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Iran:Künstler und Zensur

Nacktheit ist verboten, Erotik sowieso, aber manches geht dann doch. Die Kunstszene schwankt zwischen Selbstzensur und Flucht in die Abstraktion.

Von Bahareh Ebrahimi

"Herr Präsident! Die Künstler sind müde. Kraftlos, enttäuscht und todmüde", so klagt Lili Golestan, 72, eine der berühmtesten Kuratorinnen Teherans, in einem Brief an den iranischen Präsidenten Hassan Rohani. Sie geißelt die Zensur von Büchern, Filmen und Konzerten, insbesondere, dass Parviz Tanavoli, einer der Pioniere zeitgenössischer Bildhauerei, das Reisen offiziell untersagt wurde. In Berlin werden nun immerhin Tanavolis Werke zu sehen sein (siehe Reportage). Ihr offener Brief erschien am 11. Juli in der Tageszeitung Schargh.

Womöglich ist staatliche Unterdrückung nicht der einzige Grund, warum die Kunst in Iran "todmüde" ist: Schon in der Familie gilt sie nicht viel, dort sieht man es lieber, dass die Kinder sich für Ingenieurswissenschaften oder Medizin immatrikulieren. Im Gymnasium werden die wenigen Kunststunden häufig durch Mathematik oder Physik ersetzt, und während Architektur noch als angesehen gilt, hält man bildende Kunst für entbehrlich.

Dennoch möchten immer mehr Abiturienten Kunst studieren. Denn neben den staatlichen Kunst- und Kulturhäusern hat sich die Zahl der privaten Galerien vermehrt, vor allem in der Hauptstadt. Überraschend: Fast alle bieten Kunstkurse an, in denen man sich auf den "Konkur", die Aufnahmeprüfung der staatlichen kostenfreien Universitäten, vorbereiten kann. Sie sind sogar eine der Haupteinnahmequellen der Galerien.

Der Staat nimmt die bildende Kunst dagegen nicht besonders ernst und hält sich bei der Finanzierung zurück. Das Desinteresse hat auch Vorteile. Schon der Name "Ministerium für Kultur und islamische Führung" koppelt den Kulturauftrag an die Kontrolle. Filme, Bücher und Ausstellungen dürfen nicht gegen islamische Gesetze oder Sitten verstoßen.

In ihrem jüngsten Interview mit der Tageszeitung Etemad setzte Lili Golestan ihre Analyse fort: "Eigentlich ist es besser, wenn man uns nicht so ernst nimmt." In den Achtzigerjahren seien bei Vernissagen Beamte der Regierung aufgetaucht, die skeptisch fragten, warum so ein Gedränge herrsche. Noch immer begegne sie solchen Besuchern: "Aber ich habe nichts mit denen zu tun, wenn sie was mit mir zu tun haben wollen, können sie sich melden!" Bis jetzt seien alle aber einfach wieder gegangen. Golestan bleibt positiv: "Lassen Sie uns das doch Neugier nennen!"

Die rote Linie, vor allem bei bildender Kunst, ist ohnehin kaum definiert. Nacktheit, egal ob männlich oder weiblich, ist nicht erlaubt. Unverschleierte Frauen ebenso wenig. Alles Vulgäre ist verboten, wie auch Erotik. Manchmal. Denn die Urteile sind durchaus willkürlich. Häufig achten die Kuratoren selbst darauf, dass die Werke in den Ausstellungen nicht anstößig sind. Aber auch viele Künstler zensieren sich selbst, vermeiden bestimmte Themen oder Motive. Manche versuchen, sich symbolisch mitzuteilen. Deswegen ist das Geschlecht vieler Figuren auf Gemälden oder Zeichnungen, aber auch Skulpturen, häufig nur wenig ausgeprägt. Und wo jemand es wagt, eine weibliche Figur darzustellen, ist diese oft grotesk haarlos oder manchmal sogar körperlos.

Viele Künstler ziehen es daher vor, abstrakt zu arbeiten. Wie Saeideh Gilani, eine 35-jährige Malerin aus Teheran: "Einerseits würde ich mich lieber unklar und geheimnisvoll ausdrücken und möchte nicht alles einfach mitteilen. So können die Zuschauer selber etwas entdecken. Anderseits sind die Menschen, Figuren und überhaupt eine realistische Technik und Objektivität nicht meine Sache." Ein Rest von Unklarheit scheint in Iran generell gut zu funktionieren. Nicht nur diejenigen, welche die roten Linien ziehen, sondern auch die Akteure in der persischen künstlerischen Szene bemühen sich, einen kleinen Spielraum zu behalten.

© SZ vom 13.08.2016

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