Irland:Europa, coole Schwester

Lesezeit: 3 min

Paul Murray fragt: Warum sollte das Volk an den unklugen Entscheidungen einiger Privatbanken schuld sein? Das schien egal. Nun zogen Männer mit teuren Anzügen durch die Straßen Dublins.

Von Paul Murray

In meiner Kindheit kamen in jedem Sommer Jugendliche aus Spanien, Italien, Frankreich in meine Heimatstadt Dublin, um dort Englisch zu lernen. Sie übernahmen jeden Bus, jedes Einkaufszentrum, jede McDonald's-Filiale. Wir nahmen ihnen das übel. Für uns waren sie Bewohner einer anderen Welt, einer wärmeren, besser aussehenden, wohlhabenderen - und vor allem glücklicheren Welt.

Zu dieser Zeit, Mitte der Neunzigerjahre, war Irland noch immer ein anspruchsloses Loch, das von der katholischen Kirche regiert wurde. Die lehrte, wir sollten uns für unsere Körper und Seelen schämen, für unsere Hoffnungen und Träume. Man konnte entkommen, wenn man nach Großbritannien oder in die USA ging, aber das war schwierig.

Während dieses Jahrzehnts wurde Europa langsam zur dritten Option. Wenn die Kirche und Anglo-Amerika unsere furchtbaren Elternfiguren waren, dann war Europa die coole große Schwester, die von der Uni zurückkommt, um uns zu retten. Europa war wirklich daran interessiert, wie es uns ging. Es gab uns Geld für Infrastruktur, Bildung und Entwicklung, es drängte mit dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte den Konservatismus zurück; es schleppte uns höflich, aber bestimmt in die moderne Welt.

Nach der Schule reiste ich durch Europa. Die Vielseitigkeit an Kultur brachte mich ins Wanken. Sie schien Sinn zu ergeben; sie schien die Bewohner des Kontinents dazu zu befähigen, sich selbst aufzuklären, aus der Geschichte zu lernen und unnütze Konflikte zu begraben.

Ich fühlte mich, als hätte mich meine Schwester auf eine Party zu ihren älteren Freunden mitgenommen. Hier wurde mir klar, dass das Leben viele Möglichkeiten bietet, an die ich vorher nie gedacht hatte. Und die älteren Freunde wollten, dass ich mitfeiere! Europa wollte mich wirklich, es wollte uns alle.

Durch die Finanzkrise änderte sich alles. Irland wurde zu einem der PIIGS-Staaten - einem der bösartigen Schmarotzerstaaten, die das Europäische Projekt entgleisen ließen. Im November 2010 lieferte Irland seine Unabhängigkeit an eine technokratische Verwandte aus, der Troika aus EU, EZB und IWF.

Warum sollte das Irische Volk an den unklugen Entscheidungen einiger Privatbanken schuld sein?

Statt schöner Teenager füllten jetzt Männer mit fahlen Gesichtern und teuren Anzügen die Straßen Dublins. Sie waren hier, um sicherzustellen, dass die französischen, deutschen und britischen Banken ihr Geld zurückbekamen, das sie den irischen Banken in besseren Zeiten geliehen hatten. Warum sollte das irische Volk an den unklugen Entscheidungen einiger Privatbanken schuld sein? Das war egal. Europa war nicht mehr die coole Schwester. Sie hatte eine Stelle in einer Bank angenommen, und jetzt sprach die Bank, wenn sie ihren Mund öffnete. Die Bank wollte, dass wir uns schämen, und wir schämten uns und wir schämen uns immer noch.

Ich stimme dem Sänger Bono normalerweise nicht gerne zu, aber er hatte recht damit, dass die Europäische Union eine Idee ist, die zum Gefühl werden muss. Gerade sieht sie noch nicht einmal nach einer guten Idee aus: Europas Finanzminister wollen Griechenland dazu zwingen, eine Politik weiterzuführen, die das Bruttoinlandsprodukt gewaltig schrumpfen ließ, die eine Jugendarbeitslosigkeit von 40 Prozent brachte und Selbsttötungen um 35 Prozent zunehmen ließ. Nachdem es der EU gelungen war, einen wunderbaren Bund von Millionen Menschen zu schaffen, die nichts weiter gemeinsam hatten als jahrhundertelange Konflikte, scheint sie nun entschlossen zu sein, sie wieder auseinanderzubringen. Eine Hälfte bekommt das Geld, die andere Hälfte die Scham, das scheint ihr Plan zu sein.

In Irland kennen wir die Scham. Wir wissen, wie es ist, herumkommandiert zu werden. Die Geschichte hat uns gut dafür gerüstet, mit der Austeritätspolitik der Troika zurechtzukommen.

Aber ich vermisse meine coole große Schwester.

Paul Murray wurde 1975 in Dublin geboren. Er hat soeben einen Roman über die irische Bankenkrise beendet. Zuletzt erschien von ihm auf Deutsch "Skippy stirbt" (Kunstmann).

Übersetzung: Benedikt Frank

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema