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"Istanbul, zusehends":Flüssiges Licht

Auszeit: Die Terrasse des Pavillons am Anleger der Prinzeninsel Büyükada bei Istanbul.

(Foto: Barbara Köhler)

Im Frühjahr 2014 reiste die Schriftstellerin Barbara Köhler mit Stift und Digitalkamera an den Bosporus.

In Orhan Pamuks "Museum der Unschuld" im Istanbuler Viertel Çukurcuma findet sich neben allerlei Gläsern, Uhren und Nagelfeilen auch eine Wand mit Zigarettenkippen. Es sind genau 4213 Stummel, die dort auf einer ausgebleichten Blümchentapete fixiert sind, versehen mit Lippenstift oder den Spuren von Nikotin und flankiert von Zitaten aus dem gleichnamigen Buch. Kemal, der Held des Romans, hat sie gesammelt (und für ihn, so dürfen wir uns vorstellen, sein Erfinder Orhan Pamuk), so wie er alle Gegenstände seiner großen Liebe aufbewahrt hat, weil er nicht von ihnen lassen kann, weil sie ihn anziehen und abstoßen zugleich - und weil in diesen kleinen Dingen wie in nichts sonst die Erinnerung gespeichert ist.

Die Schriftstellerin Barbara Köhler ist so etwas wie eine geheime Verwandte von Pamuks Held. Mindestens ebenso exzessiv wie Kemal hat sie auf ihren Streifzügen durch Istanbul Dinge gesammelt. Nur dass ihre Aufmerksamkeit nicht ausgedrückten Zigaretten gilt, sondern vor allem: Augen. Den Augen der Menschen in den Straßen und den Augen von Kameras, den Augen der Medusa und den Augen von Graffiti und Nippespuppen, den Augen des Republikgründers Kemal Atatürk und den Augen der Teegläser in den Cafés - und nicht zuletzt jenen tiefblauen Glasaugen gegen den bösen Blick, die "nazarlık" heißen und die von beinahe jeder Hauswand Istanbuls grüßen. Es dürften nicht ganz 4213 Augen sein, die in diesem Buch der Sprache und der Bilder den Leser gleichermaßen in den Blick nehmen wie er sie, aber mit all ihren Brüchen und Spiegelungen könnte ihre poetische Kraft kaum größer sein.

Im Frühjahr 2014 war Barbara Köhler mit einem Stipendium für einige Wochen in Istanbul. Genauer: In Beyoğlu, im touristischen Zentrum der Stadt, dessen große Einkaufsstraße in den Taksim-Platz mündet, auf dem sich 2013 der blutige Protest gegen die Regierung Erdoğan entzündete. Es war die Zeit vor den Kommunalwahlen, mit lauten Wahlkampfbussen und fast täglichen Demonstrationen. Und mit einem unsagbar großen Aufgebot an Polizisten, Wasserwerfern und Tränengas.

So ist es nur konsequent, wenn Köhler in ihrer kleinen essayistischen "Nachbetrachtung" nicht den Pamuk'schen Weg der Liebe einschlägt, sondern ihrerseits zu einer kriegerischen Semantik greift und von einem "Nahkampf mit Distanzwaffentechnik" spricht, dem sie sich ausgesetzt sah, "bewaffnet" nur mit einer Kamera. Einer Digitalkamera, einer "besseren Knipse", wie sie schreibt, die gleichwohl das beste Instrument zum Schutz wie zur "Gegenoffensive" bot.

Mit dem Auge der Kamera auf der Suche nach Augen - so verwandelt sich die Stadt in eine "Augenstadt", mit Amuletten und blinkenden Schildern und den Linsen der Überwachungskameras, die alles registrieren. Barbara Köhler hat in Istanbul nicht nur die Knipse aus der Tasche gezogen, sondern auch den inneren Notizblock. Zwei Dutzend Gedichte sind auf diese Weise entstanden, die sich bei aller Augenkraft aber nicht der Illusion von Unmittelbarkeit hingeben.

Aus der Rückschau, "im Rückfall Einfall / aller Erinnerungen", arbeiten sich die Gedichte voran, öffnen "Pop-up-Fenster" in die Vergangenheit, auf dass sich Fragmente aus "Flickerndem" und "Flattern" zeigen. "Anbrandende Pixelwellen" verschiedenster Schichten kommen so ins Bild: orthodoxe Lebenswelten und der Mythos, die Historie und die Härte des Alltags in seiner Mischung aus Wahlwerbung und Gewalt. Mit Redewendungen, verschleppten Reimen und rhythmischen Verzögerungen spielen die Gedichte, wobei ihre Struktur, die an kleine Boxen erinnert, auch von einer ähnlichen Silbenanzahl der Zeilen lebt, die Unruhe kaum merklich immer wieder stabilisiert wird. Jene "Spiegelflächen" und "Kaleidoskope", von denen sie sprechen, lösen sie in ihrer Gestalt ein.

Und die Lust an der Konstellation verbindet die Gedichte auf wundersame Art mit den Fotografien. Einerlei, ob Barbara Köhler einen Trödelladen festhält, ein Dach oder den Blick auf den Bosporus - immer finden sich Spiegelungen und Muster im Bild, die das vermeintlich Singuläre in ästhetische Figurationen verwandeln: Ziegel und Treppenstufen, Kabel und Sesamkringel, Fenster und Häuserwände, Gläser, Uhren, selbst die Streifen auf einem Beşiktaş-Trikot verleihen Struktur, nur die Nagelfeilen fehlen. So, wie die Fotos untereinander nach Formen, Farben und Kontrasten komponiert sind, nehmen auch Text und Bild aufeinander Bezug, mal kommentierend, mal über flickernde Spiegeleffekte.

Doch Barbara Köhler hat nicht nur Dinge, sondern auch Sprache gesammelt. Hier treibt sie aus türkischen Wörtern überraschende Verbindungen und semantische Cluster hervor, dort folgt sie den Ähnlichkeiten von Lauten oder verschiebt die Buchstaben, von "blindlings" zu "bildlings", von "bluten" zu "Tulpen". Und trotz ihrer Lust an der Gegenoffensive findet sie immer wieder Momente des Flüchtigen, ja, des Schönen, einen "Pappbecher / flüssiges Licht" etwa oder eine ganze "Bosporusarabeske". Ein besseres Gegenmittel zu allen autokratischen Tendenzen als diese bewegliche Sprache mit ihrem "magischen Potenzial" lässt sich kaum denken.

Barbara Köhler: Istanbul, zusehends. Gedichte, Lichtbilder. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2015. 88 Seiten, 18,90 Euro.