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"Isi & Ossi" auf Netflix:Fack ju Brecht

Filmstills

Ungleiches Paar: Dennis Mojen als "Ossi" kommt wirklich aus dem Osten, Lisa Vicari als "Isi" ist ein superreiches Millionärstöchterchen aus Heidelberg.

(Foto: Netflix)

Wissen Netflix' Algorithmen besser, was die Deutschen wirklich sehen wollen? "Isi & Ossi" von Oliver Kienle überbrückt alle Gräben, nur die Reichen sind blöd.

Früher hieß es, im Dunkel des Kinosaals komme das kollektive Unbewusste ans Licht. Heute gibt es Netflix. Der Streaminganbieter protokolliert haargenau, was seine Zuschauer mögen, auf Grundlage dieser Daten produziert er eigene Serien und Filme, auch in Deutschland. Man könnte also - zugegeben, etwas überspitzt - sagen: Netflix weiß, was die Deutschen wollen. Das wissen Google, Facebook und die NSA auch, aber die drehen keine Filme.

Nach den ersten deutschen Netflix-Serien ergab sich das Bild eines düsteren, kriminellen, verstrahlten Landes: Die Deutschen interessieren sich offenbar für Atomkraft ("Dark"), für Gangster ("Dogs of Berlin"), Gangsterrapper ("Skyline") und Drogenverkäufer im Darknet ("How to Sell Drugs Online (Fast)"). Steht es wirklich so schlecht um die Bundesrepublik? In "Isi & Ossi", dem ersten Spielfilm, den Netflix in Deutschland (von den Veteranen von X-Filme) produzieren ließ, geht es nun darum, warum alle hier mal chillen sollten.

Der aus Brandenburg stammende Proll Oscar - Spitzname: "Ossi", Marke: große Fresse, großes Herz - trifft in einem ranzigen Burgerladen das schöne und stinkreiche Heidelberger Töchterchen Isi, das unbedingt mit ihm ausgehen möchte. Die feine Dame wolle einfach mal zur Abwechslung einen richtigen Assi, vermutet er, aber er vermutet falsch, denn die Traumfrau will damit ihre Eltern unter Druck setzen. Die elitären Stinkstiefel sollen ihr Erbe frühzeitig freigeben, ohne dass Isi vorher studieren muss, auf studieren hat sie nämlich keinen Bock. Ossi wiederum braucht dringend Geld, um bei einem Boxkampf antreten und damit endlich seine Profikarriere starten zu können. Es dauert natürlich nicht lang, bis Isi Ossis sensible, kluge Seite entdeckt. Also meldet sie an: "Kannst du mich bitte richtig asozial küssen?"

Wessi und Ossi, Isi und Ossi, werden also endlich versöhnt - "richtig asozial" per Zungenkuss, und mit Penisbildern, neudeutsch dick pics, denn "ein dick pic ist eine ehrliche Sache, da weiß jeder, was er kriegt". Solche würzigen Dinge stehen im Drehbuch, das Regisseur Oliver Kienle geschrieben hat. Die deutsche Komödie liebt ja solche schreiend überzeichneten Pünktchen-und-Anton-Geschichten, in denen die Reichen mit abgespreiztem Finger am Schampusglas französische Fremdwörter aufsagen, bis endlich erlösend ein grundsolider Macho auftaucht. Das hat oft neben einer typisch deutschen Spielart von Elitenhass auch mit einem latenten Sexismus zu tun, so auch hier. Isis Vater ist eine Seidenkrawatten tragende Memme - der Reichtum ist also weibisch und das Weibische ist im Umkehrschluss unehrlich, schwach, lächerlich, kurz: das Gegenteil von Ossi, der sagt: "Die Reichen wissen nicht, wie man Party macht."

Wer Geld hat und eine Memme ist, darf hier für seinen Lebensstil verspottet werden

Ossis Opa hingegen weiß das. Er kommt irgendwann aus dem Knast, wo er wegen saudämlich ausgeführten Raubüberfällen einsaß. In Freiheit pinkelt er erst einmal an eine Zapfsäule der Tankstelle seiner Tochter und schimpft über "Kanaken". Dann aber beweist er, dass er doch was in der Birne hat, als er bei einem Freestyle-Rap-Duell seinem Gegner klarmacht: Klar sei er ein alter Sack, "ich geb dir recht, weil ich deine Oma gefickt hab zur Zeit von Bertolt Brecht". Ein Gangsterrapper im deutschen Netflix, mal ganz was Neues.

Kienle macht also einen zuletzt schon sprichwörtlich gewordenen alten, weißen Mann zum Gangsterrapper - um ihm schließlich hinter dem unflätigen Mundwerk ebenfalls ein goldenes Herz zu attestieren. Der Film hackt also angenehmerweise auf niemandem rum, außer auf den Reichen. Die können es sich immerhin leisten, für ihren Lebensstil verspottet zu werden. So überbrückt "Isi & Ossi" fast alle in Deutschland auffindbaren gesellschaftlichen Gräben - zwischen Ost und West, Jung und Alt, "Kartoffeln" und "Kanaken" - indem die gegnerischen Lager gegen einen gemeinsamen Feind in Stellung gebracht werden: das Geld.

Wenn es das ist, was Netflix in seiner Datenkristallkugel über Deutschland gelesen hat, besteht vielleicht doch noch Hoffnung.

Isi & Ossi, D 2020 - Regie und Buch: Oliver Kienle. Kamera: Yoshi Heimrath. Mit Lisa Vicari, Dennis Mojen, Christina Hecke. Auf Netflix ab 14. Februar.

© SZ vom 13.02.2020
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