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Italienische Literatur:Wer entziffert die Botschaften des Regens?

Nicola Pugliese setzt Neapel unter Wasser.

Von Ulrich van Loyen

Ist dies noch ein Roman über Neapel? Es gibt keine Camorra, es wird, wie übrigens auch in den Büchern Elena Ferrantes, keine Pizza gegessen, und es regnet die ganze Zeit. Ein Journalist registriert die Wirkungen dieser mal peitschenden, mal enervierend tröpfelnden Bewässerung. In der hochverdichteten Stadt, die wie ein meerzugewandtes Amphitheater an ihren Hängen aufsteigt, findet ein während des jüngsten Baubooms errichtetes Haus keinen Halt und rutscht ab. Eilig in die Peripherie gegossene Straßen bröckeln.

Es gibt Tote am ersten Regentag. Dass sie die einzigen bleiben, beruhigt, andererseits scheint die finale Katastrophe dadurch nur aufgeschoben zu sein. Der Stadtrat betreibt Güterabwägung: In Notsituationen muss man teilen, die Opposition bekommt einen Prüfungsausschuss, die Investoren beteiligen sich mit einem Bildungsprogramm. Eine Notunterkunft entsteht unpraktischerweise dort, wo der öffentliche Verkehr längst zusammengebrochen ist. Und das Versorgungsprogramm gewährt die Chance, ein paar Dinge abzuzweigen. Ja, wir sind in Neapel.

Der Autor Nicola Pugliese (1944 - 2012) war jahrelang Redakteur beim Roma, einer streng auf Lokalereignisse bezogenen Tageszeitung, die bis heute im Außergewöhnlichen das Gewöhnliche und im Gewöhnlichen das große Ganze entdeckt. Die entsprechende journalistische Form ist die "Cronaca di Napoli", oder einfach: die "Cronaca", denn in Neapel, so verlangt es diese Form, entscheidet sich das Schicksal der Welt. Folglich sind die Neapolitaner zugleich Zeugen und Protagonisten einer weit über sie hinausweisenden Handlung. Dass diese Erlebnisweise, ihre sentimentale Selbstbezüglichkeit, sich aus historischer Erfahrung speist - aus einem sich über Jahrhunderte ziehenden Bedeutungsverlust, Kolonialisierung, der Aneignung des fremden Blicks -, muss kaum erwähnt werden.

In Puglieses 1977 entstandenem Roman kommt es nun zu einem Dammbruch zwischen Journalismus und Literatur, zwischen in Figurenrede aufgelösten Männerfantasien und philosophischer Spekulation. Der frustrierte, an seinem erotischen Doppelleben leidende Journalist Andreoli scheint dabei der Widergänger seines Autors zu sein, der die Redaktionsstuben fluten lassen möchte. Pugliese wurde mit diesem Buch zu einer Legende und zu einer Identifikationsfigur für Schriftsteller-Journalisten, weil sich in der süditalienischen Literatur zuvor selten jemand so explizit über Grenzen hinweggesetzt und sie gleichzeitig sichtbar gemacht hatte.

Der Roman besteht aus einem Prolog und vier Kapiteln, für jeden Regentag eines. Im Modus erlebter Rede und verbunden mit dem Bewusstseinsstrom Andreolis, erfährt der Leser vom Leben der Gastronomen, der Politiker oder der verliebten Backfische. So polyphon die Anlage, so präzise sind die erzählerischen Vignetten. Der Regen wirft die Menschen auf sich selbst zurück und letztlich in eine Art Delirium. Zwischen Erinnerungen, Wünschen und Fantasien zu unterscheiden, wird spätestens am dritten Tag unmöglich, auch weil das Unwetter die Kommunikation stark einschränkt.

Da nimmt es nicht wunder, dass eine Fünf-Lire-Münze zu singen anfängt oder ein Polizist an jenen Tag zurückdenkt, als der Stadtstrand gesperrt wurde und das Meer anstieg, um die Jugendlichen daheim zu besuchen. Das Meer steht für die Ganzheit und Schönheit des Lebens, für ein solidarisch anzugehendes Wagnis, während der Regen dafür bestraft, dass man sich vom Meer abgewandt hat.

Die kapitalistische Mimikry einer als Privatisierung getarnten Günstlingswirtschaft, der eitle Filz der Behörden: all dies hat den Weg des Wassers zu nehmen. Ein entsprechendes Gottesurteil befürchtet jedenfalls die Stadtverwaltung. Kommt es vielleicht aus dem Mund jener Puppen, die beim Rathaus ebenso gefunden werden wie bei den Toten des ersten Tages? Der beunruhigende Fund eröffnet für alle Beteiligten eine Möglichkeit, dem Regen eine Botschaft unterzuschieben, während der Boden der Wirklichkeit, damit des Erzählten, zusehends entgleitet.

Aber legt das Symbol der Puppen in Malacqua nicht nahe, man könnte in der Selbstentfremdung auch so etwas wie Trost finden? Der Roman spielt mit dieser Möglichkeit, ohne sie sich im Ganzen anzueignen. Er behauptet seinen Wahrheitswillen als poröses Kunstwerk für eine - so Benjamin über den Moloch am Golf - "poröse Stadt". Und fragt, ob nicht manchmal das größere Unglück jenes ist, das nicht tief genug schneidet.

Puglieses Buch besticht im Original durch ungestüme Musikalität, eine Art Freejazz, der die italienische Literaturwelt ebenso verstörte wie hinriss. Die Verschränkung von poetischer und bürokratischer Sprache - beide gehören zum Register einer kolonialen Stadt - ist in der Übersetzung gelungen, die aber gegenüber dem Original manches glättet und die surrealistischen Anleihen verharmlost. Die deutsche Übersetzung agiert durchaus dialektbewusst: anders als in der englischen ist hier die "palomma" ein Schmetterling und keine gestutzte Taube.

Eine Taube brachte bekanntlich nach der Sintflut der Bibel zur Arche Noah einen Ölzweig, als Zeichen, dass die Wasser sinken. Solch anmutige Aussicht gönnt Pugliese seinem hassgeliebten Neapel nicht. Dort "hat man nichts in der Hand als eine Handvoll Fliegen und vielleicht nicht einmal das, und trotzdem". Dass nach "malacqua", den bösen Wassern, ein Lichtstreif für überzogene Erwartung sorgen wird, weiß Andreoli wie sein Autor. Nach diesem Klassiker hat Pugliese, der Salinger des italienischen Südens, kein Buch mehr schreiben wollen. Selbst nach dem Erdbeben von 1980 blieb er unerschütterlich.

Nicola Pugliese: Malacqua. Vier Tagen Regen über Neapel in Erwartung, dass etwas Außergewöhnliches geschieht. Roman. Aus dem Italienischen von Barbara Pumhösel. Launenweber Verlag, Köln 2019. 222 Seiten, 24 Euro.

© SZ vom 05.02.2020

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