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Nachruf:Irina Antonowa gestorben

Langjährige Direktorin des Moskauer Puschkin-Museums und robuste Hüterin sowjetischer Kunstschätze: Irina Antonowa (1922-2020).

(Foto: Thomas Eisenhuth/imago)

Die russische Kunsthistorikerin stand wie keine Zweite für Russlands unnachgiebige Haltung in der Beutekunstfrage. Aber auch für vieles mehr.

Von Sonja Zekri

Man sah sie noch immer, wenn das glanzvolle Moskau sich traf. Inzwischen war Irina Antonowa eine Greisin, gebückt und verhutzelt, mit einer Wolke weißer Haare, und doch ließ sie noch immer eine Art innerer Geradheit erkennen, man könnte auch sagen: Unbeugsamkeit. Irina Antonowas Name steht wie kein zweiter für die Kompromisslosigkeit Russlands in der Beutekunstfrage. Sie treibt die Länder seit Jahrzehnten um, auch wenn es aus deutscher Perspektive eine kinderleichte Lösung gibt. Russland muss einfach alle "kriegsbedingt verlagerten Objekte" zurückgeben.

Das muss Russland sicher nicht, war hingegen die Haltung der Kunsthistorikerin Antonowa. Sie wurde 1922 in Moskau geboren, hatte in Deutschland gelebt, sprach Deutsch, aber fand es nur natürlich, nach dem Krieg im Moskauer Puschkin-Museum die Kisten mit Kunstschätzen aus Deutschland zu öffnen und zu katalogisieren, die die Rote Armee schickte und die unter anderem den Schliemann-Schatz enthielten. Deutschland habe der damaligen Sowjetunion so vieles genommen, Schlösser und Paläste und Kirchen vernichtet, von Menschen ganz zu schweigen, da sei die Beutekunst nicht mehr als eine Kompensation, so Antonowa.

Deutschland forderte Kriegsbeute zurück - sie aber verschwieg vieles so lange wie möglich

Die Deutschen, inzwischen kompromisslos legalistisch gestimmt, sahen über die eigene Schuld im Osten großzügig hinweg und forderten, was ihnen vermeintlich zustand, von slawischen Völkern, denen sie kurz zuvor noch die Kulturfähigkeit abgesprochen hatten. Viele Werke gingen dann noch zu Sowjetzeiten an die Museen der DDR zurück, etwa an die Dresdner Gemäldegalerie, aber vieles verschwieg sie so lange wie möglich.

Sie hatte eine andere, modernere Seite, ermöglichte eine Uraufführung des Komponisten Alfred Schnittke im Puschkin-Museum, Lesungen mit dem Dichter Jewgeni Jewtuschenko. In den Achtzigerjahren zeigte sie Warhol, Lichtenberg und Rauschenberg in ihrem Haus und nach dem Ende der Sowjetunion, 1996, auch das Schliemann-Gold.

Gerade ist in Sankt Petersburg eine deutsch-russische Gemeinschaftsausstellung zu sehen, "Eisenzeit - Europa ohne Grenzen". Eine neue Generation sucht neue Wege in der Beutekunst-Frage. Irina Antonowa, die in der Nacht zu Dienstag in Moskau an einer Corona-Infektion starb, konnte es nicht.

© SZ/jsl
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