Debatte Das sparsame Leben der Rentnerinnen

Irene Götz (Hrsg.): Kein Ruhestand – Wie Frauen mit Altersarmut umgehen. Verlag Antje Kunstmann, München 2019. 320 Seiten, 20 Euro.

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Im Jahr 2036 wird jede vierte Frau im Rentenalter arm sein. Dennoch wird über das Problem nur wenig gesprochen. Mit dem Band "Kein Ruhestand" willl Irene Götz eine Debatte befeuern.

Von Susan Vahabzadeh

2036 - das klingt wahnsinnig weit weg, nach Science Fiction. Klingt aber nur so. 2036 ist das Jahr, in dem die heute Fünfzigjährigen endlich rentenreif werden. Vor zwei Jahren schon stellte die Bertelsmann-Stiftung eine Studie vor, die prognostiziert, wer dann arm sein wird - beispielsweise mehr als jede vierte Frau, die dann im Rentenalter sein wird, falls bis dahin überhaupt noch so etwas wie ein Rentenalter existiert. Frauen waren immer schon ärmer als Männer, und sie werden im Alter nicht reicher.

Gemessen daran, wie bedrohlich das Szenario ist, auf das Deutschland zusteuert, ist es schon einigermaßen erstaunlich, wie selten Altersarmut in den Fokus rückt - obwohl es davon jetzt schon reichlich gibt, besonders unter Frauen, denn es sind bereits siebzehn Prozent der deutschen Rentnerinnen auf staatliche Unterstützung angewiesen. Warum dann keiner drüber reden will? Es liegt jedenfalls nicht nur daran, dass die Literatur zum Thema selten ohne Vokabeln wie Erwerbsbiografie oder Individualisierungstendenz auskommt. Irene Götz forscht selbst, zum Hier und Jetzt. Sie ist Professorin für empirische Kulturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität, hat Studien zur Altersarmut gemacht, und nun hat sie das Buch "Kein Ruhestand - wie Frauen mit Altersarmut umgehen" herausgegeben. Götz und ihre Co-Autorinnen haben für das Buch Münchner Rentnerinnen gefragt, wie sie zurechtkommen in München, wo die Armutsgrenze bei 1350 Euro liegt.

Es kommen in diesem Buch auch Fakten und Zahlen vor, aber es geht um mehr: Darum, was es mit den betroffenen Frauen macht, dass sie arm sind, und wie sie sich Mühe geben, ihre Armut zu verbergen. In den Berichten geht es beispielsweise um Wohnsituationen, die eigentlich keiner verdient hat, der ein Leben lang gearbeitet hat. Eine Frau schläft bei der Tochter auf einem Feldbett im Flur, eine andere hat zwar eine Wohnung, aber die gehört einer Verwandten, mit der sie sich nun gut stellen muss. Dabei bleibt die Würde dann mal leicht auf der Strecke.

Ist Altersarmut ein Frauenproblem? Zumindest haben sie dieses Problem häufiger

Was den wenigsten Leuten klar ist: Die Frauen, die Irene Götz für das Buch gefunden hat, haben völlig unterschiedliche Berufe gehabt und in völlig unterschiedlichen Verhältnissen gelebt. Altenpflege ist so zermürbend und so schlecht bezahlt, dass es keinen wundern muss, wenn dabei Altersarmut herauskommt.

Aber in "Kein Ruhestand" gibt es auch eine Verlagskauffrau und eine Buchhändlerin, sogar eine Beamtin. Letztere war verheiratet, erzählt vom Golfplatz und von langen Reisen, für die sie unbezahlten Urlaub nahm. Erst nach der Scheidung hat das Geld nicht mehr gereicht. Für sie alle gibt es eben keine Ruhe, sie arbeiten noch, machen sich Sorgen und versuchen mit großen Aufwand, möglichst günstig über die Runden zu kommen.

Die Generation, um die es in "Kein Ruhestand" geht, darauf weist Irene Götz hin, hat das sparsame Leben gelernt, es ist die Kriegs- und Nachkriegsgeneration. Wie soll das erst werden, wenn die Überflusskinder der Sechziger und Siebziger alt werden - die seltener Kinder gekriegt, dafür aber auch nie kochen gelernt haben? Dass es auch in dieser Generation noch so sein wird, dass es bei den Renten einen Graben zwischen den Geschlechtern gibt, ist auch ein Beweis, wie gefährlich es ist, das Thema zu tabuisieren: Die Frauen, die 2036 67 Jahre alt werden, sind 1969 geboren, sie sind die Kinder der zweiten Frauenbewegung.

Ist Altersarmut ein Frauenproblem? Eine Rente, die nicht zum Leben reicht, ist für jeden ein Problem, aber Frauen haben dieses Problem häufiger. Viele Rentner bekommen weniger als 1350 Euro, und Frauen bekommen im Schnitt etwa sechzig Prozent von dem, was Männer bekommen. "Kein Ruhestand" geht die Gründe durch, die dazu führen: Der Gender Pay Gap verwandelt sich im Alter in eine Rentenlücke, Frauen haben häufig auch Lücken in ihrer - da ist der Ausdruck - Erwerbsbiografie, weil sie Kinder versorgt haben; sie haben oft in Teilzeit gearbeitet und leben im Alter häufiger allein, was teurer ist. Es kriegt ja keine Frau einen Mietnachlass, weil sie früher unterbezahlt wurde.

Ein Feelgood-Buch ist "Kein Ruhestand" nicht gerade; aber dafür ist es ist nützlich. Nicht nur, weil es hilft, das Tabu zu brechen - sondern weil das letzte Kapitel tatsächlich ein Ratgeber ist, in dem fein säuberlich aufgelistet ist, was es für Ansprüche gibt, wer sie hat, und wie man sie durchsetzt.

Es muss ohnehin mal einer anfangen, die Dinge zu dokumentieren. Wenn man heute versucht, sich über die Situation von Frauen im England der industriellen Revolution zu informieren, ist das gar nicht so einfach - es gibt nur sehr wenig Literatur darüber, ein paar Daten, die Abfallprodukte sind der Forschung über Kinderarbeit. So gesehen ist "Kein Ruhestand" auch die Geschichtsschreibung von morgen.