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Islamophobie:Litanei der Ausgrenzung

Ein Bericht über den Umgang mit Muslimen in 25 Ländern zeigt: Islamophobie ist in ganz Europa erschreckend hoch. Menschen werden allein aufgrund ihres islamischen Glaubens diskriminiert und attackiert.

Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Wie soll man diesen Satz deuten, den die Alternative für Deutschland in ihr Parteiprogramm übernommen hat? Und die mehr oder weniger diffamierenden Wortmeldungen zu dieser Religion auf dem jüngsten Parteitag? Als Ausdruck von Skepsis, Besorgnis, Gegnerschaft, Kritik? Oder von Feindschaft, wofür vieles spricht?

Dann würde man die Terminologie der Wissenschaftler verwenden, die am Dienstag in Brüssel den "europäischen Islamophobie-Bericht 2015" vorstellten. Die Autoren wollen künftig regelmäßig ein aus ihrer Sicht in Europa sträflich ignoriertes Phänomen belichten, dessen bloße Existenz vielerorts noch immer bestritten werde.

Präsentiert wurde der Bericht im Herzen der EU, im Europäischen Parlament, am internationalen Tag der Pressefreiheit. Dahinter steckt natürlich ein Motiv, das klarer wird, wenn man weiß, dass als Auftraggeber die regierungsnahe türkische Denkfabrik Seta fungiert.

Die Türkei, der ungeliebte neue Partner der EU, steht gerade sehr in der Kritik für ihren Umgang mit Journalisten; umso willkommener die Gelegenheit, den Spieß mal umzudrehen. Aber zum einen wurde die Untersuchung schon lange vor der jüngsten europäisch-türkischen Kooperation gestartet, und zum anderen entwertet dieser Hintergrund die Erkenntnisse keineswegs.

Denn schmeichelhaft für Europa ist es nicht, was auf den mehr als 500 Seiten über den Umgang mit Muslimen in 25 Ländern ausgebreitet wird. In einem erschreckend hohen Ausmaß wurden Menschen allein aufgrund ihres islamischen Glaubens ausgegrenzt, diskriminiert und attackiert.

Das reicht von verbalen und physischen Übergriffen bis zu Brandanschlägen auf Moscheen. "Islamophobie ist 2015 eine unbestreitbare Kraft in der deutschen Gesellschaft geworden", schreibt Anna-Esther Younes, die den Part über Deutschland verantwortet.

Sicher, der Anstieg solcher Vorkommnisse hat mit den Pariser Attentaten zu tun, die von Muslimen unter Berufung auf mutmaßliche islamische Lehren verübt wurden, und mit der Vielzahl von muslimischen Flüchtlingen, durch deren Ankunft sich viele Menschen überfordert und bedroht fühlen.

Aber das macht die Angriffe nicht akzeptabler in Gesellschaften, die sich eigentlich einem friedlichen Miteinander der Religionen verschrieben haben. In Frankreich, Belgien oder den Niederlanden ist die Lage ausweislich des Berichts nicht besser. In Osteuropa funktioniere Islamfeindlichkeit sogar "ohne Muslime".

Islamophobie oder "antimuslimischer Rassismus" müsse endlich genauso große Beachtung finden wie Antisemitismus, fordern die Autoren. Das müsse sich auch im Strafgesetz und in der Kriminalstatistik widerspiegeln. Denn viele Daten über islamfeindliche Vorfälle würden von den Behörden gar nicht als solche erfasst.

Gibt es denn keinen Lichtblick angesichts dieser Litanei der Ausgrenzung? Vielleicht diese Nachricht, die nicht im Bericht steht: In London hat ein Muslim am Donnerstag beste Aussichten, zum Bürgermeister gewählt zu werden. Das ist kein großes Thema? Eben.