bedeckt München
vgwortpixel

Italien:Zimmer aus Asche

Die Stadt ist ein räudiger Körper. Wanda Marasco hat am Rande Neapels als Lehrerin gearbeitet.

(Foto: mauritius images)

Wanda Marasco erzählt vom magisch schönen, grausamen Charakter Neapels und seiner Bewohner.

Neapel ist ein Körper. Ein räudiger, schwitzender, faulender, stinkender Körper, und die Eingeweide sind die winzigen Erdgeschosswohnungen, Bassi genannt, in denen die ärmsten Familien hausen. Rosa muss als Dreizehnjährige ihre frisch verwitwete Mutter Vincenzina Umbriello dorthin begleiten und notieren, wer welche Schulden hat, was beglichen wurde, wie hoch die Zinsen sind und welche Summen noch fehlen. Der Wucherer, für den sie unterwegs ist, wird im Viertel verachtet, aber Vincenzina sieht keine andere Möglichkeit. Sie kommt aus einer armen Bauernfamilie, und die Schwiegereltern haben ihrem Sohn die Ehe mit ihr nie verziehen.

Unter den Bewohnern der Bassi sind das Mannweib Tetella, die Schmugglerin Sisina, der mädchenhafte Mariomaria und der Jäger Sepe, der bei der amerikanischen Flugabwehr war. Ein ums andere Mal hört die heranwachsende Rosa Geschichten von Gewalt und Tod, die sie bis in den Schlaf verfolgen.

Die Neapolitanerin Wanda Marasco, Jahrgang 1953, hat sich als Dramatikerin, Lyrikerin und Romanautorin einen Namen gemacht, war im Brotberuf viele Jahre lang Lehrerin in der Peripherie der Stadt. Große Aufmerksamkeit fand ihr Buch über den berserkerhaft-volkstümlichen Künstler Vincenzo Gemito. In ihrem Roman "Am Hügel des Capodimonte", der in die Endauswahl des wichtigsten italienischen Literaturpreises Premio Strega 2017 kam, kreist sie um eine Kindheit in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Den Rahmen bildet Vincenzinas Tod: Ihre Tochter Rosa gibt der Sterbenden ein letztes Mal etwas zu trinken, harrt gemeinsam mit der rumänischen Pflegerin am Bett aus, wäscht dann den Leichnam und kleidet ihn an. Während dieser Prozeduren spricht die Ich-Erzählerin die Mutter immer wieder direkt an und erweckt in kurzen Kapiteln die Vergangenheit schubweise zum Leben.

Zuerst wird die - nur erahnte - Geschichte der beiden Herkunftsfamilien aufgefädelt, die Gewalttaten auf dem Dorf, der ermordete Großvater, das Schicksal der Tante Iolanda, die im Irrenhaus landete. Genauso furchteinflößend ist der Arzthaushalt, aus dem ihr Vater Rafele stammt: großbürgerlich, aber geknechtet von der Mutter Lisuccia, die in der Trauer um den Verlust ihrer Tochter gefangen ist und damit alle anderen terrorisiert.

Gegen den Wunsch der Familie hält Rafele sein Wort, heiratet Vincenzina und bezieht mit ihr den obersten Stock im Vico Unghiato. Von dort aus klettert seine Frau später den Capodimonte hinunter zu den Bassi. Die eigentliche Heldin der pulsierenden Bildergalerie Marascos ist die Stadt selbst. Ein bisschen wähnt man sich wie auf einem Gemälde von Bosch - Höllenfratzen blitzen auf, Gesichter aus Albträumen, Getier, Gewimmel, Zwangsvorstellungen, von denen vor allem die Frauen heimgesucht werden, vermittelt in einer wuchernden, lyrisch-expressionistischen Sprache.

Neapel ragt bis in den Satzbau hinein; sein poröser Charakter lagert sich in flackernden Bildern ab. Da ist von "Lichtspielstrahlen" und "Sonnenfäden" an den Handgelenken der Eltern die Rede und von Buchstaben, die "zerquetschte Würmer" sind. Rosa betritt in einem Basso zwei "Zimmer aus Asche", die Luft zischt "wie ein Schuss heißes Öl". Manchmal sind die Vergleiche forciert, aber die Autorin macht den triebhaften Charakter des Milieus auch über ihre Stilmittel sinnfällig.

Wanda Marasco knüpft an eine lange Tradition an. Schon 1884 hatte die Journalistin und Schriftstellerin Matilde Serao vom "Bauch von Neapel" gesprochen und in ihren Reportagen die schimmelnden Bassi beschrieben. Curzio Malaparte setzte in "Die Haut" (1949) mit seinen Schilderungen eines Mannes, der in einem der Untergeschosse das jungfräuliche Geschlecht seiner Tochter den amerikanischen Soldaten zum Betasten feilbietet, gezielt auf grelle Effekte und die Mystifizierung des Obszönen. Näher an der Wirklichkeit war zweifellos der Besatzungsoffizier Norman Lewis mit seinem faszinierenden Lagebericht in "Neapel '44" (1978). Bei Marasco schimmert vor allem die legendäre Schriftstellerin Anna Maria Ortese durch: Sowohl, was das Sujet betrifft und die Empfänglichkeit für den gewitzten Überlebenswillen der Armen, als auch, was den Geschmack an einer barocken Erzählweise angeht. Ihr Stationendrama, das eine Art Stabat Mater ist und mit der Eröffnungsszene der sterbenden Mutter auf die neapolitanische Statue des "Cristo Velato" von Giuseppe Sanmartino anspielt, hat mit der weltweit erfolgreichen, schmissigen Neapel-Tetralogie von Elena Ferrante kaum etwas zu tun.

Wanda Marasco verzichtet auf einen eingängigen Handlungsfaden und setzt auf eine theatralische Inszenierung von Räumen und Licht. Ihr Roman weist eine ausgefeilte Metaphorik von oben und unten auf, jeder Gang über die Treppe hinunter zu den dunklen Bassi und wieder hinauf markiert einen Wendepunkt. Während die Frauen nie ihre vitale Zähigkeit verlieren, sind die Männerfiguren von Schwäche gekennzeichnet: entweder konfliktscheu und angepasst, wie Rafeles Vater, oder bequem und triebgesteuert, wie Rafele selbst. Auch die Mutter ist eine ambivalente Figur und keine Mater Dolorosa. Sie schlägt ihre Kinder und schikaniert sie. Das Verschattete von Vincenzina lässt die Autorin im Nachnamen ihrer Heldin anklingen, Umbriella, in dem das italienische Wort ombra mitschwingt. Marascos Roman ist auch ein Versuch, dem schattenhafte Dasein der armen Neapolitaner Ausdruck zu verleihen. Die Schriftstellerin kennt die Mühseligen und Beladenen Neapels wohl besser als ihr jüngerer Kollege Roberto Saviano, denn sie hat in Scampia, wo Saviano für seinen dokumentarischen Roman über die Camorra "Gomorrha" recherchierte, jahrelang als Lehrerin gearbeitet. Mit "Am Hügel von Capodimonte" schreibt sie die unendlichen, immerwährenden Erzählungen über den magischen, schönen und grausamen Charakter der Stadt fort.

Wanda Marasco: Am Hügel von Capodimonte. Roman. Aus dem Italienischen übersetzt von Annette Kopetzki. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2018. 238 Seiten, 22 Euro.