Jiddische Literatur Tschechow im Schtetl

Ein stacheliges Werk: Suhrkamp legt die Romane des Nobelpreisträgers Isaac Bashevis Singer neu auf. Zum Auftakt gibt es eine Premiere, den Fortsetzungsroman "Jarmy und Keila".

Von Fabian Wolff

Isaac Bashevis Singer im Jahr 1968, damals noch Autor des „Daily Jewish Forward“.

(Foto: Michael Ochs Archives/Getty Imag)

Alles stirbt, das ist ein Fakt, der für Zeitungen doppelt und dreifach gilt. Trotzdem fühlte es sich ganz pathetisch wie das Ende einer Ära an, als vor ein paar Monaten die gedruckte Version des Forverts eingestellt wurde. Im Januar dieses Jahres erschienen die letzten Printausgaben der jiddischen Zeitung aus New York und seines englischsprachigen Ablegers mit weitaus größerer Reichweite, dem Forward, der längst das Attribut "Daily" verloren hatte. Die Geschichte des Forverts reicht zurück ins Jahr 1897 und steht für ein lebendiges und linkes jiddisch-immigrantisches New York - und für eine Literatur aus den Engen der Schtetl, Halb-Ghettos und Slums, die inzwischen Weltrang hat. Isaac Bashevis Singer, der jiddische Tschechow, schrieb bald nach seiner Ankunft in New York 1935 als Kolumnist für die Zeitung und veröffentlichte noch im hohen Alter Fortsetzungsromane im Blatt.

In dieser Form erschien auch der Roman "Jarme un Keile" vom Dezember 1976 bis zum Oktober 1977 (bzw. dem 17. Kislev 5737 bis zum 25. Tishrei 5738) und kommt jetzt, mehr als 40 Jahre später, erstmals in deutscher Übersetzung im Jüdischen Verlag von Suhrkamp. Der lange Weg passt zum großen Bogen des Romans, der in Warschau beginnt und in New York endet.

Es ist also 1911, gerade wurde Pjotr Stolypin in Kiew von einem Revolutionär ermordet. Die Zeiten in der Krochmalna-Straße in Warschau sind hart, das Geld ist knapp, aber Jarmy und Keila haben einander. Er ist ein halbgebildeter Gauner, sie eine analphabetische Prostituierte, und ihre Liebe ist so groß, dass sie "ein Omen für alle Warschauer Huren war, nicht die Hoffnung aufzugeben, ein Zeichen, dass die Liebe noch immer die Welt regierte, auch wenn man bis zum Kinn im Sumpf versank." Sie führen eine offene Ehe, einzige Bedingung ist, dem anderen von jeder Affäre ganz genau zu erzählen - etwa, wenn ihr alter Lude Itsche Einauge sie ins Krankenhausbett zerrt.

Der Rabbinersohn kannte das alte jüdische Warschau in der Krochmalna-Straße noch

Die Unterwelt Warschaus im Roman ist ein merkwürdiger Ort zwischen Zuneigung und monströser Kälte, zwischen Dämonen in Menschengewand und freundlich winkenden krummen Gestalten, mit Namen wie Schmul Schmand oder die Dicke Reitzele. Keila selbst wird "die Rote" genannt, nicht wegen einer politischen Überzeugung, sondern wegen ihrer Haare, Jarmy "Stachel", weil er seine Freunde gerne piesackt. Der Rabbinersohn Singer kannte dieses Warschau als Jugendlicher noch, aber in seiner Erzählung liegen über dem harten Kern echter Verzweiflung mehrere Schichten Kolportagekitsch, die nach und nach abgetragen werden.

