Jahrhundertgenie Vladimir Horowitz:Perlendes Fingerspiel als Markenzeichen

Binnen zwei Stunden war die Carnegie Hall ausverkauft, für den Konzertbericht räumte die New York Times die obere Hälfte ihrer Titelseite frei. In diesem Konzert feiert Horowitz seine Hausgötter: Bach, Schumann, Skrjabin, Chopin. Auf sie kommt er immer wieder zurück, auch wenn sein Repertoire im Vergleich zu den meisten Pianistenambitionen heute - mit Ausnahme von Daniil Trifonov - riesig erscheint.

Trifonov ist auch der einzige der nachwachsenden Generation, dessen Namen man seriöserweise in einem Atemzug mit Horowitz nennen kann. Er spielt Franz Liszts h-Moll-Sonate noch nervös-feingliedriger als Horowitz: als rasenden, fatalistisch klaren Fiebertraum.

Franz Liszt, Alexander Skrjabin, Frédéric Chopin - bei den Werken dieser Komponisten verfeinert nicht nur Trifonov, sondern schon Horowitz seine Klavierkunst.

Am Anfang seiner Karriere hatte er gerne auf virtuose Schlachtrösser gesetzt, allen voran Tschaikowskys b-Moll-Konzert, später zog er mit Skrjabin, Debussy, Kabalevsky und Prokofiev in Bann. Letzteren mit einer Unbedingtheit und Gelöstheit, wie man sie erst wieder beim jungen Ivo Pogorelich wiederfindet. Horowitz erschloss sich ein Repertoire, das seiner Neigung zum jeu perlé entsprach, jenem perlenden Fingerspiel, das immer mehr zu seinem Markenzeichen wurde.

Dabei entdeckte er zwei Komponisten für den Konzertsaal, die man bis dahin dort nicht spielte: Muzio Clementi, den er unmittelbar vor Beethoven als eigentlichen Begründer der klassischen Klaviertechnik ausmachte, und Domenico Scarlatti, den er mit luzidem Witz und einer tiefernsten Spielfreude vorführte, wie dies später vielleicht nur noch Christian Zacharias und Mikhail Pletnev annähernd schafften.

Leicht ironischer Anstrich

Jüngere, wie Alexandre Tharaud oder Andreas Staier auf dem Cembalo wirken dagegen musikalisch nahezu unbeholfen. Die Leichtigkeit, die bei Scarlatti den Kompositionen selber innewohnt, übertrug Horowitz auch auf scheinbar Schwergewichtiges wie Liszts "Ungarische Rhapsodien" oder sogar Prokofievs siebte Klaviersonate, die dadurch einen leichten ironischen Anstrich erhält - auch dies schält sich allmählich als Merkmal Horowitzscher Spielkunst heraus.

Man muss sich nur einmal das Andante spianato der "Grand polonaise" op.22 vergegenwärtigen. Lang Lang nimmt diese charmante Einleitung so schwergewichtig, als ginge es um die intellektuelle Aufarbeitung einer Beethoven-Sonate. Um ganz sicher zu gehen, belastet er jeden Ton mit weit ausholender Bedeutung - eine staunenswert kultivierte Form von Oberflächlichkeit.

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