Italienische Literatur Im Triumph keimt das Böse

Giorgio Scerbanenco, Sohn eines ukrainischen Offiziers und einer Italienerin, hat den Kriminalroman für Italien neu erfunden. Sein Held, der Arzt Duca Lamberti, verdient einen Platz im Kanon.

Von Peter Henning

"Man schreibt, weil man schreiben will", hat Giorgio Scerbanenco einmal in einer autobiografischen Skizze notiert. "Und eine Eingebung gibt es wahrscheinlich gar nicht. Man tut es, wie man einen Berg Wäsche wäscht oder einen Pullover strickt. Man macht es eben." 1911 als Sohn eines ukrainischen Offiziers und einer Italienerin in Kiew geboren und 1969 in Mailand gestorben, gehörte Scerbanenco nicht zu den Autoren, die sich und ihre Profession über die Maßen ernst nehmen. Künstlerallüren waren ihm so fremd wie die Vorstellung, als erfolgreicher Schriftsteller ein glücklicherer Mensch werden zu können.

Jahrelang irrlichterte der Vielschreiber als Outcast durch den italienischen Literaturbetrieb. Er hatte sich als Buchhalter, Dreher in einer Weckerfabrik und Klatschreporter durchgeschlagen, ehe er ganz aufs Schreiben setzte. Ruhelos wechselte er die Genres und brachte mehr als fünfhundert Erzählungen sowie eine nicht genau bestimmbare Anzahl an Schundromanen hervor. Von der Kritik wurde er gemieden, dafür aber viel gelesen von jenen, die sich an den Drehständern der Bahnhofskioske versorgen. Erst kurz vor seinem Tod ereilte ihn doch noch der Erfolg - so wenig Scerbanenco dieser flüchtigen Chimäre auch traute. Er schuf die Figur des ehemaligen Mailänder Arztes Duca Lamberti und gilt seither als Begründer der modernen italienischen Kriminalliteratur.

Die vier Romane der Duca Lamberti-Reihe spielen in einer dämmrigen Welt der Außenseiter und Durchgedrehten. Da schwelen schon die Konflikte, die bis heute die Stadt Mailand bestimmen. Kultur, Strebsamkeit und Weltoffenheit treffen auf Gier und unverstellte Brutalität. In diesem Zwielicht sucht ein großer Einsamer unbeugsam nach der Wahrheit. Scerbanenco pfeift in seinen erstklassigen Noir-Romanen auf wunderbare Weise auf die Trennung zwischen gehobener Literatur und sogenannter Unterhaltung.

Keine Erklärungen und keine Kompromisse hält er für die trosthungrige Seele bereit, keine Helden geben den Glauben an das Gute zurück. Vielmehr verdichtet Scerbanenco das Aroma der fünfziger und sechziger Jahre in Italien und illustriert es mit den Schicksalen von Menschen, deren Fantasien an den Wänden grauer Mietskasernen in den Vororten zerschellen oder dort aufkeimen, wo die Lichter der Großstadt dunkle Abenteuer versprechen.

Besonders Duca Lamberti vereint sämtliche Widersprüche jener Jahre in sich. Über ihn heißt es: "Ein Arzt wie er, der drei Jahre wegen Euthanasie gesessen hatte, übt auf bestimmte Leute eine große Faszination aus. Zunächst hatten sich alle Mädchen der Gegend an ihn gewandt, die glaubten, schwanger zu sein. Als Nächstes waren die Drogensüchtigen gekommen, ein weites potenzielles Arbeitsfeld. Und im Schlepptau der Drogensüchtigen kamen die Prostituierten mit ihren Infektionen."

Es kommt häufig vor, dass Autoren, die in Italien längst zum Kanon gehören, hierzulande neu aufgelegt werden, um sie endlich zu etablieren, nachdem der Zeitgeist über sie hinweg gegangen ist. So geschehen etwa mit Büchern von Ennio Flaiano oder Beppe Fenoglio, und eben auch den Romanen Scerbanencos. Nachdem in den Siebzigerjahren die Verlage Heyne und Kaiser und Anfang der Nullerjahre der Wiener Verlag Kremyer & Scheriau versucht hatten, die Duca Lamberti-Serie neu zu lancieren, unternimmt jetzt der ebenfalls in Österreich ansässige Folio Verlag den nächsten Anlauf. Und man wünschte sich, der Versuch möge gelingen.

Denn Scerbanenco lesen heißt, in der Seele Italiens lesen. Schon in den Sechzigerjahren bildete der Italo-Ukrainer das aus, was man in Amerika zwanzig Jahre später "dirty realism" nannte, die ungefilterte Beschreibung der prekären Lebensumstände seiner Protagonisten. Über die mitleidlose Beschreibung hinaus bedürfen sie keiner Kommentare. Wir sehen das Mailand der kleinen Leute in einer Zeit, in der die Stadt ihre Unschuld verliert. Ein sympathischer Kleinganove schlüpft in die Rolle des kompromisslosen Drogendealers, das kokette Mädchen von nebenan in die Pose der Prostituierten.

Die beiden ersten, nun wieder greifbaren Bände der Duca Lamberti-Tetralogie, "Die Verratenen" und "Das Mädchen aus Mailand" stehen exemplarisch für diesen Realismus. Im einen bekommt Lamberti, eben aus dem Gefängnis entlassen, den Auftrag, den Sohn eines wohlhabenden Intellektuellen vom Saufen abzubringen - und deckt dabei einen Mädchenhändlerring auf; im anderen hebelt er eine international tätige Schmugglerbande aus. Trotzdem verliert der Mann nie aus den Augen, dass im Triumph über das Böse von heute bereits die Niederlage von morgen keimt. Denn wie erklärt der ehemalige Arzt einmal mit Blick auf das von Terror, Mord und Korruption unterwanderte Mailand: "Symptom-Bekämpfung? Ja, das geht wohl! Aber dauerhafte Heilung? Nein! Unmöglich!"

Giorgio Scerbanenco: Die Verratenen. Aus dem Italienischen von Christiane Rhein. Mit einem Nachwort von Tobias Gohlis. Folio Verlag, Wien 2018. 256 Seiten, 18 Euro.

Giorgio Scerbanenco: Das Mädchen aus Mailand. Aus dem Italienischen von Christine Rhein. Mit einem Nachwort von Giancarlo De Cataldo. Folio Verlag, Wien 2018. 256 Seiten, 18 Euro.