Doch obwohl er seiner Geliebten Keila immer wieder versichert, er wolle ihr zuliebe mit seinem alten Leben als Kleinganove nichts mehr zu tun haben, schlummert in Jarmy trotzdem eine Art Sadismus, als der Lahme Max in die Beziehung tritt. Max ist ein Menschenhändler, der von unterversorgten Fleischmärkten in der Neuen Welt erzählt, und auch sonst allerlei Ideen für große Coups hat, die Jarmy begeistern, für deren Ausführung aber stets Keila herhalten muss. Sie soll die Mädchen anwerben, die Max und Jarmy dann nach Südamerika zum Anschaffen schicken wollen.

All das nagt an der gutherzigen Keila, der Bruch aber kommt, als Max sie an Jom Kippur vergewaltigt, mit dem Wissen, wie sie vermutet, von Jarmy. Der Moment ist eine Schlüsselszene, hart und unerträglich - auch, weil Singer als Erklärung anbietet, dass es "nicht allein seine Stärke (war), sondern auch ihre Schwäche, ihr Drang, so tief zu sinken, dass sie aus eigener Kraft nie wieder hochkam". Keila gibt sich in dem Roman zum Teil selbst die Schuld an der Vergewaltigung, und der Erzähler ist gewillt, ihr in dieser Erklärung zu folgen.

Es ist chic geworden, von solchen Texte zu sagen, dass sie sich "heute" anders lesen würden. Die darin implizite Behauptung, dass erst #MeToo den Blick auf misogyne Figurenzeichnungen und Narrative freigeräumt hätte, wird gerne von gerade von jenen Kritikern aufgestellt, die vorher über Jahrzehnte hinweg genau diese Problematisierungen abgetan, ignoriert oder aktiv unterdrückt haben.

Diese perfide Verwischung unterschlägt die reiche Tradition feministischer Literaturkritik - wie den Essay, den die Autorin und Aktivistin Evelyn Torton Beck schon 1979 für das jüdisch-feministische Magazin Lilith über Misogynie im Werk von Singer geschrieben hat, also zu jenem Zeitpunkt, als Singer gerade den Literaturnobelpreis erhalten hatte und als wichtigster Erinnerer verschwundener jüdischer Welten kanonisiert wurde.

Becks Essay ist eine Intervention, der Singers von Otto Weininger grundierte Post-Schtetl-Misogynie attackiert: "Indem er das Opfer sich selbst beschuldigen lässt," schreibt Beck über die Story "The Dance", in der es eine ganz ähnliche Situation gibt, "zeichnet Singer nicht nur das Bild einer jüdischen Frau als emotional unterentwickelt - er stellt ihrem Unterdrücker auch einen Freifahrtschein aus." "Du bist sowieso verloren" spricht "eine innere Stimme" zu Keila während der Vergewaltigung. Ließe sich diese innere Stimme aber nicht auch als Ausdruck eines kulturell-sozial tradierten Selbsthasses lesen - und die Szene damit nicht vor allem eine Kritik Singers an der misogynen Atmosphäre, in der sein Roman spielt? Beck lässt das als Einwand nicht gelten, sie will eine Darstellung jenseits dieser stereotypen Unfreiheit und findet dafür einen literarischen Gewährsmann in: Singer. "Wir beziehen uns oft auf die Geschichten, die wir in den jiddischen Zeitungen lesen. Weißt du, wie sehr Literatur das Leben formt?", lässt er eine Figur fragen.

Für die Übersetzung ins Englische hat Singer seine Romane von talmudischem Zitat entschlackt

Becks Essay ist aufregend, weil sie vor allem zeigt, was für ein kompliziertes, stachliges Werk Singer hinterlassen hat. Zu diesem Werk gehört, dass sich auch immer wieder Momente von überraschender Weitsichtigkeit finden, etwa im Umgang mit Trans-Thematiken, oder, wie Beck lobend erwähnt, in Singers Eintreten für eine komplette religiöse Gleichbehandlung von Frauen. Und selbst für die neurotischen, zögernd besitzergreifenden Männer, die Keila in ihrem Leben hat, ist es kein Problem, dass sie mit vielen Männern geschlafen hat.

