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Kino:Showdown der Zyniker

Filmstill

Steve Carell spielt einen völlig überforderten und überheblichen Alphatypen. Das bekommt Rose Byrne als Faith Brewster zu spüren.

(Foto: Daniel McFadden/Universal)

In seiner zweiten Regiearbeit "Irresistible" entdeckt Jon Stewart, dass die Bürger vielen Politprofis völlig egal sind. Ist das jetzt gute politische Satire - oder macht es sich der Film vielleicht doch zu einfach?

Von Nicolas Freund

Politische Satire ist schwer. Um gut zu sein, muss sie einfacher sein als die oft recht komplizierten politischen Sachverhalte, über die sie sich lustig machen möchte. Sie muss aber auch klüger sein als ihr Gegenstand - wie eine gute Karikatur, die nicht nur als Witz, sondern auch als Kommentar funktioniert. Dazu kommt eine Politikerkaste, die eine Art Satire zu ihrer durchgeknallten politischen Methode entwickelt hat. Was dazu führt, dass Witze über Donald Trump, Jair Bolsonaro oder Boris Johnson fast schon affirmativ wirken.

Jon Stewart, der ehemalige Moderator der amerikanischen Nachrichtensatire "The Daily Show" und in dieser Rolle eine einflussreiche Gestalt der amerikanischen Linken, hat sich für seine zweite Regiearbeit "Irresistible" deshalb ein Ziel gesucht, das als Satireobjekt derzeit nicht im Fokus steht: die amerikanischen Demokraten. Und von ihnen ausgehend dann den ganzen politischen Betrieb der USA, der wiederum gar nicht so unverdächtig ist, Realsatire zu sein.

Die Demokratische Partei schien in den ersten Jahren der Präsidentschaft Donald Trumps so hilflos und planlos, dass jeder Witz über sie wirkte, als trete man einen Verlierer, der eh schon am Boden liegt. Im Augenblick ist so ein Tritt aber vielleicht genau das Richtige, um die Partei aus ihrer Schockstarre zu wecken, und Stewart tritt mit "Irresistible" auf eine besonders schmerzhafte Schwachstelle. Bei den bibelfesten, waffenvernarrten Wählern im Herzen des Landes haben die Demokraten traditionell wenig Chancen - sie gelten den Rednecks als elitäre Kosmopoliten von der Ost- oder Westküste, für die der Rest des Landes "Flyover Country" ist, ein Kernland voller Bauern und Viehzüchter, das man höchstens durch den Blick aus dem Flugzeug kennt.

In Stewarts Film kann der Wahlkampfkoordinator Gary Zimmer aus Washington, D. C. deshalb sein Glück kaum fassen, als ihm ein Youtube-Video der Gemeindesitzung im abgehängten Städtchen Deerlaken, Wisconsin, zugespielt wird: Da setzt sich ein kerniger alter Farmer (Chris Cooper) doch wirklich mit aufrichtiger Vehemenz für Migranten ein. Und es kommt noch besser: Der Typ namens Jack Hastings ist auch noch ein ehemaliger Army Colonel. Als hätte John Wayne mit einem Traktor ein Kind gezeugt, meint Gary.

Steve Carell spielt einen völlig überforderten und komplett überheblichen Alphatypen

"Nice", finden seine hippen Mitarbeiter das. Volltreffer, so einen Burschen brauchen die Demokraten, wenn sie bei den Wählern im "Flyover Country" landen wollen. Gary nimmt die Sache selbst in die Hand, zieht sich zur Tarnung schnell noch ein Karohemd über, lässt seine Mitarbeiter einen SUV für sich mieten und jettet nach Deerlaken.

Steve Carell spielt Gary als zugleich völlig überforderten und trotzdem komplett überheblichen Alphatypen. Also ätzend, aber ziemlich lustig. Witze über den Zusammenstoß eines solchen zynischen Apparatschiks mit den gutmütigen, aber scheinbar auch etwas zurückgebliebenen Hillbillys in Deerlaken kostet der Film in allen Peinlichkeiten aus. Gary weiß zum Beispiel nicht, dass man die Budweiser-Kronkorken einfach mit der Hand aufdrehen kann - in solchen Szenen zeigt Stewart keinerlei Scheu vor Klamauk.

Jedoch ist der Film nicht so dumm, wie er lange Zeit tut. Denn als Hastings einwilligt, der demokratische Spitzenkandidat in Deerlaken zu werden, entwickelt sich das Städtchen zum Wahlkampfschlachtfeld, zu einer Miniaturversion der USA, in der zwei Parteien mit allen legalen und illegalen Mitteln um die Vorherrschaft kämpfen, um die Stimmen eines leicht manipulierbaren Nutzviehs namens Wähler.

Die Demokratie lieber gleich abschaffen?

Die Republikaner schicken ebenfalls eine Delegation nach Deerlaken, angeführt von der völlig skrupellosen, lügenden, manipulierenden, barbiepuppenartigen Faith Brewster. Der leidende Blick von Rose Byrne gibt dieser Figur, die offen auf Trumps aktuelle Pressesprecherin Kayleigh McEnany anspielt, etwas extra Abgründiges. Diese oberflächliche Faith passt perfekt zu Gary. Die beiden kommunizieren vor allem über Obszönitäten, und eigentlich schaukeln sie sich gegenseitig eher hoch, als dass sie sich Konkurrenz machen. Wie Gary und Faith sind in diesem Film die Politiker und ihre Berater alle so ineinander verbissen und vernarrt, dass sie die Wähler komplett vergessen und nicht einmal merken, dass man im von deutschen Einwanderern geprägten Deerlaken gar kein Budweiser trinkt. Diese Politdeppen sind eben alle gleich, sie gehen miteinander ins Bett und kümmern sich nicht um die Bürger. Das ist dann die Pointe des Films, die der Zuschauer schon lange ahnt. Außer ein paar guten und ein paar nicht so guten Wahlkampfwitzen wird dem wenig hinzugefügt.

Aber was soll das nun heißen? Die Demokratie lieber gleich abschaffen? Das komplette System hinterfragen, weil sich ein paar Extremisten nicht richtig an die Regeln halten? Ist das jetzt gute politische Satire? So simpel ist es mit den angeblich komplett verdorbenen Politikern dann doch nicht. Der Film ist weder klüger als das, was er kritisieren möchte, noch gelingt es ihm, die Komplexität des amerikanischen Wahlkampfs wenigstens anzudeuten. Denn all die schwierigen Themen der USA, die das Land aktuell so aufwühlen, blendet er völlig aus: Lagerdenken, Rassismus, Polizeigewalt. Politische Satire ist schwer, aber hier macht sie es sich etwas zu einfach.

Irresistible, USA 2020 - Regie und Buch: Jon Stewart. Kamera: Bobby Bukowski. Mit: Steve Carell, Rose Byrne, Chris Cooper. Verleih: Universal Pictures, 101 Minuten.

© SZ vom 06.08.2020/tmh
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