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Rezension von Isabelle Graws Buch "In einer anderen Welt":Epiphanien des Alltags

Isabelle Graw gibt die Zeitschrift "Texte zur Kunst" heraus und lehrt an der Städelschule.

(Foto: Josephine Pryde)

In ihrem Denktagebuch übt sich die Kunsttheoretikerin Isabelle Graw in pointierter Zeitgenossenschaft. Und erliegt dabei nicht dem Hang des Genres zur Egomanie.

Von Jens-Christian Rabe

Das Denktagebuch ist eine riskante intellektuelle Form, wenn man es zum Buch macht und veröffentlicht. Das Prinzip, sich eine Weile ernsthaft, aber fragmentarisch Gedanken über alles zu machen, was einem der Tag so zufällig vor die Augen und ins Hirn spült, zwingt, wenn man kein weltabgewandter Einsiedler sein möchte, zu absoluter Zeitgenossenschaft. Dabei besteht ständig die Gefahr, dass Banalitäten aller Art geboren werden, denn im besten Fall interessiert einen ja das, was neu erscheint mehr als das längst Bekannte. Über das Neue jedoch muss notgedrungen ungesicherter nachgedacht werden. Wenn es gelingt, kann sich dafür auch einstellen, was selten ist: gedankliche Originalität bei maximaler Zugänglichkeit der Gegenstände des Nachdenkens. Adornos "Minima Moralia" oder Roland Barthes "Mythen des Alltags" sind so zu raren intellektuellen Bestellern geworden.

Jetzt hat sich Isabelle Graw in ihrem neuen Buch "In einer anderen Welt" an der Form versucht, Professorin für Kunsttheorie an der Frankfurter Städelschule und seit vielen Jahren Herausgeberin der Zeitschrift "Texte zur Kunst". In 160 meist bloß eine Seite langen Kapiteln, geht es um alles, also von Körperhaaren, Kunstmarkt, Ehe, Liebe, Rassismus, sexueller Belästigung und Biopolitik auf Ibiza bis zur Band Daft Punk, Madonna, die Sendung "Germany's Next Top Model", Zeh-OPs und "Linke Männer".

Isabelle Graw: In einer anderen Welt - Notizen 2014-2017. Dr. Cantz'sche Verlagsgesellschaft, Berlin 2020. 200 Seiten, 26 Euro.

Entstanden ist der Band schon in den Jahren 2o14 bis 2017, was gerade im Moment unendlich lange her erscheint, Graw bringt trotzdem das Kunststück fertig, dass man sich doch immer sehr im Hier-und-Jetzt fühlt, was ganz nebenbei im Corona-Hier-und-Jetzt sehr tröstlich ist. Man mag so lange nicht mehr mit dem Hin-und-her-Springen aufhören, bis man plötzlich feststellt, dass man das Buch ja schon durchgelesen hat. Auf fast jeder Seite finden sich gedankliche Epiphanien unterschiedlicher Art und Größe. Zu der Beobachtung, dass sie selbst inzwischen das Waxing, also die Entfernung von Scham-, Bein- und Achselhaaren ganz erholsam findet: "Einmal mehr zeigt sich, wie es dem kulturellen Kapitalismus gelingt, unser Selbstverständnis und unser Erleben so zu formen, dass sich eine eigentlich schmerzhafte Prozedur in ein als angenehm empfundenes Erlebnis verwandelt."

Hier zeigt sich im Übrigen, schon ganz am Anfang des Bandes, die große Stärke der Notizen Graws: Sich selbst als Gegenstand der Kritik nicht vornehm (oder überheblich, wie oft bei männlichen Versuchen dieser Art) auszusparen, ohne aus dem Denken jedoch eine große Ego-Nummer draus zu machen.

Besonders gekonnt und bedenkenswert gelingt es im Stück über die Paulskirchen-Rede gegen Populismus, Rassismus, Sexismus und Homophobie der Publizistin Carolin Emcke, mit der Graw offensichtlich - sie nennt sie im Text nur mit ihrem Vornamen - befreundet zu sein scheint: "Bei Ihrem Auftritt ist mir aber auch ein Aspekt aufgefallen, den ich oft bei Linken (auch bei mir selbst) beobachtet habe: Ich meine den Hang, sich im Recht und überlegen zu wähnen. (. . .) In ihrer Rede gab es eine Tendenz zu einfachen Polarisierung (. . .) . Man fühlte sich an eine protestantische Predigt erinnert, die die Gemeinde dazu bekehren will, mutiger zu sein und dem Hass entschlossener entgegenzutreten. Zwar ist sachlich nichts gegen einen solchen Aufruf einzuwenden, aber der Hass liegt in dieser Perspektive immer außerhalb, bei den anderen, ,bösen', während das ,Gute' der eigenen Position außer Frage zu stehen scheint."

© SZ/masc
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