Nachdem sie Jarmy verlassen hat, trifft Keila den ängstlichen Talmudschüler Bunem, eine von Singers vielen Stellvertreterfiguren. Gemeinsam gehen sie nach New York. Im zweiten Teil des Romans bearbeitet Singer sein anderes großes Thema, die schmerzhafte, fast unmögliche Neuerfindung in Amerika - unmöglich auch, weil irgendwann Jarmy wieder auftaucht und Keila daran erinnert, dass sie immer noch verheiratet sind, also mit Bunem in Sünde lebt. In solchen dramatischen Wendungen, Cliffhangern an Kapitelenden und einigen narrativen Widersprüchen zeigt sich die Fortsetzungsgeschichte, die immer genug Thrill bieten muss, um am nächsten Tag weitergelesen zu werden. Diese Zersplitterung macht auch ein abschließendes Urteil über Singers eh schon, vorsichtig ausgedrückt, nicht komplett kohärentes Denken über Geschlechterrollen unmöglich - und die Lektüre so spannend, gerade im Kontext seiner zeitgleich entstandenen Bücher, wie dem Meisterwerk "Shosha" oder dem Memoirenband mit dem bezeichnenden Titel "A Young Man in Search Of Love". "Jarmy und Keila" ergänzt diese beiden Werke wie eine Art Arbeitstagebuch in Romanform.

Für die Übersetzung ins Englische hat Singer seine auf Jiddisch geschriebenen Geschichten und Romane stets überarbeitet, entzerrt, von manchem talmudischem Zitat entschlackt. Es war auch sein Wunsch, dass diese Fassungen die Grundlage für internationale Ausgaben bilden. So ist auch Christa Krügers Übersetzung eine aus dem Englischen, obwohl diese Fassung in den USA bislang noch nicht erschienen und nur im Singer-Archiv in Austin, Texas, verfügbar ist. Der expressiv lapidare Tonfall ist gelungen, aber oft sind es gerade die jiddischen Qualitäten, die in der Übersetzung leiden. Stets ist vom trockenen "Sabbat" die Rede, wo doch "Schabbat", wenn nicht gar "Schabbes" so nahe liegen; die Namen von Jarmys Kumpanen wie Mordkele Feuerbrand und Shaya Schläger sind auf eine Art verkitscht, die das jiddische Original nicht hergibt.

Die französische Übersetzung - deren Titel "Keila la Rouge" auch schön den eigentlichen Fokus der Geschichte betont - findet dafür die elegante Lösung, aus den vermeintlichen Nachnamen einfach Attribute zu machen. So wird aus Shmul Shmetene statt Schmul Schmand einfach Shmuel la Sauce. Die Geschichte findet zu einem überraschend zärtlichen Ende - dem ein grober Schnitzer der Übersetzung dazwischen grätscht, wenn in den letzten Zeilen aus dem Sehnsuchtsort Coney Island "Cony Island" wird. Im Gegensatz zu den Widersprüchen der Vorlage machen diese Makel den Text nicht lebendiger, sondern bringen nur die melancholische Erkenntnis, wie weit entfernt die Welten des Romans doch sind.

Eine von ihnen, das jiddische New York mit seinen Einwohnern, die jede "frumkeyt" abgelegt hatten und so enthusiastisch den Sozialismus in die Welt holen wollten wie Chassiden den Moshiach erwarten, wird gerade von einer Generation junger Juden in den USA und im Rest der Diaspora zu einem verlorenen Paradies erklärt. Sie nennen sich stolz "jüdische Sozialisten", ihre Einstellung zu Israel ist mehr als nur konfliktträchtig, und sie beleben sogar Jiddisch wieder. "Jarmy und Keila" nun ist eine Flaschenpost aus dieser verlorenen Welt vom erklärten Antimarxisten Singer, die diese Nostalgie verkompliziert - mal aufs Schönste, mal aufs Niederträchtigste.

Isaac Bashevis Singer: Jarmy und Keila. Aus dem Englischen von Christa Krüger. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 464 Seiten, 26 Euro.