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Italo-Kitsch feiert auf Design-Auktionen Erfolge:Tiger mit Teller

Quittenbaum bietet in der Auktion "Italienisches Design" viele Lose des Studios Fornasetti an. Dessen eklektische Entwürfe haben Konjunktur.

Der Maler Piero Fornasetti (1913 - 1988) war eines der vielen Multitalente in Mailand. Als 17-Jähriger hatte er ein Stipendium für die Accademia di Belle Arti in Brera bekommen, flog aber zwei Jahre später wegen unangemessenen Verhaltens schon wieder raus. Zum Glück lernte er rasch Giò Ponti kennen, einen einflussreichen Architekten und außerdem selbst ein italienisches Super-Multitalent. Ponti fungierte damals mal als Art Director einer Keramikfabrik, mal als Gestalter von Muranoglas und seit 1927 als Gründer und Chefredakteur von Domus. Als Erstes hatte er sich auf der Triennale 1933 für die bemalten Seidenschals begeistert, die der junge Fornasetti dort ausstellte. Bald ließ er ihn Heft-Titel entwerfen und verwendete Fornasettis Kupferstichmotive für die Oberflächen seiner eigenen Möbel. Am engsten und intensivsten arbeiteten Ponti und Fornasetti 1950 für das Kasino von San Remo und 1952 für das Interieur des Linienschiffs Andrea Doria zusammen. Und vor allem stellte Ponti die Ergebnisse immer in Domus vor.

Fornasetti habe die Pop Art vorweggenommen, schrieb ein Museumsdirektor

Fornasettis Malerei und Design waren zu eklektisch. Er betätigte sich als Bildhauer, Kunsthandwerker oder Dekorateur, arbeitete mit Stoff, Holz, Papier, Porzellan und Glas. Der Novecento-Stil, eine Art italienischer Neoklassizismus, lieferte die Basis. Darauf setzte er renaissancehafte, surrealistische, ja sogar dadaistische und pop-artige Elemente. Manche Betrachter werden das kitschig finden, doch waren die fantastisch-bizarren Ausarbeitungen von Anfang an ein Erfolg. Sie sind es bis heute, auch weil Pieros heute fast 70-jähriger Sohn Barnaba das Mailänder Atelier weiterführt und das Lebenswerk des Vaters pflegt. Neben Architekturfragmenten hat der oft Blumen oder Musikinstrumente stilisiert. Zugrunde liegen den insgesamt etwa 11 000 Entwürfen meist reproduzierte Ritzzeichnungen auf Metall. Fornasettis bekanntestes Motiv wurde ein zeitloses Frauenantlitz. Es stellt die Opernsängerin Lina Cavalieri dar, die Ende des 19. Jahrhunderts berühmt war. Er stichelte es erstmals 1952 für die Keramikteller-Serie "Tema e Variazioni" in eine Kupfermatritze und verwendete es für mehr als 350 Entwürfe, mal chagallesk, mal mittelalterlich, mal mit Astronautenhelm oder als Madonna. Sohn Barnaba entwarf später eine Lina mit Salvador-Dali-Bärtchen und Pilotenbrille, eine andere als Revolutionsfigur mit Jakobinermütze dazu. Der hohe Wiedererkennungswert ermöglichte den Fornasetti eine Massenproduktion, trotz unterschiedlicher Details und Dessins. Fornasettis Präsentationsformen nahmen heutige Museumsshop-Artikel um Jahrzehnte vorweg.

Fornasettis Welt erlebte Flauten und Höhepunkte. Die Seventies zum Beispiel waren wohl eine Glanzzeit. Literaturstars wie Henry Miller und Pablo Neruda oder der Regisseur Billy Wilder sammelten damals Fornasetti. 1970 entstand der Mailänder Laden, in dem bis heute auch Handgemachtes von früher zu erwerben ist. Die Zeit zwischen 1980 und 1990 stellte einen weiteren Gipfel dar, weil sich viele postmoderne Designer von Fornasetti inspirieren ließen. Die höchsten Verkaufspreise im Kunsthandel - bis 100 000 Euro - erreichten wohl um 2008 rare Tische aus den Fünfzigerjahren und kunstvoll bearbeitete Kommoden in Kleinauflagen. 2015 brachte eine große Pariser Ausstellung im Musée des Arts Décoratifs die Schöpfungen erneut ins Gespräch.

Piero Fornasetti

Der für 66 000 Euro versteigerte Schrank „Panoplie“, (um 1955).

(Foto: Quittenbaum Kunstauktionen GmbH München)

Fornasetti habe die Pop Art vorweggenommen, schrieb damals der Museumschef. Die Idee, einen einzigen verspielten Formeinfall mit vielen ähnlichen, jedoch unterschiedlichen Gegenständen zu verbinden, entwickelte der Italiener wohl tatsächlich noch vor Warhol und auch lange ehe andere Ikonenfinder wie Keith Haring oder - heute - Banksy reüssierten. Und mehrere Schauen rund um den Jubiläumsgeburtstag Piero Fornasettis im Jahr 2013 begründeten wohl den aktuellen Hype. "Wir haben bemerkt, dass das Interesse angezogen hat", sagt Auktionator Askan Quittenbaum aus München. "Fornasetti hat bei uns Verkaufsquoten von 80 bis 90 Prozent - bei anderen Designern sind es eher 50." Mehr als 700 Gegenstände und Objektgruppen von Piero oder Barnaba hat allein Quittenbaum bislang verkaufen können. Und das, obwohl es viele Deckelvasen, Duftkerzen, Schirmständer, Buchstützen oder Eiskübel auch bei den Lizenzpartnern gibt. "Viele Käufer ziehen eben Patina auf Möbeln oder das feinere Porzellan früher Teller vor", vermutet er.

In der Quittenbaum Auktion "Italienisches Design" umfasst die Bandbreite nächste Woche nun Zierteller für Wand oder Tafel, sechs weiße Porzellantassen mit goldenem Dekor (350 bis 500 Euro) und etliche Tabletts des modernen Manieristen. "Der Teller mit dem Tigerkopf aus den Sixties könnte genausogut auch auf der nächsten Art Basel in Miami Beach hängen", findet Askan Quittenbaum. Die Taxen für die 19 Fornasetti-Preziosen in der Offerte von insgesamt 272 Losen beginnen schon bei 150 Euro Aufrufpreis für ein Bettzeug mit "Renaissance-Wolkenkratzern" von Sohn Barnaba. Sie reichen bis 2000/2700 Euro für ein vielteiliges Steingut-Gewürzset von Piero. Am liebsten würde der Versteigerer wieder einen "Panoplie"-Sekretärschrank anbieten, wie er ihn im Jahr 2019 für 66 000 Euro zuschlug, doch immerhin gibt es viel zu kleinem Tarif.

Piero Fornasettis Tablett "Tigre".

(Foto: Quittenbaum Kunstauktionen GmbH)

Nippes oder Wunderkammer? Wofür man Fornasettis Universum der Dinge auch hält: Man befindet sich immer auf einer Gratwanderung zwischen Kunstmission, Dekoration, Mode, Kitsch und Hochkultur.

"Italienisches Design", München, 18. Februar. (www.quittenbaum.de)

© SZ vom 15.02.2020
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