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Italienischer Film:Unser Flecken Erde

Ernüchterung in Italien: Der Film "Ein neues Leben" erzählt von der existenziellen Verzweiflung im armen Süden des Landes.

Von Anke Sterneborg

Vom italienischen Traum ist nichts mehr zu spüren, in diesem ärmlichen Städtchen im Salento, am Absatz des Stiefels, mit Blick aufs noch ärmere Griechenland. Karge Steinbauten, kahle Plätze und Straßen, ein paar verlorene Menschen vor einem Haus, eine Textilfabrik, die von der Billigkonkurrenz aus China in den Bankrott getrieben wird. Alles ziemlich öde hier, eine kleine, graue Stadt, an der sich die Spuren der südeuropäischen Krise deutlich ablesen lassen.

Existenzielle Verzweiflung überall, selbst der silbrige Schimmer auf den Blättern der Olivenbäume wirkt wie ein stumpfer Trauerflor. Adele und ihr Bruder Vito arbeiten hart, schon immer, aber plötzlich haben sie 130 000 Euro Schulden, und in der Not lässt sich Vito auf den Plan seines Schwagers ein, als Schlepper eine Ladung Chinesen, Usbeken und Japaner ins Land zu schmuggeln. Selbst das scheitert, im Tank des Boots ist nicht genug Benzin, sie hängen fest zwischen Italien und Griechenland und landen im Gefängnis.

Der italienische Regisseur Edoardo Winspeare nimmt diese Welt zunächst nüchtern in den Blick, um sich ihr dann mit konspirativer Zärtlichkeit zu nähern. Das Land, das Haus und seine Bewohner zeigt er fast dokumentarisch, im wirklichen Leben arbeiten die wunderbaren Schauspielerinnen als Bäuerin, Kellnerin, Köchin und Kosmetikerin und verkörpern auf selbstverständliche Weise das Lebensgefühl des Salento. Dabei ist der Film auch eine Liebeserklärung des Regisseurs an seine Frau Celeste Casciaro, die als Adele zunächst noch angespannt und ausgezehrt wirkt, aber zunehmend gelöster und anmutiger erscheint.

Die Geschwister sind gezwungen, alles zu verkaufen. Während Vito mit Frau und Kindern in die Schweiz zieht, will Adele bleiben. Der Druck und die Anspannung, die auf ihr lasten, entlädt sich an jedem, der ihr zu nahe kommt, ihren Missmut spüren vor allem ihre jüngere Schwester und ihre fast erwachsene Tochter. Während Erstere immerhin noch den Traum hat, Schauspielerin zu werden, lässt sich Letztere ziellos von Mann zu Mann treiben. "Wie schaffst du es, so ruhig zu sein?", fragt Adele ihre Mutter. "Ich hab Vertrauen", erwidert die.

Statt einzeln bei irgendwelchen Freunden unterzuschlüpfen, beschließen sie, zusammenzubleiben, zum heimatlichen Olivenhain am Meer zurückzukehren, in einem heruntergekommenen kleinen Steinhäuschen eng zusammenzurücken und das Land zu bestellen. "Glaubst du, wir schaffen es?", fragt Adele zweifelnd. "Wir kommen durch", erwidert die Mutter zuversichtlich, "Stein auf Stein wächst die Mauer." Und genau so setzt auch Winspeare seine Szenen geduldig aneinander. Bei der Ankunft in der alten Heimat weitet sich der Blick zum ersten Mal auf das ferne Meer. Der Wind, der die Olivenbäume zum Rascheln bringt, bringt auch das Leben dieser vier Frauen aus drei Generationen in Bewegung.

Ganz langsam erwächst aus Ernüchterung und Resignation die Kraft für Neues, und es macht enormen Spaß, dabei zuzusehen, wie sich diese Frauen darin einfinden. Wie sie sich streiten und versöhnen, wie sie die alltäglichen Verrichtungen des Gemüseanbaus und der Hühnerzucht annehmen und bald Salat, Gemüse und Eier gegen Benzin für den Generator und Mist zum Düngen eintauschen.

Hinter ihrer persönlichen Überlebensstrategie schimmern genau die Konzepte auf, die umtriebige Umweltaktivisten derzeit für die Rettung der Welt propagieren. Auch im Kino gibt es da Mitstreiter, Mélanie Laurent und Cyril Dion etwa zeigen gerade "Tomorrow - Die Welt ist voller Lösungen". Was "Ein neues Leben" aber so verführerisch macht - er kommt ohne Pathos aus und schreibt sich keine Mission auf die Fahnen. Edoardo Winspeare fängt einfach nur ein Stück Leben ein und öffnet neue Perspektiven, erst für die Arbeit und dann auch für die Liebe.

In Grazia del Dio, Italien 2014 - Regie und Buch: Edoardo Winspeare. Kamera: Michele D'Attanasio. Schnitt: Andrea Fachini. Mit Celeste Casciaro, Laura Licchetta, Anna Boccadamo, Barbara De Matteis. Verleih: Kairos 127 Minuten.

© SZ vom 22.06.2016
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