Isak Samokovlija Letztes Jahr in Sarajevo

Vor den großen Kriegen war der Balkan noch ein Unterschlupf: Erzählungen aus der untergegangenen Welt der bosnischen Sepharden.

Von Volker Breidecker

Schlüssel, die in kein Schloss mehr passen, hütet das Jüdische Museum von Sarajevo an seinem Standort in der Alten Synagoge aus dem 16. Jahrhundert. Die Schlüssel stammen aus dem Fluchtgepäck sephardischer Juden, die nach ihrer Vertreibung 1492 aus Spanien in den Städten des Osmanischen Reichs Asyl gefunden hatten: Es waren die Türöffner zu ihren verwaisten Häusern auf der Iberischen Halbinsel, wo Sepharden 1500 Jahre lang heimisch waren. In alle Welt verstreut, bewahrten sie auch in der Diaspora ihre kulturellen Bindungen. Als Symbole der Erinnerung und des Traums, eines Tages nach al-Andalus zurückzukehren, wurden die Schlüssel von Generation zu Generation weitergereicht.

Der Sepharden "portatives Vaterland" (Heinrich Heine) war die ererbte Sprache - das altkastilische Spanisch, auch "Spaniolisch" genannt -, in der sie ihre Erzählungen und Legenden, ihre Gebete und Lieder fassten: "Yo pasi por la tu guerta, / Tu estavas en la puerta / Ta saludi, / tu fuites ..." sind Verse eines über den Balkan und den gesamten Mittelmeerraum verbreiteten Lieds in einer dialektalen Variante, mit der Sarajevos Juden sich auch im Alltag untereinander verständigten, neben dem Bosnischen, Serbokroatischen, Hebräischen und Türkischen - in deutscher Übersetzung: "Ich ging vorbei an deinem Garten, / du standest an der Pforte, / ich grüßte dich, du liefst fort ..."

Die in der verdienstvollen Reihe "Weltlese" erschienenen acht Meistererzählungen des bosnisch-jüdischen Dichters Isak Samokovlija (1889-1955) lassen mehrere solcher Lieder, begleitet von Saiten-, Tamburin- und Flötenklängen, hoch über Sarajevos Häuser und Höfe fliegen. Es sind ummauerte Höfe, die mit ihren Gärten, Zisternen und Brunnen noch immer an iberische Patios erinnern, oder auch an den umschlossenen Garten aus dem Hohelied: "Wunderliche Lieder waren das, Lieder, weit von hier entstanden, endlose Ebenen in sich bergend, abendliche Stille und unerreichbare Ferne ..." Die Erzählungen stammen aus dem Bosnischen und sind doch - durchmischt mit türkischen und serbischen Lehnworten - voller Einsprengsel aus dem Judäo-Spanischen. Die Übersetzung belässt solche Idiome zum Glück im Original und erläutert sie in einem Glossar: "Azno" steht für "Esel", "Loceseste" für "Narr", "triste di me" für "ich Unglückliche", "querida mia" für "meine Liebe"; und neben "Sinjor" und "Sinjora" besticht die Poesie von Eigennamen wie Simha, Sumbula Luna, Pardo, Papuco und Aula, oder auch von Versen wie: "Fata, schönes Kind, komm zur Tür geschwind ..."

"Kommen Sie mal nach Sarajevo zum Passah. Sie werden es sehen! Kommen Sie, sagen Sie, ich habe Sie eingeladen": Als wolle er die ganze Welt einladen, von der er noch nicht wusste, dass sie dem Untergang der einst vielsprachigsten, multikonfessionellsten und multiethnischsten Stadt Europas künftig - 1941 bis 1944 und 1991 bis 1994 - tatenlos zusehen würde, adressiert Juso, der Held der Titelgeschichte, den Erzähler: Mit seinem "Laden", der aus nichts als "zwei, drei kleinen Kisten und hin und wieder einem Pappkarton" besteht, zieht jener gottesfürchtige Kleinhändler von Markt zu Markt. Nur am Sabbat fällt er auch für die Synagoge aus, weil er sein armseliges Dasein bereits am Vorabend in Schnaps ertränkt hat. Doch wie alle Figuren, von denen Samokovlija erzählt und die dem Leser buchstäblich ans Herz wachsen, bewahrt auch Juso bei allen Unbilden des Lebens die Würde.

Nach Art eines orientalischen Diwans organisiert Samokovlija die geschilderten Stoffe und Figuren zu raffiniert vielstimmigen, zuweilen mehrfach verschachtelten Binnenerzählungen innerhalb einer zumeist als mündliche Erzählsituation vorgestellten Rahmenhandlung. Grund dafür ist die Biografie des Autors, den sein Landsmann Ivo Andrić "unseren Tschechow" nannte: Wie dieser oder wie seine Wiener und Berliner Zeitgenossen Arthur Schnitzler und Alfred Döblin war Samokovlija von Beruf Arzt, wie auch schon die legendären sephardischen Vorgänger Maimonides und Jehuda Halevi. Studiert in Wien, in Sarajevo niedergelassen, besaß er die Gabe aufmerksamen Zuhörens und genauen Hinsehens. Die Feder des Dichters wusste er dabei so sicher zu handhaben wie die Instrumente des Arztes, der seinen Patienten unter die Haut und tief in die Seele blickt. Und neben ihren Sorgen und Nöten, ihren Wehen und Wehwehchen wird er ihnen so manche Geschichte abgelauscht haben.

Entstanden zwischen den 1920er- und 1950er-Jahren, überspannen die Erzählungen den Zeitraum dreier Generationen und reichen etwa vom Beginn der österreichisch-ungarischen Vorherrschaft über Bosnien-Herzegowina bis in die unmittelbare zweite Nachkriegszeit des vorigen Jahrhunderts. Sie zeugen vom menschlichen Reichtum und der ganzen Armut einer untergegangenen Welt. Unter dem Terror der kroatisch-faschistischen Ustascha, die nach dem deutschen Überfall und Einmarsch im April 1941 die Macht im vormaligen Königreich übernahm, wurde die sephardisch-jüdische Enklave Bosniens und Sarajevos vollständig ausgelöscht.

Nur wenige Hundert von den etwa 10 000 Juden Sarajevos überlebten die Schoah, zumeist als Partisanen. Im Bürgerkrieg der 1990er-Jahre wurden die wenigen Rückkehrer durch die Aussiedlung ihrer vieler Familien und Gemeindemitglieder nach Israel nochmals dezimiert. Ausgerechnet auf dem der Altstadt nächstgelegen Hügel, inmitten der Gräberfelder des uralten sephardischen Friedhofs, hatten die Scharfschützen und die Artillerie der bosnischen Serben ihre Stellungen bezogen und schossen von hier aus auf alles, was sich in der Stadt bewegte.

Isak Samokovlija: Der Jude, der am Sabbat nicht betet. Erzählungen. Aus dem Bosnischen übersetzt von Matthias Jacob und mit einem Nachwort von Dževad Karahasan. Edition Büchergilde, Frankfurt am Main 2018. 316 Seiten, 25 Euro.