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Ivo Andrićs "Insomnia":Knarrendes Parkett

Ak Berlin Mitte, Friedrichstraße bei Nacht, Nachtbeleuchtung, U Bahn Eingang

Berlin bei Nacht: Seit 1939 war Ivo Andrić Gesandter an der Botschaft des Königreichs Jugoslawien in der deutschen Hauptstadt.

(Foto: Arkivi/Getty Images)

Die Nächte sind lang und zermürbend, die Prosa aber bleibt beherrscht: Der jugoslawischen Nobelpreisträger Ivo Andrić hat ein Tagebuch seiner Schlaflosigkeit geführt.

Von Lothar Müller

Als der jugoslawische Schriftsteller Ivo Andrić im März 1975 in Belgrad starb, hinterließ er ein Buchprojekt, das schon sehr weit gediehen war, in dem aber noch einige Unschlüssigkeit steckte. Mit seinen Romanen "Die Brücke über die Drina" und "Wesire und Konsuln" und seinen Erzählungen war er nach dem Zweiten Weltkrieg berühmt geworden, für sie hatte er 1961 den Literaturnobelpreis erhalten.

Aber er hatte zugleich über Jahrzehnte hinweg, von 1915 bis 1974, Reflexionen, Beobachtungen, Erinnerungsfragmente, Traumreste in immer neue Notizbücher eingetragen. Aus der Fülle dieser Notizen traf er, inzwischen 82 Jahre alt, eine Auswahl für sein letztes Buch, aber die Nachlassverwalter fanden außerdem ein Konvolut mit dem Titel "Insomnia", das einfach nur da war, ohne eine Verfügung, was damit geschehen solle. Sie entschieden sich, es der Auswahl hinzuzufügen, die ein Jahr nach dem Tod des Autors unter dem Titel "Wegzeichen" erschien.

Grausame Träume: Ivo Andrić an seinem Belgrader Schreibtisch, Aufnahme aus den Sechzigern.

(Foto: AFP)

Nun sind die "Insomnia"-Notizen, ein schmaler, großartiger Beitrag zur Literatur der Schlaflosigkeit, zum ersten Mal auf Deutsch erschienen, übersetzt und herausgegeben von Michael Martens, dem langjährigen Südosteuropa-Korrespondenten der FAZ und Verfasser der Ivo-Andrić-Biografie "Im Brand der Welten. Ein europäisches Leben" (2019), der in seinem Nachwort die zahlreichen Schlaflosen aus den Romanen und Erzählungen um ihren Autor versammelt.

Der ist ein Schlafloser ganz eigener Art. Ihm fehlt der erzählerische Zusammenhang, er ist in jeder der kürzeren oder längeren Notizen mit sich allein. Schreibt er noch in der durchwachten Nacht? Am Tag darauf? Und wann überhaupt? Nur sehr wenige Einträge sind datiert. Dieser zum Beispiel: "In dem Raum neben meinem Schlafzimmer, von dem mich eine halboffene Tür trennt, beginnt das Parkett mit den ersten Nachtstunden vielsagend zu knarren und zu knacken. Und je weiter die Nacht fortschreitet und je kälter sie wird, desto lauter wird das Knacken, sodass es zuweilen ganz den Anschein hat, als gehe dort jemand umher und wolle sich unbemerkt nähern oder davonschleichen."

In den Vierzigern war Ivo Andrić Gesandter in der Berliner Botschaft

Zum einen ist diese Passage eine der Skizzen, aus denen das Selbstporträt des Schlaflosen entsteht, in dessen Welt die akustische Dimension und das Ohr eine Hauptrolle spielen, weil Geräusche wecken und am Einschlafen hindern können. Zum anderen ist sie, weil auf das Jahr 1940 datiert, mit einer konkreten Lebenssituation verbunden. Es wird ein Berliner Parkett gewesen sein, das knarrte. Seit 1939 war Ivo Andrić Gesandter an der Botschaft des Königreichs Jugoslawien in der Hauptstadt des nationalsozialistischen Deutschlands, als die Wehrmacht Anfang April 1941 sein Land überfiel, war seine Mission abrupt beendet.

Es gibt gelegentlich Ausblicke auf den Akteur in der politisch-historischen Welt, der in diesem Schlaflosen steckt, etwa wenn er sich an den Ton und Rhythmus der Soldatenstiefel auf den Fluren des Gefängnisses in Maribor erinnert, wo er nach dem Attentat in Sarajevo 1914 einsaß. Aber im Zentrum steht die Selbsterkundung des Schlaflosen, die Erforschung des Reiches der Schlaflosigkeit, in das er verbannt ist.

