"Glücklich wie Lazzaro" im Kino Im Bann der Giftschlange

Der junge Lazzaro (Adriano Tardiolo) im Heuregen. Unter all den Ausgebeuteten seines Heimatdorfes ist er der ärmste Prügelknabe.

(Foto: Piffl Medien)

Alice Rohrwacher erzählt in ihrem wunderbaren Film "Glücklich wie Lazzaro" eine eigenwillige Heiligengeschichte, die aus der Zeit gefallen scheint, aber doch das Herz der Gegenwart trifft.

Von Philipp Stadelmaier

Die Männergruppe, die gerade noch draußen gesungen hat, ist in das Haus eingetreten, Wein und Sardinen werden gereicht. Eine Verlobung wird zu Beginn des Films "Glücklich wie Lazzaro" gefeiert, man stößt an. Eine Glühbirne spendet mildes Licht in dieser Nacht. Es ist die einzige im Haus. Im italienischen Bergdorf Inviolata sind die Menschen arm.

Mittendrin in der Gesellschaft steht ein ruhiger junger Mann mit großen Augen und ins Gesicht fallenden Wuschelhaaren. "Hol die Oma, Lazzaro!", ruft ihm jemand zu. Lazzaro erwacht aus seiner Starre und holt bereitwillig die Oma, die man mittlerweile tragen muss. Fast alles ist alt hier, so alt wie die Großmutter. Das leise Sprechen, das matte Licht, die Armut - all das scheint es schon immer gegeben zu haben.

Überhaupt erinnern die Zustände, die in Inviolata herrschen, an vergangene Jahrhunderte. Die Menschen schuften wie Leibeigene für die Marquesa Alfonsina de Luna, eine Tabakfabrikantin, die in einem großen Haus nebenan wohnt. Sie wirkt fast schon wie die Karikatur einer Ausbeuterin.

Immer mal wieder kommt ein Priester im Dorf vorbei, der die Erntemaschinen segnet. Dann gibt es noch den Gutsverwalter, einen Widerling mit fettigen Haaren, der den Armen einredet, dass sie die "eigentlich Reichen" seien, um ihnen alles wegzunehmen, sie in ein ewiges Verhältnis der Verschuldung gegenüber seiner Herrin zwingt. Die Menschen von Inviolata ertragen es mit sanftem Humor, nennen die Marquesa eine Giftschlange. Diese schaut durch das Milchglasfenster ihrer Villa runter auf die Sklaven vor ihren Hütten und sinniert über Sinn und Nutzen des Unterdrückens: "Die Menschen über ihr Sklavendasein aufzuklären, heißt, sie unglücklich zu machen. Jetzt placken sie sich ab, aber sie wissen es nicht. Sie sind glücklich." Was nach Feudalismus klingt, spielt aber vor gar nicht allzu langer Zeit. Die Marquesa trägt eine Achtzigerjahre-Brille und fährt einen alten Lancia Thema. Ihr Sohn Tancredi, ein bleiches und verwöhntes Milchbübchen, das von Mamas Geld lebt und an Raucherhusten leidet, hört Walkman.

Es ist diese Mischung aus verschiedenen Zeiten und Verhältnissen, die Alice Rohrwachers Film so besonders macht. Seine Weltpremiere hatte "Glücklich wie Lazzaro" dieses Jahr im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes, wo Rohrwacher den Preis für das beste Drehbuch gewann. Das ist bereits ihr zweiter Cannes-Erfolg, nachdem sie 2014 schon für "Land der Wunder" mit dem Jurypreis ausgezeichnet wurde.

"Glücklich wie Lazzaro" ist der nächste Schritt im Werk dieser großartigen, erst 36 Jahre alten Filmemacherin.

Da sie auf Sechzehn-Millimeter-Material gedreht hat, scheint ihr Film selbst wie aus einer anderen Zeit zu stammen. Die Ränder der Einstellungen sind abgerundet, das Bild verliert seine strengen geometrischen Formen und scheint sich in Kurven zu krümmen, anstatt wie sonst üblich von scharfen Ecken und Kanten eingegrenzt zu sein.

