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Islam:Warum der Sufismus gar nicht so friedlich ist

Der türkische Staatsgründer Atatürk verbot einst die Sufi-Orden und die Derwische. Heute dürfen sie wieder tanzen. Detail aus der Fotoarbeit "Sema".

(Foto: Regina Schmeken)

Die Glaubensrichtung ist für viele Anhänger im Westen der liberalere Islam. Das ist ein Missverständnis.

Vom Anfang des 18. bis weit ins 20. Jahrhundert genoss die islamische Kultur einen ansehnlichen Ruf. Davon ist kaum etwas übrig geblieben. Allein der Sufismus, also die islamische Mystik, scheint noch davon zu zehren. Bereits Goethe hatte den mystischen Aspekt des Islam positiv hervorgehoben. Während der österreichische Orientalist Joseph von Hammer-Purgstall den persischen Klassiker Hafis als weinseligen Liebesdichter übersetzte, erkannte Goethe in Hafis die "mystische Zunge". Vom Pantheismus Spinozas geprägt, fand Goethe leichten Zugang zum Wechselspiel von Spiritualität und Weltlichkeit, das Hafis zur Meisterschaft entwickelt hatte. Seither gilt im Westen die liebestrunkene islamische Mystik als positives Gegenbild zu Orthodoxie und religiöser Engstirnigkeit.

Dieses nicht falsche, aber einseitige Bild hat sich bis in die Gegenwart gehalten und in die islamische Welt zurückgewirkt. Die Bewegung des türkischen Predigers Fethullah Gülen verweist gern auf ihre Anleihen beim Sufismus, was ihre ansonsten eher orthodoxe religiöse Orientierung gut kaschiert. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan macht Gülen für den Putschversuch vor einigen Wochen verantwortlich und verfolgt echte und vermeintliche Anhänger unnachsichtig. Früher aber waren beide Weggefährten. Zusammen mit Erdoğan soll Gülen eine Zeit lang den im türkischsprachigen Teil Zyperns wirkenden Sufi-Meister des Naqschbandia-Ordens, Scheich Nazim, frequentiert haben. Scheich Nazim, so wird kolportiert, habe Erdoğans neuosmanische Visionen jedoch nicht teilen wollen, sodass sich ihre Wege bald trennten.

Interessant ist die Geschichte auch deshalb, weil sich Scheich Nazims Wirken seit jener Zeit vorwiegend nach Westen verlagerte und sein mystischer Orden heute auch in Deutschland zahlreiche Anhänger hat, und zwar unter Deutschen und Türkischstämmigen gleichermaßen. Seit Nazims Tod 2014 wirkt sich die Verschärfung des politischen Klimas in der Türkei auch auf die verschiedenen Untergruppen des Ordens aus. Der Streit besteht dabei vor allem zwischen den eher konservativen Erdoğan-Unterstützern und jenen Ordensmitgliedern, die der progressiven Richtung zuneigen, welche Nazim selbst vertreten haben soll. Dies betrifft etwa die Frage, in welcher Form die zahlreichen weiblichen Anhänger am sogenannten Zikir teilnehmen dürfen, dem gemeinschaftlichen rituellen Gottgedenken, das oft ekstatische Züge annimmt.

Ein Sufi-Orden ist kein Mönchsorden. Eher schon eine politische Partei

Man sieht an diesem Beispiel, dass Sufismus mehr und meist anderes ist, als das, was man im christlichen Bereich unter "Mystik" versteht. Ein Sufi-Orden ist keine sich von der Welt abschließende Gemeinschaft wie ein christlicher Mönchsorden. Eher ähnelt die Mitgliedschaft darin der in einem Sportverein oder einer politischen Partei, nur eben mit religiöser Ausrichtung. Was viele Menschen im Westen daran anzieht, ist nicht zuletzt das erwähnte spirituelle Gemeinschaftserlebnis im Zikir, welches einmal in der Woche die Adepten aus ihrem Alltag hebt.

Indem die Sufi-Orden ihre Mitglieder einbinden und spirituell betreuen, kommt ihnen eine wichtige gesellschaftspolitische Funktion zu. Man dächte, sie wären die idealen Orte, um die psychisch instabilen, islamisch indoktrinierten Menschen aufzufangen, die für die Terrorpropaganda des sogenannten Islamischen Staates empfänglich scheinen. Doch leider schwindet in der islamischen Welt die Anziehungskraft des Sufismus, während der mit saudischem Geld finanzierte Salafismus zunehmend auch die spirituelle Führerschaft beansprucht.

Die Konkurrenz von Sufismus und Salafismus hat eine lange Geschichte. Mohammed Abdul Wahhab gründete im 18. Jahrhundert den Wahhabismus, jene besonders rückständige Spielart des Islam, die heute in Saudi-Arabien und Katar eine Art Staatsreligion ist. Schon damals verwüsteten Wahhab und seine Nachfolger auf der arabischen Halbinsel und im Irak die Gräber der sufischen Heiligen — sogar in der Prophetenstadt Medina. Auch gegenwärtig richten sich zahlreiche Anschläge des IS und al-Qaidas gegen den sufischen Gräberkult, vor allem in Pakistan, wo die Sufis traditionell großen Einfluss haben und manche Heilige von Muslimen und Hindus gleichermaßen verehrt werden.

