Hörbuch "Jahrhundertstimmen":Das magische Gerät

In 24 Stunden durch ein halbes Jahrhundert: Eine klug ausgewählte und kommentierte Zusammenstellung von mehr als 200 Originalaufnahmen erzählt die deutsche Geschichte von 1900 bis 1945 - so opulent wie kurzweilig.

Von Joachim Käppner

Die Stimme klingt fern, überlagert von Knistern, wie aus einer anderen Welt. Und eine andere Welt war es ja auch, in der der österreich-ungarische Kaiser Franz Joseph I. in seiner Villa zu Bad Ischl Worte für die Ewigkeit sprach: "So gelang es, in den Phonographen gesprochene Worte bleibend festzuhalten, um sie selbst nach vielen Jahren späteren Geschlechtern vorzuführen." Der alte Kaiser mit dem kahlen Schädel und dem weißen Rauschebart ist längst mitsamt dem k.u.k.-Reich, Rubert Musils "Kakanien", in der Geschichte verschwunden. Als der Regent 1916 hochbetagt starb, stand die Welt, in der er gelebt hatte, bereits kurz vor dem Abgrund, und er hatte das Seine dazu getan.

Doch damals, in Bad Ischl, ahnte das niemand voraus. In merkwürdigem Spannungsverhältnis standen die reaktionären Monarchien in Wien und Berlin zu ihrem Zeitalter, das eines faszinierender Erfindungen und Durchbrüche war. Ein Gerät, das Stimmen aufzeichnet und wiedergibt - wer hätte so etwas für möglich gehalten im Jahre 1830, als Franz Joseph im Schloss Schönbrunn geboren wurde? Solche Ideen mussten den Menschen als ebensolcher Hokuspokus erscheinen wie, sagen wir, in den 1980ern die Vorstellung, jemand trage seinen gesamten Schriftverkehr, Tausende Fotos, Routenberechner und ganze Bücher, dazu den Inhalt des Musikschrankes und das größte Lexikon der Welt in einem kleinen Gerät von der Größe eines Flachmanns mit sich herum. Und was heißt hier jemand - jede und jeder.

Des Herrschers brüchige Stimme ist zu vernehmen auf der großartigen Sammlung "Jahrhundertstimmen", einem Hörbuch, auf dem zahlreiche Persönlichkeiten der Geschichte im Originalton zu vernehmen sind. Der Dramatiker Gerhart Hauptmann spricht vor Studierenden im November 1922 mit Sorge nicht nur um den Zustand der deutschen Literatur, sondern auch um den des Landes; prophetische Worte, wie man nun weiß und die uns heute sehr berühren, wenn wir sie hören statt sie nur zu lesen.

Die Stimme des Gastgebers erklang hinter einem Vorhang, obwohl er mitten im Raum saß

Eindrucksvoll der Reichswehrminister Wilhelm Groener, kein Freund der Weimarer Republik, aber auch ihrer rechtsextremen Feinde, mit einer Grundsatzrede gegen die von des Kaisers früheren Heerführern herbeigelogene "Dolchstoßlegende". Man habe, so Groener, das Volk "auf Bergeshöhen geführt, in eine Illusionswelt, in der es in Hoffnung zu Hoffnung auf einen Sieg gehalten wurde" - einen Sieg, der längst unmöglich war.

"Jahrhundertstimmen 1900-1945 - Deutsche Geschichte in über 200 Originalaufnahmen" ist ein ganz wunderbares Projekt, eine Quellensammlung, die Hörerinnen und Hörer wie von Zauberhand mitnimmt in eine vergangene Epoche, jene von 1900 bis 1945. Plötzlich wird sie, obwohl nicht zu sehen, bunt und vielfältig. Auch die Präsentation ist außerordentlich gelungen: In Gesprächen mit dem Historiker Ulrich Herbert, dem Verleger und Autor Michael Krüger und der Wissenschaftshistorikerin Annette Vogt führt Hans Sarkowicz ins Thema ein, sodass auch Laien die Tondokumente in ihrem zeitgeschichtlichen Kontext verstehen.

Herbert, einer der führenden deutschen Zeithistoriker, ordnet deutsche Geschichte mit wenigen Sätzen überzeugend in einen europäischen Kontext ein. Und Annette Vogt erinnert anhand einiger Stimmen daran, wie leicht zerbrechen kann, was wir für selbstverständlich halten. Was heute die vielfach vernetzte und internationale "scientific community" ist, gab es vor 1914 als "république des lettres", eine vor allem europäische Familie der Gelehrten und der Wissenschaften. Als aber 1914 der Erste Weltkrieg begann, da zerbrach diese Familie sofort. Der Firniss der Zivilisation war zu dünn gewesen.

Das Lieblings-Hörstück des Rezensenten ist eine ganz frühe Aufnahme aus der Silvesternacht 1899. Man gab ein Fest bei dem steinreichen Unternehmer Adolph Rechenberg in der Niederlausitz, es wurde um Ruhe gebeten, und die Stimme des Gastgebers erklang hinter einem Vorhang und dozierte über die Jahrhundertwende. Die Gäste waren verstört: Herr Rechenberg saß doch mitten unter ihnen! Seine Stimme erklang von einem der brandneuen Edison-Phonographen, den er seiner Frau geschenkt hatte. Dabei hatte er es gleich zu Beginn der Aufzeichnung verraten: "Hört, hört, hört! Die Stimme aus diesem seelenlosen Apparat!"

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