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Israelische Schriftstellerin:Liebeslektüre für die Kampfpause

Portrait of Dorit Rabinyan mai 2016 Photographie PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY Copyright Leon

Will als Autorin nicht provozieren, sondern "Fragezeichen setzen": Dorit Rabinyan.

(Foto: imago/Leemage)

Dorit Rabinyans Roman "Wir sehen uns am Meer" über die Liebe zwischen einer Israelin und einem Palästinenser sorgt in Israel für Aufregung - aber auch für positive Gefühle.

Ich bin eine Patriotin", sagt Dorit Rabinyan, und sie sagt es sehr entschieden. Als Patriotin hat sie einen Liebesroman geschrieben, doch weil es nicht so einfach ist mit der Liebe und dem Patriotismus in Israel, spielt der Roman im fernen New York. Dort treffen und verlieben sich die Protagonisten Liat und Chilmi, dort verleben sie gemeinsam einen sehr kalten und natürlich heißblütigen Winter. Mehr als zwei braucht es eigentlich nicht für die Liebe. Diese beiden allerdings sind nie allein.

Denn Liat, die Übersetzerin, stammt aus Israel und Chilmi, der Maler, ist Palästinenser. Es ist also eine Liebe in den Zeiten des Nahost-Konflikts, Liat und Chilmi stehen stets auch für ihre beiden Völker - und dass dies nicht nur im Roman, sondern auch im wirklichen Leben sehr kompliziert werden kann, hat Dorit Rabinyan schnell erfahren.

Das Buch wurde von den Lektürelisten der Schulen gestrichen - es sei gefährlich

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Denn sie hat in Israel einen veritablen Skandal ausgelöst mit ihrem Buch, und dieser Skandal begleitet den Roman bis hin zur deutschen Ausgabe, die gerade unter dem Titel "Wir sehen uns am Meer" (Verlag Kiepenheuer & Witsch, 384 Seiten, 19,99 Euro) erschienen ist. Auf dem Buchrücken wird neben einem hymnischen Lob von Amos Oz für diesen "präzisen und eleganten Liebesroman" auch damit geworben, dass das Werk "in Israel von der Lektüreliste der Schulen gestrichen" wurde. Warum das tatsächlich eine Empfehlung sein kann, erschließt sich nur im Kontext der aktuellen israelischen Politik. Aus dem Erziehungsministerium nämlich hieß es zur Begründung, dass die Jugendlichen vor der "Gefahr der Assimilierung geschützt" werden müssten. "Intime Beziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden bedrohen die getrennten Identitäten."

Noch heute, ein halbes Jahr später, ist Dorit Rabinyan fassungslos ob dieses Diktums. Sie kommt gerade von der Pilates-Stunde, doch mit der inneren Ausgeglichenheit ist es schnell dahin, wenn sie von der rechten Regierung redet: vom Erziehungsminister Naftali Bennett, diesem "Großsprecher", von Premier Benjamin Netanjahu, "dem Tyrannen, der sich als Demokrat verkleidet". Dabei könnte sie den beiden sogar dankbar sein, denn am Ende haben sie sich verdient gemacht um dieses Buch: 25 000 Exemplare waren in den ersten 18 Monaten nach Erscheinen verkauft worden, noch einmal 25 000 in nur drei Monaten nach dem Skandal. Die Regierung hat das zudem preisgekrönte Werk zum Bestseller gemacht im kleinen Israel, und dieser Ruhm eilt ihm voraus bei der Übersetzung in nunmehr 18 Sprachen.

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Es ist Rabinyans dritter Roman, und auch die anderen beiden - "Die Mandelbaumgasse" (1998) und "Unsere Hochzeiten" (2000) - waren Erfolge. Doch bei diesem Buch hängt über dem Erfolg stets der Schatten des Skandals. Der Schock über den Angriff von rechts sitzt tief bei Dorit Rabinyan - weil sie Patriotin ist und weil sie Literatin ist. Als Patriotin nimmt sie den Kampf auf, der in Israel auf allen Ebenen tobt zwischen den Rechten und den alten Linken. Sie selbst ordnet sich dem linken "Friedenslager" zu, schwärmt von dem vor mehr als 20 Jahren ermordeten Premier Jitzchak Rabin. "Ich bin bei Demonstrationen mitgelaufen, seit ich 14 bin", sagt die 43-Jährige, "immer unter dem Slogan, dass Juden und Araber sich weigern, Feinde zu sein." In diesem Geist hat sie auch ihre Romanfiguren angelegt: Die friedensbewegte Liat trifft auf Chilmi, einen durch und durch liebenswürdigen Araber, mit dem sich jeder identifizieren kann. Für die Rechten ist genau das wohl der Gipfel der Provokation.

Als Literatin aber will sie gar nicht provozieren, sie will beobachten und beschrei-ben, "Fragezeichen setzen statt Ausrufezeichen". Dorit Rabinyan sieht ihr Buch nicht als politisches Statement. "Das ist eine sehr intime Geschichte, eine Love Story", sagt sie. "Der ganze Skandal reflektiert mehr die Zeichen der Zeit als meine künstlerische Arbeit."