In Algerien und Libyen kämpften die Sufi-Orden gegen die Kolonialmächte

Der Vorwurf der islamischen Orthodoxie und des Salafismus gegen die sufische Heiligenverehrung lautet auf Vielgötterei. Tatsächlich werden die sufischen Heiligen verehrt wie vergleichbare christliche, was zusammen mit dem allgegenwärtigen Glauben an die Wundertaten dieser Heiligen jedem aufgeklärten Menschen als Aberglauben gelten muss. Und so seltsam es aus westlicher Perspektive erscheint: Der Salafismus versteht sich als aufklärerische Bewegung und zieht gerade deswegen gegen den Sufismus zu Felde.

Den westlichen Kolonialmächten hingegen waren die Sufi-Orden ein Dorn im Auge, weil sich aus ihren Kreisen häufig Keimzellen des antikolonialen Kampfes herausbildeten. So war es der Sufi-Emir Abdelkader, der in den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts den ersten umfassenden militärischen Widerstand gegen die Franzosen in Algerien organisierte. In der Ostsahara, vom heutigen Libyen bis in den Sudan, gelangte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Sanusija-Orden zu großer Macht. Der letzte, 1969 von Gaddafi abgesetzte, libysche König war zugleich das Oberhaupt dieses Ordens.

Nach der Gründung der türkischen Republik wurden die Sufi-Orden von Kemal Atatürk verboten — sogar die hochberühmten, auf den Dichter Rumi zurückgehenden tanzenden Derwische. Vordergründig geschah dies, weil sie in das moderne Gemeinwesen, das Atatürk schaffen wollte, nicht zu passen schienen. Aber Atatürk erkannte in ihnen auch subversive Strukturen, die sich anders als der von ihm aufgebaute offizielle türkische Islam (auf den sich heute auch Erdoğan stützt) dem absoluten Anspruch des neuen, säkularen Staates widersetzten.

Handke, Trojanow, Kermani - viele Autoren liebäugeln mit der islamischen Mystik

Das Bild der islamischen Mystik als Gegner von Salafismus und Orthodoxie stellt sich somit komplexer dar, als es aus westlicher Perspektive erscheint. Weder ist der Sufismus apolitisch, noch im westlichen Sinn progressiv. Auch unter Sufis finden sich Salafisten, andere mystische Bruderschaften erlangten geradezu staatstragende Bedeutung. Zahlreiche islamische Herrscher haben sich mit den Sufis verbündet und den Gräberkult gefördert. Die bis heute existierende Grabmoschee des aus Andalusien stammenden Mystikers Ibn Arabi in Damaskus zum Beispiel wurde von den Osmanen im 16. Jahrhundert errichtet, um ihren Machtanspruch über Syrien durchzusetzen. Zugleich sicherte man sich so die Loyalität der zahlreichen Anhänger Ibn Arabis.

In Indien wurde die Verbindung von Macht und Mystik mithilfe der Miniaturmalerei zelebriert, welche die Mogulherrscher oft in der Gesellschaft von Derwischen zeigte. Im Sudan kämpfte die Mehdi-Bewegung lange erfolgreich gegen die Briten, noch im Zweiten Weltkrieg sahen die Spezialisten der Wehrmacht die messianische, einem Sufi-Orden ähnelnde Bewegung als ernste Gefahr für den europäischen Herrschaftsanspruch. Davon abgesehen, hielten die Orientalisten des Deutschen Reichs den Islam für harmlos.

Heute scheint es dagegen so, als sei der Islam die Drohung und der Sufismus die Rettung — nicht nur für den Islam (vor sich selbst), sondern auch für den Westen vor der spirituellen Verarmung. Zahlreiche deutsche Autoren der Gegenwart machen keinen Hehl aus ihrer Nähe zum Sufismus — Ilija Trojanow, Christoph Peters, Navid Kermani und Peter Handke sind nur die bekanntesten.

Findet hier noch ein echter Dialog mit der mystischen Tradition statt?

Dass die Inspiration durch sufische Texte und Weltbegegnungsweisen die Literatur bereichert, wusste eben nicht nur Goethe. An die westlichen Anhänger des Sufismus, und zwar ebenso an jene, die sich für praktizierende Orden interessieren (die Mitgliedschaft bedeutet unweigerlich, dass man sich zum Islam bekennt), wie an den gleichsam feuilletonistischen Sufismus der Kultur, müsste man jedoch andere Fragen stellen: Findet hier noch ein echter Dialog mit der mystischen Tradition statt oder dient diese nur dazu, den eigenen labilen Seelenhaushalt auszuschmücken oder auch zu stabilisieren, ohne ansonsten ernsthafte Konsequenzen für Lebensführung und Weltsicht zu zeitigen?

Der Publizist Stefan Weidner, vielfach als Kenner der islamischen Kultur hervorgetreten, ist Gründungsmitglied der Kölner Akademie der Künste der Welt.

© SZ vom 06.08.2016/muth

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