Wirbel um Tagebücher des Faschistenführers Befehle an das Pferd

Silvio Berlusconi hat sie vorab gelesen, jedenfalls zitierte er aus ihnen auf der Pariser OECD-Tagung im Mai 2010. Mit den Worten Mussolinis klagte er über eigene mangelnde Machtbefugnis: "Man sagt, dass ich Macht habe. Das ist nicht wahr, vielleicht haben meine Funktionäre Macht, was weiß ich. Ich weiß nur, dass ich meinem Pferd befehlen kann, nach links zu oder nach rechts zu schwenken. Und damit muss ich mich zufrieden geben." Armer Duce, armer Silvio.

Während Bompiani jetzt die Veröffentlichung des dritten Bandes vorbereitet, wird der Hintergrund immer verworrener. Marcello Dell'Utri verwaltet die Tagebücher, ihm gehören sie aber nicht. Bompiani zahlt Autorenrechte an die Erben Mussolinis, denen die Kalenderhefte aber auch nicht gehören. Sie haben ihre Tantiemen an einen Bauunternehmer von Prato weiter verkauft, der angeblich ebenfalls keinen Besitzanspruch hat.

Auch ist inzwischen der Blumenhändler aus Lugano, der Partisanensohn, aus der Geschichte verschwunden. Das war eine von vielen Falschaussagen, die einer kritischen Öffentlichkeit Sand in die Augen streuen sollten. Dafür steht ein geheimnisvoller "Mister X", ein "Altbesitzer" aus dem italienisch-schweizerischen Grenzort Domodossola im Streit mit mehreren Rechtsanwälten und Vermittlern im Tessin.

In der Fälschung wird Geschichte zum Geschäft, zu einem ziemlich schmutzigen sogar. Der Historiker Franzinelli kommentiert, das seien die politischen und kulturellen Symptome einer Situation des Niedergangs, "in der auch Geschichte mystifiziert und manipuliert wird". Mussolini hat Tagebücher geschrieben, das scheint sicher. Möglich ist, dass er sie kurz vor Kriegsende in Salò dem japanischen Botschafter übergeben hat, der sie an die Vertretung seines Landes in Bern weiterleitete. Dort sollen sie dann bei der Kapitulation Japans verbrannt worden sein. Aber auch diese Theorie klingt eher nach Kino als nach Wirklichkeit.

Das Thema Mussolini verkauft sich zur Zeit gut in Italien, Titel zum Faschismus boomen. Die Sehnsucht nach einer starken Vaterfigur wächst in dem Land, das offenbar jede Orientierung verloren hat und sich jetzt sogar von Berlusconi verraten fühlt. Die rechtspopulistische Mailänder Tageszeitung Libero zerstückelte den ersten Band der Bompiani-Ausgabe in 30 Folgen, legte sie dem Blatt diesen März und April bei und steigerte die Auflage erheblich.

Doch es gibt auch einen Gegenöffentlichkeit. Als Marcello Dell'Utri die angeblichen Tagebücher Mussolinis im vorigen Herbst bei den Büchertagen von Como vorstellen wollte, musste die Veranstaltung wegen wütender Proteste antifaschistischer Gruppen im Publikum abgebrochen werden.