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Nachruf auf berühmten Musiker:Gebt jedem Ton die Zeit, die er zum Leben braucht

(Foto: Bertrand Langlois/AFP)

Er war ein Idol für viele Musiker: Ivry Gitlis, das Originalgenie unter den großen Geigern, ist hochbetagt in Paris gestorben.

Von Harald Eggebrecht

Ein unvergesslicher kostbarer Moment: der kleine Saal der Laeiszhalle in Hamburg, ein Festival zu Ehren der großen Pianistin Martha Argerich 2018. Sie tritt auf mit einem Freund, dem uralten Ivry Gitlis. Der 95-jährige spricht klangvoll und witzig über Fritz Kreisler und spielt dann dessen "Liebesleid" und "Schön Rosmarin", zart und zerbrechlich, seine Geige mit der Schnecke auf einem schlanken Ständer abstützend. Es klang wundersam, ferngerückt, aber unverkennbar typisch, dabei von jenem unbesiegbaren Charme erfüllt, den nur Ivry Gitlis besaß.

Dieser Geiger war ein Solitär: der sofort elektrisierende Ton etwa zu Beginn von Peter Tschaikowskys Violinkonzert, der Klangfarbenreichtum etwa bei Ernest Chaussons "Poeme", die Phrasierungsfantasie etwa in Alban Bergs Violinkonzert, die Sinnlichkeit seines Spiels, mit der er Musik von Paul Hindemith und Igor Strawinsky mit Leben erfüllte, die sprechende Virtuosität für Niccolò Paganinis Capricen oder Camille Saint-Saens' "Rondo Capriccioso", die Freiheit des Artikulierens in Cesar Francks Violinsonate - für all das gibt es keinen Vergleich.

Auf den Straßen von Paris spielte er im Revolten-Mai 1968 mit Martha Argerich

Bei ihm hörte man sofort, dass kein Schönspieler am Werk war, sondern einer, der Musik existenziell verstand: "Wissen Sie, nicht Sie machen Musik, sondern die Musik macht etwas mit Ihnen. Es ist genau wie bei der Liebe. ,Liebe machen' - was für ein dummer Ausdruck! Die Liebe macht etwas mit Ihnen, damit es zu einer Begegnung, Vereinigung, was weiß ich, kommt. Aber Musik oder Liebe machen - keineswegs!" Das heißt, jedes Stück hat seinen Charakter, den man erkennen, dann kreieren, erschaffen muss.

In mehreren Filmporträts, die in den späteren Jahren von Gitlis entstanden, zeigte sich ein Musiker, in dem sich Clowneskes und Philosophisches, Schauspieltalent und musikalische Strenge, Neugier, Humor, Witz und Ironie zu einem einzigartigen Charisma zusammenfanden. Seine Kunst wurde bis ins höchste Alter bewundert, gerade von den Jungen, ob in Japan, beim Lockenhaus Festival oder beim Meisterkurs in der Kronberg Academy. Man denke an seine Auftritte auf den Straßen von Paris mit Martha Argerich im Revolten-Mai 1968, wo sie bis tief in die Nächte spielten. Für diesen Klangfarbenpoeten und -hasardeur schrieben René Leibowitz, Bruno Maderna und Yannis Xenakis.

Er trat mit den Rolling Stones auf, hatte in den Siebzigerjahren in Vence ein Festival organisiert, zu dem alle kamen aus Klassik, Jazz, Pop, Theater und Tanz: der Trompeter Dizzie Gillespie, der Geiger Stéphane Grappelli und Martha Argerich, der Chansonnier Léo Ferré, der Pantomime Marcel Marceau und viele mehr. So wurde Vence ein Anziehungspunkt für ein junges, höchst gemischtes Publikum. Und Gitlis' markantes, von Listigkeit und überraschender Mimik geprägtes Gesicht, seine ausdrucksstarke Stimme und die attraktive Erscheinung setzten François Truffaut und andere auch im Film ein.

Ivry Gitlis wurde am 25. August 1922 in Haifa im damals britischen Protektorat Palästina geboren. Er war immer ein stolzer Israeli, auch wenn er in den letzten Jahrzehnten vor allem in Paris lebte. Als Fünfjähriger begann er mit dem Violinspiel und stand mit neun erstmals auf dem Podium. Er spielte dem legendären Geiger Bronislaw Huberman vor, der das Palestine Philharmonic Orchestra gründete, das heutige Israel Philharmonic. Huberman ermöglichte einen Studienaufenthalt in Paris, wo er unter anderem bei Jacques Thibaud und George Enescu studierte.

