischen den Medien verschwimmen und verschwinden zunehmend. Diesen gleichen Prozess kann man auch in der Politik beobachten. Man kann das für eine Verarmung halten.

SZ: Bisher hat der Freitag circa 13.000 Käufer. Wie wollen Sie die Zeitung wirtschaftlich nach vorne bringen? Bleibt es beim Verzicht von Werbung?

Augstein: Der Freitag wird sich natürlich auch über Anzeigen finanzieren müssen.

SZ: Bleibt der Zusatz "Ost-West-Zeitung", 20 Jahre nach der Wende?

Augstein: Die Tradition als Ost-West-Zeitung wird weiter sehr wichtig sein.

SZ: Das heißt, es werden weiter viele spezifisch linke und osteuropäische Themen behandelt?

Augstein: Ich glaube, der Freitag muss vor allem ein Forum für Themen des sozialen Wandels sein, und das ist für Ost und West gleichermaßen relevant.

SZ: Woher könnte ein vermehrtes Leserpotential kommen?

Augstein: Es wäre zu früh, jetzt unsere publizistische Strategie darzulegen.

SZ: Beim Spiegel sind Sie mit der Erbengemeinschaft Augstein Minderheits-Gesellschafter. Sie tragen einen im Journalismus bekannten Namen - wird der Freitag, den Sie nun als Verleger lenken, Ihre publizistische Stimme?

Augstein: Der Freitag hat seine eigene Stimme. Und ich mache meine Arbeit aus publizistischem Engagement und aus journalistischer Leidenschaft heraus.