"Doch das Böse gibt es nicht" im Kino:Von Füchsen und Menschen

Kinostart - 'Doch das Böse gibt es nicht'

Mohammad Seddighimehr als Bahram und Baran Rasoulof, die Tochter des Regisseurs, als Darya in "Doch das Böse gibt es nicht".

(Foto: -/dpa)

Der Gewinner des Goldenen Bären auf der Berlinale 2020 handelt von der Todesstrafe in Iran. Aber was der Film erzählt, ist allgemeingültig.

Von Susan Vahabzadeh

Nein, "Doch das Böse gibt es nicht" ist kein Film über die Todesstrafe in der islamischen Republik Iran. Eher schon hat der iranische Filmemacher Mohammad Rasoulof, selbst ein Dissident, einen Film gedreht über die Todesstrafe an sich; einen kleinen Essay über die Banalität des Bösen. Der Film, eine deutsch-tschechische Coproduktion, hat im vergangenen Jahr bei der Berlinale gewonnen, und dass es die Todesstrafe auch anderswo gibt und vieles, was Rasoulof hier zeigt auch dort gilt, wurde dabei geflissentlich unter den Tisch fallen gelassen.

Allerdings: Die Todesstrafe wird Amnesty International zufolge nirgends so häufig vollstreckt wie in Iran. Rundherum muss es also eine Bürokratie, ein Berufsbild geben - als einen auf den Punkt gebrachten Ausdruck all jener Kollaborateure, die eine Autokratie am Laufen halten, und genau von diesen Menschen erzählt Mohammad Rasoulof. Wie lebt man damit? Spielt es eine Rolle, ob man zumindest selbst glaubt, die Verurteilten hätten ihre Strafe verdient? Ausgangspunkt sei, so Rasoulof, eine unerwartete Begegnung gewesen mit einem Mann, der ihn einmal verhört hat, er habe ihn von weitem erkannt und sei ihm dann eine Weile gefolgt, und er sei dann plötzlich ein ganz normaler Mann gewesen, der seinem Alltag nachgeht. Böse, könnte man sagen, ist er nur von Beruf.

Mit einem solch ganz normalen Mann beginnt "Doch das Böse gibt es nicht". Man sieht Heshmat (Ehsan Mirhosseini) in der ersten Szene, wie er durch sich windende Gänge aus den Untiefen einer Garage in den Tag hineinfährt, nach Hause, wie er mit Frau und Kind Besorgungen erledigt, seine alte Mutter versorgt, seiner Frau die Haare färbt. Ein langer Tag. Sie deckt ihn zu, als er erschöpft einschläft. Heshmat muss früh raus, zurück ins Gefängnis, das düstere Labyrinth. Was immer er auch am Tage ist - im Morgengrauen wird er zum Monster.

Als Prämie gibt es einen Sack Reis, so schwer, dass ihm ein Kollege helfen muss, ihn in den Kofferraum zu hieven. Warum, will Rasoulof wissen, tun Menschen Dinge, die nicht in ihnen stecken, die sie unglücklich machen, und warum ist es in einer Autokratie noch wahrscheinlicher, dass sie sie tun? Beispielsweise, weil sie so ihre Familie versorgen, weil sie in ein System hineingeraten sind, dass sie dann nicht hinterfragen. Heshmats Familie geht es besser als vielen anderen in Iran. Als jemand, der selbst von diesem System angegriffen wird, zeigt Rasoulof erstaunlich viel Verständnis für Heshmat, diesen leisen Vollstrecker. Einmal sieht man ihn, wie er auf dem Weg zur Arbeit, es ist noch Nacht und es regnet und die Straßen sind leer, regungslos in seinem Wagen vor einer grünen Ampel steht, als könne er selbst nicht ertragen, was aus ihm geworden ist.

Nur der Dissident in der letzten Episode ist ein Mann großer Worte

Das ist die erste Episode von "Doch das Böse gibt es nicht" - Rasoulof dekliniert die Todesstrafe durch, erforscht jene, die sie vollstrecken, und solche, die es verweigern. Die Gefahr eines solchen Themas ist bei einem Film immer, dass am Ende so eine Art verfilmter Leitartikel daraus wird, aber die Klippe hat er umschifft. Heshmat beispielsweise ist ein schweigsamer Mann, er erklärt sich nicht, seine Gedanken kann man nur erahnen, den Stoizismus, mit dem er handelt, aus seinen Gesichtszügen herauslesen.