Neben diesem formalen Trick werden inhaltlich mehrere Zeiten und Epochen gebogen und vereint, zu einer poetischen Geschichte der Unterdrückung, die ebenso alt wie neu ist. In dieser Geschichte hat Lazzaro, gespielt von Adriano Tardiolo, eine Sonderstellung. Denn er wird noch von den Ausgebeuteten selbst ausgebeutet. Das beginnt damit, dass er die Oma an den Tisch setzen soll und überhaupt das Mädchen für alles ist. "Lazzaro, pass auf die Kapaune auf, trag den Korb dorthin, mach uns einen Kaffee!" Der Ruf nach Lazzaro durchzieht die erste Hälfte dieses Films wie der Ruf nach demjenigen, auf dem das ganze geballte Gewicht der Unterdrückung zu liegen scheint - und mit dem sie an ein Ende gelangt. Denn wen unterdrückt Lazzaro? Niemanden. Der junge Mann ist so voller Herzensgüte, dass er dazu nicht in der Lage ist. Lazzaro ist ein Heiliger - ebenso wie sein biblisches Vorbild.

Der Film erinnert immer wieder an italienische Starregisseure wie Pasolini oder De Sica

Im Johannesevangelium wird Lazarus von Bethanien durch Jesus von den Toten auferweckt, und so muss auch Lazarus im Film einmal sterben - er fällt eine Schlucht hinunter. Währenddessen kriegt die schockierte Obrigkeit mit, was in Inviolata geschieht. Die Marquesa wird verhaftet, die Bewohner der Siedlung werden "befreit". Was dann geschieht, macht den Film endgültig zu einem Meisterstück. Denn Lazzaro ersteht wieder auf, unverändert in seinem jungen Körper, und findet sich Jahre später in unserer Gegenwart wieder. Er durchstreift eine graue, winterliche Großstadt, in der er die Einwohner von Inviolata wiedertrifft, die nun, wenngleich frei, weiter in ärmlichen Verhältnissen an einem Bahndamm leben und sich mit Kleingaunereien über Wasser halten. Alle sind gealtert, außer Lazzaro.

Der Heilige scheint außerhalb der Zeit zu stehen, und damit auch jenseits der Ausbeuterei, durch die sie bestimmt ist. Wenn am Ende Orgelmusik aus einer Kirche erklingt, erinnert das ein wenig an Vittorio De Sicas "Das Wunder von Mailand" von 1951, in der ein anderer vom Himmel gesegneter Junge den Slumeinwohnern der Stadt etwas Glück und Freude bringt. Aber Rohrwachers Film ist viel bitterer als De Sicas sozialromantische Vision. Eher noch ist ihr Film ein Gleichnis auf eine lange Geschichte der Unterdrückung und der sozialen Ungleichheit in Italien und der Welt überhaupt, im Geiste Pier Paolo Pasolinis. Nach der Ausbeutung der Landbevölkerung im ersten Teil zeigt Rohrwacher im zweiten die Ausbeutung von Migranten und Asylsuchenden in der Gegenwart.

Lazzaro ist dabei auch mit den clownesken Figuren verwandt, die Ninetto Davoli bei Pasolini verkörpert hat, etwa in "Große Vögel, kleine Vögel". Er durchquert eine Geschichte der Bosheit und Unterdrückung und ist dabei so naiv, dass er es nicht bemerkt. Der Heilige ist auch ein Idiot. Irgendwann fällt er der Unterdrückung dann doch zum Opfer. Aber nur durch ihn ist in dieser Unterdrückung kurz so etwas Absurdes aufgeleuchtet wie die Idee, das alle Menschen glücklich sein könnten.

Lazzaro felice, Italien 2018 - Regie, Buch: Alice Rohrwacher. Kamera: Hélène Louvart. Mit Adriano Tardiolo, Agnese Graziani, Alba Rohrwacher. Piffl Medien, 125 Minuten.