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Nachruf auf den Literaturtheoretiker und Kritiker J. Hillis Miller:Boa Dekonstruktor

J. Hillis Miller, geboren 1928 in Virginia, wurde als Teil der sogenannten "Yale School" um Paul de Man und Jacques Derrida bekannt, der Keimzelle der dekonstruktivistischen Literaturtheorie.

(Foto: Screenshot:Youtube)

Lange selbst im Clinch mit überbrachten Wahrheiten, später in Sorge um eine Jugend, die Fakt und Fiktion nicht mehr unterscheiden kann: zum Tod des amerikanischen Literaturtheoretikers und Kritikers J. Hillis Miller.

Von Willi Winkler

Als wollte er den akademischen Gassenhauer vom Tod des Autors bestätigen, starb in dieser Woche Thomas Pynchon; selbst die Nobelpreisträgerin Louise Glück trauerte auf Twitter mit - und erklärte wenige Stunden später beschämt, sie sei betrogen worden. Es war ein Gerücht gewesen, reine Literatur.

J. Hillis Miller hat diese literaturkritische Pointe nicht mehr erlebt. Mit Paul de Man, Geoffrey Hartman und Jacques Derrida gehörte er zu den "Boa Deconstructors" an der Yale University, der Hohen Schule der Dekonstruktion, in den Siebzigern das Unverständlichste und zugleich Windschnittigste, was an Literaturtheorie zu haben war. Ein unverstandener Heidegger wurde auf die bewährte textimmanente Interpretation aufgepfropft und mit vielen Hauptwörtern beschwert, was für die gehörige internationale Ausstrahlung sorgte. Die Theorie musste für bescheidene Textbasis aufkommen; Miller gab freimütig zu, nie (den tatsächlich langatmigen) Samuel Richardson gelesen zu haben, und auch bei Proust waren es ihm einfach zu viele Seiten. "Gravity's Rainbow", Pynchons Jahrhundertroman, hat er übrigens auch nie geschafft.

An ironischer Distanz ließ er es dennoch nicht fehlen, wenn er sich zum "Vatermörder" ernannte. Der Dekonstruktivist, erklärte er, "ist ein ungeratener Sohn, der die Maschine der abendländischen Metaphysik irreparabel zerstört". Vom Vatermord ausgenommen blieb der berühmteste Dekonstruktivist, Paul de Man. Die berühmte "Wahrheit", nach der die Yale-Schule suchte, war dann doch ein bisschen lädiert, als nach de Mans Tod dessen Artikel zum Vorschein kamen, die er als williger Nazi-Kollaborateur in Belgien geschrieben hatte.

Miller war einer der besten Kenner der viktorianischen Literatur, zu der für ihn auch Henry James zählte. Computerspiele las Miller ebenfalls als Literatur, doch sei aus ihnen anders als beim viktorianischen Roman nichts mehr fürs Leben zu lernen. Zuletzt trieb ihn die Sorge um, dass heutige Mediennutzer im Unterschied zu den Lesern von George Eliot und Jane Austen die Fiktion nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden könnten, also den Lügen von Fox News und der Propaganda der Werbung glauben würden. Die vom sogenannten Homo sapiens geschaffene Erderwärmung sei doch nicht mehr zu leugnen, und "Literatur gibt es dann nicht mehr". Wie erst jetzt bekannt wurde, ist J. Hillis Miller bereits am 7. Februar in Sedgwick im amerikanischen Bundesstaat Maine gestorben. Er wurde 92 Jahre alt.

© SZ/crab
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