Einmal beschreibt er sich als Neuankömmling in diesem Land, als jemanden, der noch äußere Anlässe, unangenehme Erlebnisse am Tage brauchte, um nachts wach zu liegen. Dann verschwinden die Anlässe, und er scheint sich damit abgefunden zu haben, dass Nacht und Schlaflosigkeit verschmelzen und "mich der Schlaf, selbst wenn er kommt, nicht stärkt".

Nachts ist die Angst das Grundgefühl der eigenen Existenz

Es gibt kein Aufbegehren, kein großes Aufbäumen gegen die Schlaflosigkeit in diesen Nachtgedanken. Sie nehmen mit stoischer Resignation alle Leiden der Nacht in sich auf, darunter "kurze, aber schreckliche und widerwärtige, wie grausam ausgewählte Träume", die den Schlaf vertreiben. Einen Ausweg versperrt dieser Schlaflose sich selbst, die Schlafmittel. Er hat dafür gute Gründe: "Wenn ich mit Hilfe einer Tablette schlafe, träume ich, dass ich schlafe. Über mir und um mich entsteht so etwas wie mein Doppelgänger, mehrfach größer als ich, aber ganz aus leichter, durchsichtiger Materie. Er flirrt, steigt und fällt im Rhythmus des Schlafs, während sich unter ihm undeutlich ein kleiner, dunkler und wache Mensch abzeichnet. Das bin ich und mit mir ist all mein altes Denken und Zittern, das mich nicht einschlafen lässt oder nach kurzem, ersten Schlaf weckt. Deshalb plage ich mich lieber ohne Schlaf, als Schlafmittel zu nehmen."

Zur schlaflosen Nacht gehören die Dämonen. Hier sind es die Angst als Grundgefühl der eigenen Existenz, die Scham im Blick auf jäh auftauchende Momente Erinnerungen, die Einsicht, von Kindheit an in einer Welt des Verdachts gelebt zu haben.

Vor allem aber sind diese Nachtgedanken die Aufzeichnungen eines schlaflosen Schriftstellers. Die stoische Resignation, mit der er sein Schicksal auf sich nimmt, hat ein starkes Gegenüber, den stoischen Stil. Die Herrschaft der Schlaflosigkeit mag noch so streng sein, der Tribut, den der Körper zahlt, noch so hoch, das Denken und Zittern, das den Schlaf vertreibt, noch so zermürbend, die Prosa bleibt kompakt, beherrscht, luzide.

Der Autor hätte die Veröffentlichung des Buches eher nicht gebilligt

Unmissverständlich gibt sie zu verstehen, dass sie die letzten Geheimnisse ihres Autors nicht preiszugeben gedenkt. Nichts liegt diesem Autor ferner als ein journal intime, die Preisgabe des Ich. Oft schreibt er von sich in der dritten Person. Er mag es, wenn sich in der Nacht die Gedanken und Worte selbständig machen und um ihn herumtanzen, aber dann fängt er sie mit dem Lasso seiner Prosa ein.

Übrigens nicht nur die Dämonen der Nacht und der Schlaflosigkeit, sondern auch Erinnerungen an das Lateinbuch im Gymnasium von Sarajevo und an missglückte Liebesabenteuer, zudem ein launiges Capriccio über einen Konzertabend mit Mozart, Liszt und Brahms und, wie es sich für ein Buch wie dieses gehört, Nachtigallen.

"Ich bin ein leidenschaftlicher und aufmerksamer Leser von Tagebüchern, persönlichen Aufzeichnungen und Erinnerungen", schreibt er, aber das Tagebuchschreiben betrachtet er mit äußerstem Misstrauen, von Memoiren will er schon gar nichts wissen. Er wittert in beidem die Eitelkeit und die Lüge. Vielleicht hat Michael Martens recht mit seiner Vermutung, Ivo Andrić hätte die Veröffentlichung von "Insomnia" eher nicht gebilligt. Aber immerhin war da die Unschlüssigkeit, die Nicht-Vernichtung. Zum Glück.

Ivo Andrić: Insomnia. Nachtgedanken. Herausgegeben, aus dem Serbischen übersetzt und mit einem Nachwort von Michael Martens. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2020. 192 Seiten, 20 Euro.

© SZ/fxs
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