In England arbeitete er in einer Rüstungsfabrik

Den größten Eindruck hinterließen Kurse in Belgien bei Carl Flesch, dessen systematische Ergründung des Geigenspiels Gitlis als Revolution empfand. Flesch wollte ihn nach England mitnehmen, doch das Geld fehlte. "Nach Deutschland konnte ich nicht mehr und auch nicht nach Russland", erzählte Gitlis später. Also blieb er in Paris. Beim Einmarsch der Deutschen floh er, drei Schiffe legten ab, zwei schossen die Deutschen in den Grund, nur das eine mit Gitlis und seiner Mutter an Bord gelangte nach England. Dort arbeitete er erst in einer Rüstungsfabrik, bevor er für die Truppenbetreuung musizieren konnte.

1951 nahm er in Paris am Long-Thibaud-Wettbewerb teil, er wurde nur Fünfter, damals ein Skandal. Da begriff die Jury wohl nicht, dass ein Originalgenie vor ihr stand. Doch sein folgendes Pariser Debüt hatte Erfolg, seitdem bereiste er die Welt als Solist, Kammermusiker und in den späteren Jahren auch als unkonventioneller Lehrer in Meisterkursen. Stete Neugier erfüllte und motivierte ihn, aus der Violine bisher Unerhörtes herauszuholen: Ausbrüche von fiebrigem Vibrato, flammende Portamenti, Ätherisches wie Eisiges, Scharfes, Klangüppigkeit wie Tonschmalheit, gleißende Süße und die Tollkühnheit, sich in Abgründe zu stürzen, die er selbst durch sein extremes Spiel aufgerissen hatte.

Puristen mochten Übertreibung, Solistenwillkür, hemmungsloses Romantisieren, Egozentrik und ähnliches mehr monieren. Gewiss, Gitlis konnte übertreiben, aber es diente immer der musikalischen Verdeutlichung: die jeweilige Musik, ob Bach oder Bartók, Alban Berg oder Fritz Kreisler, sollte sprechen, deklamieren, predigen, flüstern oder triumphieren. Das kann man nicht einstudieren, alles Probierte muss vergessen sein, wenn das Hier und Jetzt der Aufführung gekommen ist. Besonders zu Béla Bartók hatte Gitlis einen unmittelbaren Zugang, vielleicht weil er Lebensgefahr, Todesangst, Exil wie dieser Komponist am eigenen Leib erfahren hatte.

Sein Appell an den Nachwuchs: "Habt den Mut, ihr selbst zu sein!"

Doch nie war er rückwärts gewandt, sondern immer gespannt auf neue Eindrücke durch junge Musiker, die er energisch ermahnt hat: "Liebe junge Kollegen der jetzigen und kommenden Generation, bitte, habt den Mut, ihr selbst zu sein, um etwas zu riskieren und nicht Kopien zu sein eurer Aufnahmen oder von anderen! Übt in dem Willen, euch selbst von jeder psychischen und technischen Behinderung zu befreien, damit ihr fähig werdet, zu kreieren, zu schöpfen, wenn ihr spielt. Denkt daran, dass eine wundervolle ,falsche' Note von einem Kreisler, einem Thibaud, einem Casals, einer Callas mehr wert ist, als tausende sogenannter ,richtiger' Noten, und denkt daran, dass jenes Spiel, das hygienisch und klinisch korrekt ist, nicht notwendig ein Zeichen guter Gesundheit ist! Habt Mut!"

Dieser Appell ist ein Vermächtnis in doppeltem Sinn: einmal als Aufforderung an die kommenden Musiker. Zugleich formulieren diese Sätze jenes Grundgesetz, nach dessen Bedingungen Ivry Gitlis selbst angetreten ist. Die Musikwelt verliert mit ihm, der am Morgen des 24. Dezember 2020 im biblischen Alter von 98 Jahren in Paris gestorben ist, einen Musiker, der stets ins Offene dachte und mit grenzenloser Klangphantasie begabt war: Ivry Gitlis war singulär.

© SZ/rn
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