25 Jahre Deutscher Herbst Die Söhne Stammheims

Warum die RAF der Kunst so viel zu sagen hat

Von HOLGER LIEBS

Es geschah im Jahr der Anschläge auf das World Trade Center: Geschichte und Ästhetik der RAF wurden zum Radical-Chic-Lifestyle umcodiert. Die Agentur "Maegde und Knechte" brachte Feinripp-Unterwäsche auf den Markt, die mit Slogans wie "Prada Meinhof", "German Angst" oder "Mein Kampf" bedruckt waren; die inzwischen eingestellte Mädchenzeitschrift Tussi de Luxe veröffentlichte eine Modestrecke mit nachgestellten Fotos der toten Stammheim-Insassen; das Magazin Max, die die im Spätsiebziger-Look inszenierten Retro-Fotos übernahm, erklärte: "Die Zeit ist reif für RAF-Popstars", weil Andreas Baaders Woolworth-Pantoffeln "Kult" seien.

(Foto: SZ v. 17.10.2002)

Das autobiografische Fotobuch "Hans und Grete" der Ex-Terroristin Astrid Proll, das Baader und Ensslin Gitanes rauchend in einem französischen Café zeigt, entwickelte sich zum Coffeetable-Pflichtinventar, und auch Websites wie "www.raf/fashion" feierten den "TerrorChique" und stellten die Rote Armee Fraktion gar in eine historische Linie mit Andy Warhols Pop- Produktionsstätte "Factory" oder Punkbands wie den Stooges oder den New York Dolls.

Ein französisches Café, eine Packung Gitanes, daneben ein Ricard- Aschenbecher, vor der Tür parkt ein weißer Mercedes, alles ist so leicht, und gleich geht irgendwo ein Kaufhaus oder eine Botschaft in die Luft: Die Bilderwelt der RAF schien sich zum wunderbar gefährlichen Mode-Tool entwickelt zu haben, eingegliedert ins Reich universal erkennbarer Zeichen wie dem bärtigen Kopf Che Guevaras, der auf Punk-Lederjacken ubiquitären NS-Swastika oder Warhols "Marilyn"-Siebdrucken.

Die ästhetische Auseinandersetzung mit der RAF feiert fröhliche Wiederkehr, während die politische ruht. Dazu passt das nie aus der Welt geräumte Gerücht, es sei ein deutscher Künstler gewesen, der seinerzeit das RAF-Logo mit Stern und Kalaschnikow entworfen habe. Die ersten Produzenten der RAF-Ikonografie waren die Terroristen selbst; wie Untote tauchen die von ihnen in Umlauf gebrachten Bilder und Zeichen wieder auf, während die RAF-Ideologie so tot scheint wie nie - und neue Sicherheitsgesetze kaum mehr auf die Straße locken.

Dem Wiederaufleben der ihrer historischen Kontexte entledigten Terrormode kam allerdings, wenn auch kurzfristig, der 11. September in die Quere. Mit ihm schienen sich auch die so sentimentalen wie spaßgesellschaftlich aufgeladenen Konzepte der Ästhetisierung des dunkelsten Kapitels bundesrepublikanischer Geschichte erst einmal erschöpft zu haben. Der Terror konnte auch in einer Harburger Studentenbude gleich nebenan wohnen, und plötzlich war es gar nicht mehr so lustig, wenn beim Entkleiden das RAF-Logo mit Kalaschnikow und Stern zum Vorschein kam.

Doch ein Jahr später ist alles wie zuvor. Im deutschen Film steht die RAF ohnehin seit geraumer Zeit auf der Themen-Hitparade ziemlich weit oben: "Black Box BRD", "Die innere Sicherheit", "Starbuck Holger Meins" - und nun, pünktlich zum 25. Todestag von Baader, Ensslin, Raspe und dem einen Tag später erfolgten Mord an Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer, kommt der "Baader"-Film von Christopher Roth in die Kinos (siehe Besprechung auf der folgenden Seite). Während immer noch keine vernünftige Baader-Biografie erschienen ist, wird hier mit Retro-Verve ein Bild des Terroristen weitertransportiert, das von Naivität und Revolutionskitsch geprägt ist. Und Astrid Proll erzählt derzeit in London vom wilden "Damals", um der wachsenden Nachfrage eines auf RAF-Geschichten hungrigen Marktes gerecht zu werden. "Wir sind alle den Moden unterworfen", so Proll im Guardian.

Die Popkultur hat offenbar gesiegt: Die Gesten und Effekte haben die politische Analyse verdrängt. In der aktuellen Wahrnehmung durch die Lifestyle- Organe bleibt die historische Dimension des Terrors ausgeklammert, so dass heute Baader als Dandy durchgeht - ohne alle Spuren des Blutes und des terroristischen Schreckens, den er und die RAF seinerzeit verbreiteten, und erst recht ohne Spuren der Paranoia, die ihren Terror umgab. "Die Spirale der gegenseitigen Feindfixierung beschleunigte den Terror", schreibt Friedrich Christian Delius: Die Paranoia war nicht exklusiv den Terroristen vorbehalten, auch ihre Bekämpfer beschlich sie.

Keine der beiden Facetten dieser Krankengeschichte wird von den medialen Oberflächen der Gegenwart reflektiert. Aber womöglich lebt im Zitat in einem gewissen Sinn sogar eine tiefergehende Bewältigung des Deutschen Herbstes weiter. Die Künstlerin Susi Pop stellt derzeit in Bremen in schreiendem Pink gehaltene Siebdrucke von Gerhard Richters Bilderzyklus "18. Oktober 1977" aus. Der auf diese Weise zur schrillen Wiedervorlage gelangte, großformatige Zyklus Richters basierte auf Zeitungs- und Polizeifotos der lebenden und der toten Terroristen sowie von deren Beerdigung. Richter übernahm das triste Schwarzweiß der Vorlagen, nahm den Bildern aber die nachrichtliche Schärfe, indem er sie malerisch bis an den Rand der Unkenntlichkeit verwischte. Die gemalten Bilder des "18. Oktober 1977" wurden vorschnell als monumentale Historienmalerei kritisiert, als Kunst um ihrer selbst willen, die sich nicht um politische Inhalte schere. Aus der Distanz wird aber deutlich, dass gerade die Ambivalenz der Bilder ihre Stärke ist: Sie halten der Republik den düsteren Spiegel ihrer Vergangenheit vor.

In New York ausgestellt - der Künstler verkaufte den Zyklus 1995 komplett ans MoMA -, erregten Richters Bilder sogleich Aufmerksamkeit, etwa bei dem Schriftsteller Don DeLillo, der daraufhin die Erzählung "Baader- Meinhof" verfasste, in der sehr schön (zumal in der Perspektive eines vom deutschen Herbst unbelasteten Amerikaners) gezeigt wird, dass wir die Bilder des Oktobers 1977 noch lange nicht verarbeitet haben.

Hier, im close reading solcher und anderer Werke der bildenden Kunst (man könnte auch die von Hans-Peter Feldmann, Marcel Odenbach, Johannes Wohnseifer oder Thomas Ruff anführen), und nicht etwa im Surfen auf dem Silbermeer der Prada-MeinhofÄsthetik, könnte auch ein Weg liegen, einer zukünftigen Archäologie radikaler Veränderungen, gescheiterter Utopien und versteinerter Aufbruchsbewegungen analytisch vorzugreifen: Dann käme womöglich heraus, dass sich am Ende des heißen Herbstes, politisch gesehen, vielleicht doch nicht alle Fronten geklärt hatten.