Nur der Dissident in der letzten Episode ist ein Mann großer Worte - Bahram (Mohammad Seddighimehr) war früher einmal Arzt, aber schon vor vielen Jahren hat er sich in die Einöde verkrochen und sich von der Gesellschaft abgewandt. Er lebt mit seiner Frau in den Bergen. Daria kommt zu Besuch, eine junge Verwandte aus Deutschland, verkörpert von Baran Rasoulof, der Tochter des Regisseurs, die tatsächlich in Hamburg lebt. Bahram versucht, dem Mädchen begreiflich zu machen, warum er dieses ärmliche Außenseiterleben gewählt hat, das auch seine Familie in Mitleidenschaft zieht - warum er nicht anders konnte. Früher hatten sie Hühner, die hat der Fuchs geholt; und sein Verhältnis zu diesem Fuchs, der immer noch ums Haus streicht, wird sein Argument sein für die Einzigartigkeit des Menschen, der einen freien Willen hat und sich gegen das Töten entscheiden kann. Nur der Mensch wird das Töten planen und rechtfertigen; nur er kann es verweigern.

Die karge Schönheit dieser Landschaft, der Fuchs, dass Bahram immer recht hat, weil er eins ist mit der Natur, das sind Mittel des Kinos, und es ist auch gar nichts einzuwenden gegen dialoglastige Szenen, deren Sinn sich eben nicht aus den Bildern ergibt. Mohammad Rasoulof hat das Kino nicht neu erfunden mit "Doch das Böse gibt es nicht". Aber man kann seine Filme nie ganz trennen von ihrer politischen Bedeutung und vor allem nicht von der Opferbereitschaft, mit der sie gemacht sind.

Das Regime wollte, anstelle einer Gratulation zum Berlinale-Sieg, eine ausstehende Haftstrafe vollstrecken

Rasoulof ist in Iran schon lange Persona non grata, wegen unbotmäßiger Äußerungen mehrfach verhaftet und verurteilt und wild entschlossen, einfach so weiterzumachen wie bisher. Zuhause werden seine Filme nicht gezeigt. Ausreisen darf er schon seit Jahren nicht mehr, aber dank Video-Liveschaltungen kann er jetzt gelegentlich virtuell an Festivals teilnehmen. 2013 wurde in Cannes sein Thriller "Manuscripts don't Burn" gezeigt, der von zwei Auftragskillern handelt - allerdings nicht von irgendwelchen, es war der Reim, den Rasoulof sich auf eine reale Mordserie an Journalisten und Schriftstellern in Iran Ende der Achtzigerjahre machte. Eine Weile lebte Rasoulof in Deutschland, aber er ging nach Teheran zurück. Nur wenige Wochen, nachdem er im vergangenen Jahr den Goldenen Bären für "Doch das Böse gibt es nicht" bekommen hatte, machte er wieder Schlagzeilen, das Regime wollte, sozusagen anstelle einer Gratulation zum Berlinale-Sieg, eine ausstehende Haftstrafe vollstrecken.

Die Form des Films - vier in sich geschlossene Episoden - ergibt sich schon aus den Produktionsbedingungen. Die Dreharbeiten zu "Doch das Böse gibt es nicht" fanden nämlich heimlich statt, Drehgenehmigungen gab es für vier Kurzfilme, eingereicht von anderen Filmemacher, die sich bereit erklärten, für Rasoulof den Strohmann zu geben - er selbst agierte am Set manchmal gar in Verkleidung.

Einen wie Pouya (Kaveh Ahangar), den Helden der zweiten Episode, würde man vielleicht als hoffnungsvolles Fantasiegebilde abtun, hätte ihn ein anderer Regisseur erfunden. So aber handelt er im Geist seines Schöpfers, wenn er mit seiner Freundin durchbrennt. Die beiden hören auf ihrer Flucht das Partisanenlied "Bella Ciao" und singen laut mit, man könnte das fast mit einem heiteren Moment verwechseln. Zuletzt sieht man sie in den Bergen. Begrab mich oben auf dem Berge, Bella ciao, ciao, ciao - die Resistenza klingt da mit an, der Kampf gegen den Faschismus. Der junge Soldat in der Episode, die darauf folgt, ist das düstere Spiegelbild von Pouya - er hat sich genau andersherum entschieden, aber sein Leben ist dennoch dahin. Bloß auf eine andere Art.

Das ist das, was Rasoulof glaubt - dass das berufsmäßige Töten auch denjenigen von innen heraus zerstört, der tötet. Das ist ein Menschenbild, das kaum Raum lässt für Gewissenlosigkeit, Rachsucht und Kälte. Deswegen sind Rasoulofs vier Porträts allgemeingültig, das hat ein Henker in Teheran mit einem irgendwo anders auf der Welt gemein: Kaum ein Mensch sieht sich selbst als das personifizierte Böse. Das unterscheidet die Menschen von den Füchsen, sie können für alles Gründe nennen. Mögen sie noch so verlogen sein.

Sheytan vojud nadarad, Deutschland/Tschechische Republik 2020 - Buch und Regie: Mohammad Rasoulof. Kamera: Ashkan Ashkani. Schnitt: Mohammadreza Muini, Meysam Muini. Mit: Ehsan Mirhosseini, Shaghayegh Shourian, Kaveh Ahangar, Salar Khamseh, Mohammad Seddighimehr, Jila Shahi, Baran Rasoulof. Verleih: Grandfilm, 150 Minuten.

© SZ/freu
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