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Jack White und die Black Keys:Weiße Streifen, schwarze Schafe

Black Keys

Die Black Keys bei einem Auftritt in Nashville am 27. Mai.

(Foto: AP)

Der Bluesrock wird so leidenschaftlich geliebt wie abgrundtief gehasst. Wie konnte es dazu kommen? Überlegungen zu den neuen Platten von Jack White und den Black Keys - und deren seltsamer Fehde.

Von Jens-Christian Rabe

Dies ist die Geschichte einer seltsamen Fehde, es ist eine Geschichte von Gut und Böse und von Richtig und Falsch, von Liebe und Enttäuschung, von ätzender Kritik und schmerzvoller Einsicht, von Pathos und Popismus. Um großartige Musik geht es natürlich auch, teilweise. Mit anderen Worten: Wir müssen über Bluesrock reden, das vielleicht am gedankenlosesten geliebte und am leidenschaftlichsten gehasste Genre, das die Popmusik hervorgebracht hat. An dem man aber womöglich genau deshalb sehr gut sehen kann, wie Popmusik funktioniert. Oder eben auch mal nicht.

Der eine Anlass dafür steht derzeit in den amerikanischen Billboard-Alben-Charts auf dem fünften Platz: das neue Album der Black Keys. In der vergangenen Woche schaffte es das Duo mit "Turn Blue" (Nonesuch/Warner) sogar auf den ersten Platz und verhinderte so, dass "Xscape", das zweite Album aus dem Nachlass Michael Jacksons, auf dem Spitzenplatz landete. Es nicht nur bis ganz nach oben zu schaffen, sondern auch noch solche Konkurrenz auf die Plätze zu verweisen - das ist die harte Währung im Popgeschäft. Auch in Deutschland steht die Platte auf dem sechsten Platz der Alben-Charts.

Der andere Anlass ist das in wenigen Tagen erscheinende zweite Soloalbum "Lazaretto" von Jack White. White war einst der Kopf der gefeierten White Stripes. Sein erstes Soloalbum "Blunderbuss" stand 2012 auf dem ersten Platz der amerikanischen Billboard-Alben-Charts. Eine Art alternativer Nachwuchs-Nationalheiliger Amerikas ist der 38-jährige spätestens seit seinem 2003 veröffentlichten White-Stripes-Hit "Seven Nation Army", dem wohl einzigen Song der Welt, der in Fußball-Stadien genauso geliebt wird wie in Hipster-Clubs. Ein Riff-Monster für die Ewigkeit.

Die Fehde zwischen White und den Black Keys wiederum begann, als zuletzt Mails bekannt wurden, in denen White seiner Ex-Frau Karen Elson erklärt, warum ihre gemeinsamen Kinder in Nashville nicht auf dieselbe Schule gehen sollen wie die Tochter des "Arschlochs, das mich kopiert", Dan Auerbach, des Gitarristen und Sängers der Black Keys.

Eine Operation am offenen Herzen

Wirklich eskaliert ist der Streit bislang nicht. Aber dass sich einer der brillantesten Kopisten des zeitgenössischen Rock darüber aufregte, kopiert zu werden - das war doch erstaunlich. Tatsächlich sind die Black Keys ein Bluesrock-Duo mit einem Schlagzeuger und einem Gitarristen, so wie die White Stripes, die schon ein paar Jahre weltberühmt waren, als 2002 das erste Album der Black Keys erschien. Aber als die White Stripes auftauchten, gab es schon fast zehn Jahre die Jon Spencer Blues Explosion. Besonders bizarr erschien die Angelegenheit von außen betrachtet aber, weil sowohl Jack White als auch die Black Keys eigentlich auf der richtigen Seite des Bluesrock stehen.

Um das zu verstehen, muss man sich kurz klar machen, um was für eine Musik es sich dabei handelt: Der Bluesrock ist eine Musik, die jeder sofort versteht, und die dennoch um ein Geheimnis herum gebaut ist, von dem nur die wenigsten überhaupt begriffen haben (oder begreifen wollten), dass es tatsächlich existiert. Und auch die, die es kennen, kennen es oft nur für eine kleine Weile. Der Bluesrock ist ein lupenreines Retro-Phänomen, bei dem man alles richtig machen und es dann aber doch ganz falsch sein kann. Und umgekehrt.

Man kann also vermeintlich ungelenk und eindimensional trommeln, eher schreien als singen und auf der zu einer Art Dauerkratzen verzerrten Gitarre von Ton zu Ton stolpern, solche Sachen - und es ist dann aber doch genau richtig, groß, sexy, wahr, poetisch, heftig. Eine Operation am offenen Herzen, während einem Bass und Schlagzeug mit dem Beat den Bauch eindrücken wollen. Man höre auf Whites neuem Album nur mal den "High Ball Stepper" oder "That Black Bat Licorice" - gut möglich, dass fabelhaftere Rockmusik in diesem Jahr nur noch von White selbst veröffentlicht wird.

Oder eben von den Black Keys. Wobei deren neues Album "Turn Blue" ungleich popaffiner ist. Wo sich White beim Punk bedient, um die schroffe, repetitive Blues-Idee von Männern wie Son House, Elmore James, R. L. Burnside oder später Junior Kimbrough in die Gegenwart zu überführen, da haben sich die Black Keys zusammen mit ihrem Produzenten Danger Mouse diesmal für den Pop entschieden. Es geht also etwas weniger rumpelig zu, dafür melodiöser, zärtlicher, süßlicher. Die Songs sind wichtiger als der Sound.

Es gab dafür den großen kommerziellen Erfolg - und einige heftige Prügel von der Kritik. Denn wenn die Rumpelei nicht mehr so ernst genommen wird, wie es nötig ist, um das Geheimnis zu bewahren, klingt es schnell auch einfach nur noch rustikal. Und jedes Solo ist dann nicht mehr der irre Ausbruch einer wüsten Emotion, sondern biederes Kunsthandwerk.

Es ist hier ein verdammt schmaler Grat, auf dem man geradewegs - und das ist die andere, alte, in Virtuosität erstarrte Seite des Bluesrock - zu Eric Clapton gelangt. Es gibt gute Gründe, Clapton zu verehren, aber dass er sich Mitte der Sechzigerjahre mit einigen anderen britischen Musikern den amerikanischen Blues schnappte und den klassischen Bluesrock erfand, gehört nicht dazu. Und das hat einen einfachen Grund: Schon im Moment, in dem er das Genre miterschuf (und so einigen Pionieren des Blues völlig zu Recht längst verdienten Ruhm verschaffte), schon in dem Moment degradierte er es auch gleich wieder zur Abschussrampe für die immer gleichen endlosen und selbstverliebten Gitarrensoli. Eine nervtötende Fünfton-Musik war damit in der Welt, für die von der avancierteren deutschen Popkritik der schrecklich schöne Name "Gniedelei" erfunden wurde.

© SZ vom 31.05.2014/ihe
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